Talibanführer Omar Ende eines Gotteskriegers

Die US-Regierung will den Taliban-Führer Mullah Omar vor Gericht stellen, der aber ist auf der Flucht. Selbst wenn er gefasst würde, stellt sich die Frage, in welchem Land ihm der Prozess gemacht werden soll. Eine Verurteilung würde Omar ohnehin nicht als Rückschlag ansehen, wie ein Blick auf seine Biografie zeigt.

Berlin - In der Not werden auch Gotteskrieger zu Pragmatikern. "Wir bleiben in Kandahar!", tönte der Führer der Taliban, Mullah Mohammed Omar, noch vor gut einer Woche. Er wurde nicht müde zu propagieren, seine Leute würden bis zum letzten Blutstropfen kämpfen.

Kurz darauf verhandelte der bärtige Gotteskrieger mit dem neu ernannten Präsidenten der Übergangsregierung, Hamid Karzai, übergab kurzerhand seine Heimatstadt Kandahar, handelte im Gegenzug für seine Söldner freies Geleit aus - und machte sich selbst aus dem Staub. Falls man ihn finde, werde er festgenommen, sagte Karzai am Freitag.

Aber wie findet man einen Mann, von denen die meisten Afghanen nicht mal ein Foto kennen? Einen Mann, den selbst die meisten seiner Anhänger noch nie mit eigenen Augen gesehen haben?

Sohn eines armen Bauern

Bekannt ist nicht einmal das Geburtsjahr jenes Mannes, der bis vor kurzem noch 90 Prozent Afghanistans kontrollierte. 1958 oder 1959 in dem kleinen Dorf Nodeh nicht weit von Kandahar geboren, wuchs er als Sohn eines armen paschtunischen Bauern auf. Der Vater starb früh, so dass Omar als ältester Sohn zum Ernährer seiner Familie wurde. Er studierte an einer Koranschule und wurde Mullah an einer Moschee im Dorf Singesar.

Als er zwanzig war, marschierten die Sowjets in Afghanistan ein. Mohammad Omar floh über die Grenze nach Pakistan und lebte zunächst in einem Flüchtlingslager nahe Peschawar. Dort schloss er sich der Widerstandsgruppe "Hezb-e-Islami" als Mudschaheddin an. Bei einem Gefecht in der Provinz Kunar verlor er das rechte Auge, dessen Lid er sich daraufhin zunähen ließ.

Den Kämpfen zwischen den zersplitterten Mudschahidin-Gruppen nach dem Abzug der Russen 1989 entzog er sich zunächst. 1994 dann gründete er zusammen mit anderen Koranschülern aus Pakistan die Bewegung der Taliban (wörtlich: "Suchende religiösen Wissens").

Siegeszug mit Pick-ups und unerschütterlichem Glauben

"Wir wählten Mullah Omar als Führer, nicht wegen seiner politischen oder militärischen Fähigkeiten, sondern wegen seiner Frommheit und seines unerschütterlichen Glaubens in den Islam", erzählte einmal der ehemalige Gouverneur von Kandahar, Mullah Mohammed Hassan. Genauso begann er seinen Siegszug: mit einfachen militärischen Mitteln (Toyota-Pick-ups und Granatwerfern), aber mit einer Ideologie, die in Westeuropa an die dunkelsten Zeiten des Mittelalters erinnerte.

Erst Osama Bin Laden, dessen eine Tochter Omar heiratete, öffnete ihm den Horizont über Afghanistan hinaus für den globalen Anspruch des Islam. Sein Ehrgeiz wurde so groß, dass er sich 1996 nach der Einnahme von Kandahar gar die Nachfolge des Propheten und Religionsstifters Mohammed anmaß. Aus einem Schrein in Kandahar nahm er einen Mantel, der der Legende nach dem Propheten gehörte. Er stellte sich auf ein Häuserdach, streckte den Mantel vor den Menschen in die Höhe und legte ihn sich um. Das war das Signal zum Sturm auf die Hauptstadt Kabul, die kurz darauf an die Taliban fiel.

"Emir von Afghanistan" ließt er sich nennen und "Führer des gesamten Islam" - seit dem vierten Kalifen vor 1000 Jahren hatte sich keiner mehr diesen Titel gegeben, schreibt Tim Weiner in der "New York Times". Ähnlich wie der Prophet Mohammed lebte er stets asketisch. Nach Angaben eines ehemaligen pakistanischen Botschafters spricht Omar selten und ernährt sich hauptsächlich von Tee, Früchten und Nüssen.

Wohnhaus mit Stacheldraht und bombensicherem Dach

Sein Haus in Kandahar war mit Stacheldraht umzäunt und durch ein bombensicheres Dach geschützt. Gäste empfing er auf dem Bett sitzend, ihnen gebot er, sich vor ihn auf den Teppich zu setzen. Brauchten sie Geld, soll er eine Kiste neben seinem Bett hervorgeholt haben - so funktionierte bis vor kurzem die Staatskasse Afghanistans.

Sein Heim hat er nun verlassen. Er ist auf der Flucht - genauso wie sein Gönner Osama Bin Laden, von dem er sich allerdings nach dem 11. September distanziert hatte. Er bot an, Bin Laden auszuliefern, wenn er Beweise für seine Schuld erhielte. Die US-Regierung aber weigerte sich, diese Beweise vorzulegen. Bis heute ist unklar, ob sie überhaupt existieren. Noch dünner ist die Grundlage, auf der George W. Bush Mullah Omar dingfest machen will.

Welches Gericht soll Omar den Prozess machen?

Leute, die Terroristen Zuflucht gewähren, müssten vor Gericht gestellt werden, ließ Bush durch seinen Sprecher Ari Fleischer verkünden. Aber wo? In den USA?

Da ihn die US-Regierung der Mithilfe an den Anschlägen auf New York und Washington verdächtigen, könnte sie versucht sein, ihn in den USA vor Gericht zu stellen. Doch selbst wenn sie ihn der Beihilfe zum Massenmord überführen könnte, stünde sie doch vor einem Dilemma. Denn ein Prozess oder gar eine Hinrichtung in den USA könnte selbst diejenigen Muslime gegen die Weltmacht aufbringen, die sich bislang nicht mit dem islamistischen Gotteskrieger identifizieren.

Näher liegend wäre, ihn wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu stellen. Dort säße er dann Zelle an Zelle mit Slobodan Milosevic.

Dritter möglicher Gerichtsort wäre ein islamisches Land. Das würde unter den Muslimen in der Welt wahrscheinlich am wenigsten Proteste erzeugen. Trotzdem: Welcher islamischer Staat wäre bereit, einen solchen Prozess abzuhalten? Es müsste ein Land sein, das weder zu sehr in der Gunst der Vereinigten Staaten steht - noch fundamentalistisch geprägt ist, damit nicht die Gefahr besteht, dass das Urteil zu mild ausfallen würde. Saudi-Arabien scheidet damit aus, Pakistan würde in Frage kommen, würde aber an den Protesten der Taliban-Anhänger vermutlich zerbrechen. Ägypten wäre eine Option, mit der sich vielleicht sogar die US-Regierung anfreunden könnte.

Einen Prozess außerhalb der USA scheint zumindest die US-Regierung nicht völlig von der Hand zu weisen. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld versicherte zwar, Mullah Omar müsse zur Rechenschaft gezogen werden. "Mullah Omar verdient keine Freiheitsmedaille", sagte er, vermied es jedoch, den Begriff Amnestie explizit zurückzuweisen, indem er andeutete, Washington könne sich mit einer Aburteilung der Taliban durch Drittländer durch Drittparteien zufrieden geben, die dem Willen Washingtons entspreche.

Möglich ist aber auch, dass Mullah Omar nie gefasst wird. Dann bestünde das Risiko, dass der Gotteskrieger irgendwann an einer anderen Front wieder auftaucht - oder erneut in Afghanistan.

"Was hat es für eine Bedeutung, welches Gebiet wir kontrollieren?", fragte Mullah Omar noch vor gut einer Woche in einem Interview mit dem polnischen Journalisten Henryk Suchar. "Uns reicht ein Fußbreit Erde, um uns zu verteidigen, nicht aufzugeben, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen."

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