Tanklastzug-Angriff der Nato Bodentruppen-Engpass führte zu Bombenangriff

Die Kritik an der Bundeswehr wegen des Nato-Angriffs auf zwei Tanklastzüge in Afghanistan nimmt kein Ende. Der Luftschlag mit mindestens 50 Toten war offenbar auch eine Folge der dünnen Besetzung der Truppe. Der afghanische Außenminister Spanta lobt aber nun das deutsche Militär.

Kunduz/Berlin - Das Wort "Krieg" im Zusammenhang mit dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan hört Verteidigungsminister Franz Josef Jung nicht gern - aber jetzt wird der CDU-Politiker seinem afghanischen Amtskollegen Rangin Spanta möglicherweise dankbar für dessen Worte sein. Der afghanische Außenminister hat in der Debatte über die vom deutschen Oberst Georg Klein angeforderte Bombardierung zweier Tanklastzüge in Kunduz ausdrücklich die Bundeswehr verteidigt. Zwar müsse bei militärischen Aktionen der Schutz von Zivilisten im Vordergrund stehen, "aber das ist ein Krieg, und bedauerlicherweise kann so etwas passieren", sagte Spanta der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ").

Spanta betonte, dass die Bundeswehr seit Jahren gute Aufbauarbeit in Afghanistan leiste. Zudem seien die afghanische Polizei und das Militär noch nicht allein in der Lage, das Land zu verteidigen. Die Taliban bemühten sich mit aller Macht, vor der Bundestagswahl "solche Aktionen zu unternehmen, um die deutsche Öffentlichkeit zu beeinflussen", sagte Spanta in Bezug auf die am Freitag von Taliban gekaperten Tanklastzüge.

Bei dem Angriff waren mehr als 50 Menschen ums Leben gekommen, Nato-Angaben zufolge wurden auch Zivilisten Opfer des Luftschlags. Der Vorfall wird derzeit untersucht, verlässliche Angaben über die Zahl der Opfer gibt es bislang nicht.

Die Bombardierung in Kunduz ist nach Informationen der "Neuen Osnabrücker Zeitung" auch auf die relative Truppenschwäche der Bundeswehr in der afghanischen Unruheprovinz zurückzuführen. Wie die Zeitung unter Berufung auf hochrangige deutsche Militärs berichtet, hatte der Leiter des deutschen Wiederaufbau-Teams in Kunduz in der fraglichen Nacht keine Möglichkeit gehabt, Bodentruppen zu dem nur sechs Kilometer vom Lager entfernten Aufmarschgebiet der Taliban zu entsenden. "Zu dem Zeitpunkt standen dem Oberst keine ausreichenden Kräfte zur Verfügung, da alle Kampftruppen anderswo im Einsatz oder bereits für eine andere Mission eingeplant waren", sagte ein deutscher Offizier dem Blatt.

Seinen Angaben zufolge gehört fast jeder zweite der 950 in Kundus stationierten Mann den Kampftruppen an. Da deren Verantwortungsbereich jedoch die Größe Hessens umfasse, "müsste eigentlich jedem klar sein, dass wir die Region Kundus mit mehr als 400 Soldaten nicht sichern können". Die Truppen seien "nahezu ununterbrochen im Einsatz".

Die Ergebnisse der Aufklärung in der Nacht zum 4. September hätten ergeben, dass sich 70 bis hundert Talibankämpfer an den beiden Tanklastwagen versammelt hatten, um die in einem Flussbett festgefahren Lkw aus dem Schlamm zu befreien. Nach Ansicht des Verteidigungsministeriums in Berlin und den Verantwortlichen vor Ort bestand eine unmittelbare Bedrohung für das Bundeswehrlager.

Kritik am Vorgehen der Bundeswehr hatte zuletzt offenbar sogar die Nato selbst geäußert. Einem Bericht der "SZ" zufolge wirft das Verteidigungsbündnis dem deutschen Oberst Klein vor, seine Kompetenz überschritten und die Lage falsch eingeschätzt zu haben. Die Zeitung beruft sich dabei auf hochrangige Nato-Kreise. Es sei "sonnenklar", dass der deutsche Offizier den vorgeschriebenen Befehlsweg nicht eingehalten habe, lautet demnach die Einschätzung eines Nato-Offiziers.

Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums bezeichnete einen vorläufigen Untersuchungsbericht der Nato laut "SZ" als "Reisebericht", der unbestätigte Spekulationen enthalte. Aus der Führung des Ministeriums verlautete demnach, der Untersuchungsbericht sei einseitig formuliert und enthalte keine entlastenden Elemente. Die offizielle Untersuchung des Vorfalls müsse abgewartet werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte von der Union einen offenen Umgang mit dem Thema Afghanistan im Wahlkampf. "Wir müssen im Wahlkampf über die Dinge reden, die die Leute beschäftigen", sagte Merkel nach Informationen der "Rheinischen Post" bei einer internen Sitzung der Unionsfraktion in Berlin. Die Union müsse das Thema Afghanistan "annehmen und nicht als Störgröße wegdrücken", lautete der Appell der Kanzlerin.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier wies Äußerungen mehrerer Amtskollegen nach dem umstrittenen Luftangriff in Afghanistan zurück. "Gerade von unseren Nato- und EU-Partnern erwarte ich, dass sie das Ergebnis der Untersuchung abwarten", sagte der SPD-Politiker der "Bild"-Zeitung. Man könne kein Urteil fällen, ohne die Fakten zu kennen, wurde der Minister zitiert.

hen/dpa/ddp/AP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.