Kampf gegen Taliban in Afghanistan "Nicht gehalten, was wir versprochen haben"

Die Taliban sind auf dem Vormarsch, Polizisten müssen ihre Stützpunkte verlassen, weil ihnen die Munition fehlt und die Disziplin der Soldaten ist am Boden. Die afghanische Regierung und ihre Armeeführung sind vom eigenen Versagen bestürzt.
Afghanischer Soldat in Helmand: Taliban so mächtig wie seit 2001 nicht mehr

Afghanischer Soldat in Helmand: Taliban so mächtig wie seit 2001 nicht mehr

Foto: ABDUL MALIK/ REUTERS

Die afghanische Armee hat in den vergangenen Monaten dabei versagt, den Vormarsch der radikalislamischen Taliban zu verhindern. Es herrscht darüber Verbitterung bei hochrangigen Regierungs- und Armeevertretern in Kabul.

Die "Washington Post" zitiert  jetzt aus dem Protokoll eines Treffens des afghanischen nationalen Sicherheitsrats Ende Oktober. "Wir haben nicht die Erwartungen der Menschen erfüllt. Wir haben nicht geliefert", soll demnach der afghanische Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah gesagt haben. Und weiter: "Unseren Streitkräften mangelt es an Disziplin." Außerdem habe man es nicht geschafft, Sorge für die eigenen Polizisten und Soldaten zu tragen. "Sie müssen weiter enorme Verluste hinnehmen", so Abdullah Abdullah laut der Zeitung.

Auch hochrangige US-Vertreter sollen sich bei dem Treffen kritisch geäußert haben. Die afghanische Armeeführung würde die Truppe nicht richtig managen, die Soldaten bekämen keine ausreichende Ausbildung, die Disziplin sei verheerend. In Richtung afghanischer Armee soll General John F. Campbell, Kommandeur der US-Truppen und ihrer Verbündeten in Afghanistan, gesagt haben: "Ihr habt viel mehr Ausrüstung als sie (die Taliban). Ihr seid besser trainiert. Es geht nur um Führung und Verantwortlichkeit."

Immer mehr Soldaten desertieren

Hauptaugenmerk der Afghanen und Amerikaner beim Kampf gegen die Taliban liegt derzeit auf der Provinz Helmand: Dort rücken die Islamisten immer weiter vor - obwohl dort rund 18.000 afghanische Soldaten und Tausende Polizisten stationiert sind. In der südafghanischen Provinz zeigt sich, wie katastrophal die Situation der Sicherheitskräfte ist: Die "Washington Post" berichtet, dass Polizisten in den vergangenen Wochen von ihren Stützpunkten fliehen mussten, weil sie keine Munition mehr hatten.

Laut dem Chef der afghanischen Armee sind zudem rund 40 Prozent der Armeefahrzeuge in Helmand kaputt, die Kampfmoral der Soldaten ist einem anderen Vertreter der afghanischen Sicherheitskräfte zufolge niedrig, außerdem gebe es Streit, Anweisungen würden nicht befolgt - so zitiert ihn die "Washington Post". Es fehle der Armee weiter an Nachwuchs, immer mehr Soldaten desertierten.

Laut "Washington Post" kontrollieren die Taliban nach Einschätzung westlicher und afghanischer Regierungsvertreter rund 30 Prozent der afghanischen Bezirke oder sie sind dort stark präsent - damit sind sie so mächtig wie nie seit dem Jahr 2001. Desertierte oder verwundete afghanische Soldaten berichten, die Islamisten seien immer besser ausgerüstet und trainiert.

Afghanistan und Pakistan wollen mit Taliban reden

An diesem Montag zeigten die Taliban erneut ihre Stärke und verübten nahe des Flughafens von Kabul einen Selbstmordanschlag auf einen Nato-Konvoi. Ein Zivilist wurde getötet. 13 weitere Zivilisten seien bei der Attacke verletzt worden, teilte die Polizei mit.

Im Kampf gegen die Islamisten setzen die Regierungen Afghanistans und Pakistans auch auf Verhandlungen mit den Taliban. Beide Länder willigten an diesem Sonntag in Treffen mit Vertretern der USA und Chinas im Januar ein, um die Friedensgespräche mit den Islamisten vorzubereiten, wie Regierungsvertreter sagten. In einer Erklärung des afghanischen Präsidialamts hieß es, die erste Runde der Gespräche zwischen Afghanistan und Pakistan sowie den Vermittlern USA und China solle dem Entwurf eines umfassenden Friedensfahrplans dienen. Die Taliban äußerten sich zunächst nicht.

Die Ankündigung erfolgte zeitgleich mit einem Treffen des einflussreichen pakistanischen Armeechefs Raheel Sharif in Kabul mit dem afghanischen Staatschef Aschraf Ghani und Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah. Ghani hatte sich zuletzt für bessere Beziehungen mit Pakistan starkgemacht, das ein wichtiges Rückzugsgebiet für die Taliban ist.

Die Verhandlungen mit der islamistischen Rebellenbewegung waren nach einem ersten Treffen im Juli nicht weiter fortgesetzt worden. Ein Grund für die Unterbrechung war, dass nach der Bekanntgabe des Todes des langjährigen Taliban-Führers Mullah Omar in der Bewegung ein Machtkampf ausgebrochen war. Die Fortsetzung der Gespräche wurde aber auch durch die frostige Stimmung zwischen Kabul und Islamabad behindert.

Kabul beschuldigt das Nachbarland seit Langem, die Taliban als Mittel im Kampf um Einfluss in Afghanistan zu verwenden. Kabul warf Islamabad insbesondere vor, den Aufständischen Ende September bei der Eroberung der nordafghanischen Stadt Kunduz geholfen zu haben.

Zusammengefasst: In Afghanistan sind die Taliban so mächtig wie seit 2001 nicht mehr - die Armee konnte den neuen Vormarsch nicht stoppen. Jetzt wird in der afghanischen Regierung und Armeeführung die Kritik am eigenen Versagen lauter. Der Zustand der Streitkräfte ist erschreckend - Ausrüstung fehlt, die Kampfmoral ist niedrig, es mangelt an Disziplin.

anr/dpa/AFP
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