Taliban-Offensive Bombe unter der Burka

Mehr als 300 Tote binnen einer Woche, allein heute starben 60 Menschen: Der Kampf der Taliban gegen die Alliierten tobt. Um Nachwuchs für Selbstmordattentate zu rekrutieren, haben die Gotteskrieger jetzt eine CD herausgegeben. Der Titel: "Karawane der Märtyrer".

Von Joachim Hoelzgen


Kabul - Terrorfürst Osama Bin Laden und auch der Anführer der Taliban, Mullah Mohammed Omar, gehörten zu seinen Gesprächspartnern - und damit zu den großen Scoops des Journalisten Rahimullah Youssufzai aus Peschawar. Vor allem das Interview mit dem einäugigen Mullah Omar war erstaunlich, der Fremden zutiefst misstraut - nur eben nicht Youssufzai.

Denn der gehört zum einflussreichen Stamm der Youssufzai an der pakistanisch-afghanischen Grenze und spricht wie Mullah Omar, der selbsternannte "Befehlshaber der Gläubigen", Paschtu, die Sprache der kriegerischen Paschtunen. Sogar die Stimme Youssufzais war dem Taliban-Oberen vertraut, weil sie während der Besetzung Afghanistans durch die sowjetische Armee im Paschtu-Dienst der BBC zu hören war - und Youssufzai oft aus dem umkämpften Afghanistan berichtete.

Doch nun hat der Büroleiter einer pakistanischen Zeitung in Peschawar wieder einen seiner Knüller gelandet. Zusammen mit der Nachrichtenagentur AFP hat Youssufzai ein Propagandamanöver der Gotteskrieger aufgedeckt, das ebenso gespenstisch wie gefährlich ist: Eine Hightech-Abteilung der Taliban, "Stimme des Studios Heiliger Krieg" genannt, hat eine CD mit dem Titel "Karawane der Märtyrer" und Aufnahmen von Selbstmordattentätern produziert - ein filmischer Wahnwitz nach dem Vorbild ähnlicher Streifen von palästinensischen Attentätern und solchen, die sich im Irak in die Luft sprengen.

Die CD zeigt einen bärtigen Mullah, der als Selbstmordbomber auftritt und dessen Name Mohammed Yousaf lautet. An seiner Seite steht ein junger Mann, der "nervös und unschuldig" aussehe und "dessen Gesicht noch kein Barthaar trägt", wie Rahimullah Youssufzai bemerkt. Die Attentäter sollen am 1. Januar in Kandahar amerikanische Soldaten angegriffen haben, wird auf der CD behauptet.

Vor den beiden Männern befindet sich ein Sprengstoffpaket. Doch anders als der junge Selbstmord-Kandidat, der auf der CD den Namen Amanullah trägt und offenkundig frisch von einer Koranschule kommt, gibt sich Mullah Yousaf kampfentschlossen. Er fordert die Afghanen auf, den Kriegern des Propheten nachzueifern und fleht Allah an, gnädig sein Opfer als Selbstmordattentäter anzunehmen.

An die jüngsten Ansprachen Osama Bin Ladens und dessen Stellvertreters Aiman al-Sawahiri gemahnt der Text eines dritten Todesanwärters, der Saifullah heißt. Saifullah kritisiert "Christen und Juden", die gegen die Muslime Krieg führten und die sich vorgenommen hätten, islamische Länder zu besetzen. Er beschwört seine Loyalität gegenüber Mullah Omar und verspricht, dass seine Aktion zur "Befreiung von den westlichen Ländern" beitragen werde. Saifullah soll laut der CD in der afghanischen Südprovinz Helmand US-Truppen attackiert haben.

Die drei Selbstmordattentäter tragen weiße Stirnbänder, deren Bedeutung den Afghanen noch schmerzlich in Erinnerung ist. Denn weiß war die Flagge des Islamischen Emirats Afghanistan, wie die Taliban das Land unter ihrer Herrschaft nannten, und weiß ist für sie auch die Farbe des Todes.

In den Basaren der afghanischen Grenzprovinzen und der pakistanischen Stammesgebiete jenseits der Grenze wird die CD des Todes schon gehandelt. Und heikler könnte ihr Erscheinen nicht sein, da die Taliban damit eine These des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai unterlaufen, der stets betont, die Angreifer seien "outsiders" - ausländische Terroristen etwa aus Tschetschenien, Usbekistan und dem benachbarten Pakistan.

Der bärtige Mullah und dessen jugendlicher Begleiter aber stammten aus der afghanischen Provinz Khost, wird auf der CD eigens angemerkt. Und der Einzel-Attentäter Saifullah komme aus Paktia, das gleichfalls eine Provinz im Osten des immer unsicherer werdenden Landes ist.

Mit den heimischen Selbstmordbombern und den Filmausschnitten mit zerstörten und brennenden Fahrzeugen der Feinde wollen die Taliban aber auch neue Rekruten für Todesmissionen gewinnen. Großspurig meldete sich zum Beispiel ein Kommandeur namens Dadullah, in Afghanistan als "Dadullah der Lahme" bekannt, bei der Nachrichtenagentur Reuters und verkündete: "Immer mehr Leute schließen sich uns als Selbstmordattentäter an, um gegen die ausländischen Truppen und deren Agenten zu kämpfen." Das aber waren wohl die letzten öffentlichen Worte des Lahmen, da er bei einem der jüngsten Gefechte im Süden des Landes vermutlich in Gefangenschaft geriet.

Neben Straßenbomben, wie sie auch von den Insurgenten im Irak benutzt werden, sind Selbstmordanschläge für die Amerikaner und die internationale Afghanistan-Schutztruppe zu einer hinterhältigen und lauernden Gefahr geworden. Seit November letzten Jahres schlugen in dem geschundenen Land mehr als 30 solcher Attentäter zu. Seit Mitte voriger Woche wurden mehr als 300 Menschen getötet, vor allem im Süden des Landes breiten sich die Kämpfe immer mehr aus.

Alleine heute kamen bei Gefechten in Süd-Afghanistan 60 Kämpfer der Taliban sowie vier afghanische Soldaten ums Leben.Wegen der Selbstmordattentäter beklagen die Händler in Kandahar einen schweren Umsatzrückgang auf den Märkten. Und Polizisten in der Basarmetropole sind Zielscheiben sogar in den Wachgebäuden, vor denen immer wieder mal Motorrad- und selbst Fahrradbomber vorfahren. An einem Kontrollpunkt der afghanischen Armee erschien gar ein Selbstmordattentäter, der sich mit dem Ganzkörpergewand der Burka als Frau verkleidet hatte. Drei Soldaten starben bei der Explosion der Bombe, die er unter der Burka versteckte.

Seit der Schneeschmelze auf den Pässen des Hindukusch schwärmen die Taliban wieder über ganze Landstriche aus, was vor kurzem zu einem Gegenschlag mit Bombern - amerikanischen B-52-Maschinen - in der Provinz Kunar führte. Gut zwei Dutzend der Gotteskrieger wurden am Montag bei einem Bombenangriff auf das Dorf Azizi bei Kandahar getötet. Das Ziel war eine Koranschule, in der sich die Taliban verschanzt hatten. Aber auch zahlreiche Dorfbewohner kamen bei dem Angriff amerikanischer A-10-"Warthog"-Jets ums Leben.

Im afghanischen Süden marodieren Einheiten der Kutten-Krieger, die manchmal bis zu 100 Mann stark sind und ganze Dörfer besetzt halten, vor allem im gebirgigen Uruzgan, der Heimatprovinz Mullah Omars. Dort fühlten sich die Taliban bisher wenig bedrängt. Sie haben wieder Scharia-Gerichte etabliert und in einem Fall sogar wieder eine öffentliche Hinrichtung vollzogen.

Die Kampfeslust der Gotteskrieger wächst, seit Washington verkündet hat, sein afghanisches Kontingent von 19.000 Mann erheblich auszudünnen. Ein französisches Kontingent von 200 Mann war bisher schon in Kandahar stationiert. Nun aber rücken auch Truppen der Nato an - kanadische, niederländische und britische Einheiten -, um den Fehlbestand im Süden und in dessen Großprovinzen Kandahar und Helmand wettzumachen. Die Briten stießen jetzt prompt und zum ersten Mal auf Kämpfer der Taliban und bekämpften sie mit "Apache"-Kampfhubschraubern. Doch die Geschichte lehrt, dass sie es mit einem grimmigen Gegner zu tun haben werden, der nichts vergisst und zu allem entschlossen ist.

Zuletzt war 1880 eine britische Infanterie- und Kavalleriebrigade westlich von Kandahar aufmarschiert und erlitt bei Maiwand eine schwere Niederlage. Religiöse Fanatiker, die weiße Roben trugen und "Ghazi" genannt wurden, griffen die Fremden frontal wie Selbstmordkämpfer an und töteten 1000 der ungläubigen Invasoren. Der Rest des Expeditionsheers musste sich in die Zitadelle von Kandahar zurückziehen und dort auf seine Rettung und den Abzug warten.



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