Schweiz-"Tatort" im Faktencheck Operieren tschetschenische Killer in Europa?

Grosny in Luzern: Im Schweizer "Tatort" beglichen Tschetschenen alte Rechnungen aus Kriegstagen untereinander. War das realistisch?

ARD/ SRF/ Daniel Winkler

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Der Mann, der sich im "Tatort" mit einem Gewehr in seinem Versteck verschanzt, hat zwei Namen, einen für jedes seiner beiden Leben: Als Ruslan Abaev geht er in der Schweiz seinem Alltag nach. Er ist dort vor Jahren als Flüchtling aus der russischen Unruheprovinz Tschetschenien angekommen. Dort kennen ihn dagegen noch viele als Ramzan Khashkanov, unter diesem Namen hat er gegen die russische Armee gekämpft. Er hat den Ruf eines Kriegsverbrechers, der Selbstmordattentäterinnen ausgebildet haben soll.

Im ARD-Krimi gerät der Luzerner Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) unvermittelt zwischen die Fronten, weil gleich zwei Besucher aus Tschetschenien Khashkanov alias Abaev nach dem Leben trachten. Seine Nichte Nura will ihn erschießen, weil der Onkel einst während des Kriegs ihre Mutter als "Schwarze Witwe" mit einem Sprengstoffgürtel in den Tod geschickt haben soll.

Jagd auf den Flüchtling macht aber auch ein schweigsamer Mann in Schwarz, ein Profikiller, ausgesandt von den heutigen Machthabern in Tschetschenien. Sie haben sich mit Russland arrangiert und wollen Khashkanov erledigen, weil der auf der anderen Seite der Front gekämpft hat.

Gibt es tschetschenische Todesschwadronen?

In Teilen wirkt die Story wie eine Räuberpistole - sie hat aber einen wahren Kern: Es gibt Hinweise, dass Kreise der tschetschenischen Führung tatsächlich Zugriff auf Killerkommandos haben, die international Jagd machen auf Gegner des Regimes.

Zum Hintergrund: An der Spitze dieses Regimes steht heute Ramsan Kadyrow, 40. Im ersten Tschetschenienkrieg (1994 bis 1996) hat sein Klan gegen die Russen gekämpft, im zweiten (1999 bis 2009) schlug sich Kadyrows Vater auf die Seite Moskaus.

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Schweiz-"Tatort": Der Krieg vor unserer Haustür

Kadyrow junior bestreitet vehement, in Auftragsmorde verwickelt zu sein. Gegner und Kritiker seines Kurses kommen allerdings mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit gewaltsam zu Tode. Die Reporterin Anna Politkowskaja wurde 2006 von einem tschetschenischen Mordkommando erschossen. Hintermänner wurden nie gefasst.

Die Gebrüder Sulim und Ruslan Jamadajew starben ebenfalls durch die Kugeln von Auftragskillern: Ruslan wurde in Moskau erschossen, Sulim in Dubai. Beide waren im zweiten Tschetschenienkrieg mit Moskau verbündete Tschetschenenkommandeure und ernsthafte Konkurrenten Kadyrows im Kampf um die Vorherrschaft. Auch in der Türkei werden immer wieder Exil-Tschetschenen erschossen.

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Operieren die Killerkommandos auch in Europa?

Moskau, Istanbul, Dubai - das ist immer noch weit weg von Luzern. Österreichische Staatsanwälte haben Kadyrow allerdings auch als Drahtzieher eines Aufsehen erregenden Mordes in Wien ausgemacht. Im Januar 2009 wurde in der Innenstadt der österreichischen Hauptstadt ein Mann am hellichten Tag niedergeschossen. Sein Name war Umar Israilow, ein Ex-Leibwächter von Kadyrow, der ins Ausland geflohen war.

Drei Mitglieder des Wiener Killerkommandos wurden von einem österreichischen Gericht zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Einer der Todesschützen konnte sich allerdings rechtzeitig nach Russland absetzen. Im Jahr 2010 erkannten ihn Mitglieder der tschetschenischen Diaspora auf einem Foto. Es zeigt Letscha B. in Grosny, in der Uniform von Kadyrows Milizionaren.

Hat Moskau keine Kontrolle über die Tschetschenen?

Nachdem den Kommissaren in Luzern der tschetschenische Profikiller auf seiner Jagd nach Khashkanov in die Finger geraten ist, rufen sie den russischen Botschafter in der Schweiz zur Hilfe. Warum sie das tun, erschließt sich zwar nicht - das Misstrauen Schweizer Behörden gegenüber Moskau dürfte derzeit nicht viel geringer sein als in Deutschland.

Zwischen dem Diplomaten und dem Killer entspinnt sich dann aber ein bemerkenswerter Dialog: Der Russe hat von Moskau den Auftrag, auf diplomatischem Weg die Auslieferung Khashkanovs zu erreichen und will die Operation der Tschetschenen stoppen. Der Killer aus der tschetschenischen Haupstadt Grosny reagiert mit dem kühlen Hinweis, natürlich "schätzen wir den Rat unseres großen Bruders". Nur: Befehlen könne der ihm aber gar nichts.

Tatsächlich hat sich in Tschetschenien eine Art Staat im Staate entwickelt, in dem russische Gesetze - und Weisungen russischer Behörden - keine Geltung mehr haben. Russland ist laut Verfassung ein säkularer Staat, Provinzfürst Ramsan Kadyrow hat in Tschetschenien aber proklamiert, die islamische Scharia stehe über dem Gesetz.

In Grosny machen Schlägertrupps Jagd auf Menschenrechtler. Kadyrow diffamiert russische Oppositionelle als "Volksfeinde" und verbreitet nicht sonderlich verklausulierte Morddrohungen (etwa ein Foto eines Ex-Premiers im Fadenkreuz eines Gewehrs). Die Familie des 2015 erschossenen Oppositionsführers Boris Nemzow hält Kadyrow oder seine Leute für die Drahtzieher der Tat.

Es gibt zudem Indizien, dass Kadyrow auch im Ausland eigene Strukturen aufbaut, parallel zu Moskaus offiziellen diplomatischen Kanälen. So sorgte 2015 der Box-Promoter Timur Dugazaev in Deutschland mit einer PR-Aktion für Schlagzeilen: Er richtete in Kiel ein Festmahl für 800 Flüchtlinge aus - in Kadyrows Namen. Dugazaev tritt gern als "Vertreter des Oberhaupts der Tschetschenischen Republik in Deutschland auf" - als wäre die russische Botschaft in Berlin für Tschetschenien nicht zuständig.

Ist der "Tatort" also realistisch?

Ja und nein. Die Filmemacher geben sich bei vielen Details sichtlich Mühe. So hängt an der Wand des Verstecks von Ramzan Khashkanov die Zeichnung einer liegenden Wölfin - das Wappen des 1991 ausgerufenen unabhängigen Tschetscheniens. Die Besetzung macht den "Tatort" allerdings extrem unglaubwürdig: Die tschetschenische Rächerin Nura wird von der russischen Schauspielerin Yelena Tronina gespielt. Deren Haare sind strohblond (99 Prozent der Tschetschenen haben dunkle Haare), und sie verkörpert Nura so wild und selbstbestimmt, wie junge Frauen in Kadyrows immer archaischer werdenden Tschetschenien schon lange nicht mehr aufwachsen können.

insgesamt 10 Beiträge
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kosu 06.03.2017
1. Vielleicht mal das Feindbild ändern
MI 6 Mossad CIA und andere westliche Geheimdienste dürften nicht anders vorgehen. Immer alles eine Frage der Sichtweise! Die so verehrten Oligaren in der Ukranie und in Russland sind mit Terror Lug und Betrug reich geworden, aber das war im Wille der demokratischen westlichen zeudo Regierungen. Terror und Mord geht immer zuerst von Regierungen und deren Geheimdiensten aus.
coolray 06.03.2017
2. Realistisch ??
Ich frage mich immer, was dieser FAKTENCHECK soll ??? Wenn der Spiegwel dann so konsequent wäre, und auch jeden US Krimi einem Faktencheck zu unterziehen, wäre es in Ordnung. Aber so, ist es einfach nur peinlich. Es ist ein Krimi , und ein FIlm aus einer Serie. Es ist keine Dokumentation und auch kein auf Tatsachen beruhender Film. Also wozu immer dieser bescheuerte Anspruch , es müsse realistisch sein ??? Doch nur um hinterher sagen zu können das der Tatort schlecht , weil unrealistisch war. Eine sehr selbstgefällige Art.
schumbitrus 06.03.2017
3. Der Russe hat von Moskau den Auftrag, ..
Wie realistisch ist denn diese Szene: > Der Russe hat von Moskau den Auftrag, auf diplomatischem Weg die > Auslieferung Khashkanovs zu erreichen und will die Operation der > Tschetschenen stoppen. Wenn ich mich recht erinnere, dann wird dem russischen Botschafter das Recht gewährt, unabgehört mit dem Killer zu unterhalten. Nun wage ich zu bezweifeln, dass in einem solchen Fall - egal ob in der Schweiz, Österreich, Deutschland oder einem sonstigen westlichen Land, ein solches Gespräch tatsächlich unabgehört gewährt wird. Gerade wenn Russland im Spiel ist, werden doch garantiert die Geheimdienste ihre Ohren ganz weit auf-sperren. Und weil das so ist, wird sich kein russischer Botschafter in einem derartigen Umfeld blind auf die Integrität der westlichen Exekutive verlassen. Was also dargestellt wird ist nicht nur höchst naiv. Es ragt in den Bereich der Desinformation, weil es beim westlichen Zuschauer impliziert, dass auf die Integrität der Zusagen einer westlichen Behörde Verlass sei. Seit Snowden und dem NSA-Skandal wissen wir, was tatsächlich in Bezug auf die Behörden zu halten ist: Natürlich kann der lokale Kommissar ein Zusage machen, die aber von anderen Behörden bei ausreichendem Interesse zunehmend leicht gebrochen wird. Das Unterschwellige finde ich daran sehr hässlich: Denn es stellt die Welt eines sauberen, westlichen Rechtsstaat dar, der tatsächlich doch gar nicht so vertrauenswürdig ist - oder warum verhindert der Westen mit aller zur Verfügung stehdenen Macht, dass Snowden in einem westlichen Land die Wahrheit darüber offen ausspricht, welcher Methoden sich die Geheimdienste im Westen bedienen? Es muss ja fürchterlich sein, wenn man auch sien Recht auf freie Rede - z.B. vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln sabotiert .. Gerade solche Unschärfen nähern die Vermutung, dass hier ein schwarz-weißes Abziehbild von einer Integrität der westlichen gezeichnet wird und der hiesige Bürger in den Schlaf gewogen werden soll, er könne sich blind auf den Staat verlassen. Mit Blick auf Trump, Höcke und Petri finde ich das alles andere als angemessen, den gerade die wollen doch an die Informations-Fleischtöpfe ran, um mit fadenscheinigen Begründungen ihre Gegner zu diskreditieren. Und dabei nutzen sie das Versagen derer, die schon jetzt in hysterischem Aktionismus der Polizei und den Geheimdiensten immer mehr freie Hand geben und eben Checks und balances abbauen.
romeov 06.03.2017
4. Zäh und düster
...ich habe mal kurz eingeschaltet, nach fünf Minuten hatte ich schon schwere Augen. Keine Spannung, kein Rhythmus, gar nichts.
chrischanfbe 06.03.2017
5. Namensfehler im Artikel
Der Deckname des Tschetschenen in Luzern ist Ruslan Abaev, Ena heißt seine Ex-Frau.
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