Team-Trick im Vorwahldrama Obama in der Clinton-Falle

Hillary und Bill Clinton schlagen ein Kandidaten-Tandem mit Barack Obama vor - doch was wie ein Friedensangebot klingt, ist kühle Strategie. Die frühere First Lady treibt ihren Rivalen in die Enge. Der Vorwahlkampf der Demokraten dürfte schmutziger werden.

Aus Jackson, Mississippi, berichtet


Jackson - Hillary Clinton und Barack Obama - ein Traumpaar! Wo immer die Clintons dieser Tage auftreten, streuen sie diese Botschaft.

Am Wochenende etwa, als Bill Clinton in Mississippi für seine Frau warb, hörte sich das so an: Er habe sich die Wahlergebnisse mal genauer angeschaut. Hillary gewinne vor allem in den ländlichen Gegenden, Barack Obama in den Städten. Wenn die beiden ihre Kräfte bündelten, seien die Demokraten doch eine "unaufhaltsame Kraft", sagte der Ex-Präsident.

Rivalen Clinton, Obama: Im Tandem ins Weiße Haus?
AP

Rivalen Clinton, Obama: Im Tandem ins Weiße Haus?

Auch seine Frau kokettiert mit dem vermeintlich großzügigen Angebot - erstmals tat sie das direkt nach den Vorwahlen in der vergangenen Woche in Texas und Ohio. Auf die Frage nach einem Tandem sagte sie im Fernsehen, darauf laufe es hinaus: "Das könnte am Ende die Richtung sein, in die sich alles bewegt", sagte Clinton am Mittwoch. Am Freitag drückte sie es so aus: "Leute sagen zu mir: Ich wünschte mir, ich könnte für euch beide stimmen. Nun, vielleicht ist das eines Tages möglich."

Sie lächelte vielversprechend.

War da was? Sollen sich in der großen Familie der Demokraten plötzlich alle einfach vertragen? War es nur ein Ausrutscher, dass die Clintons Obama zuvor als einen unreifen Anfänger bezeichneten - den man beim besten Willen noch nicht alleine im Weißen Haus lassen kann?

Clinton will Augenhöhe mit Obama - auch wenn er vorne liegt

Ganz so einfach ist es nicht. Den Clintons ist deutlich anzuhören, wer Koch und wer Kellner sein soll bei diesem "Ticket"; so wird die Kombination der Kandidaten für die beiden höchsten Ämter in den USA genannt. Clinton soll Kandidatin werden - und Obama ihr Vize.

"Natürlich müssen wir entscheiden, wer den Spitzenplatz bekommt", sagte sie schon am vergangenen Mittwoch. "Ich denke, dass das Volk von Ohio sehr deutlich gemacht hat, dass ich das sein soll."

Dass Obama am Wochenende mitgeteilt hat, er stehe als Nummer zwei "nicht zur Verfügung" - das wird die Clintons in den kommenden Wochen nicht an einer Wiederholung ihres Vorschlags hindern. Die Ticket-Debatte ist Kern ihrer neuen Wahlkampfstrategie.

Sie wollen sich als gleichauf mit Obama darstellen und ihm das Tempo diktieren. Ungeachtet der Tatsache, dass Obama im Moment mit rund hundert Delegierten für den Nominierungsparteitag im August führt.

Angesichts der knappen Konkurrenz versuchen beide Lager derzeit, die rund 800 Super-Delegierten zu beeinflussen, die beim Parteitag im August frei abstimmen können: Abgeordnete aus Kongress, Senat und Landtagen, Parteiführer, Gouverneure.

Warum sollte sich Obama darauf einlassen?

Das Werben um eine gemeinsame Kandidatur Clinton-Obama könnte gerade bei ihnen verfangen. Denn Clinton spielt direkt auf die Sehnsucht vieler Demokraten nach Geschlossenheit an - und danach, nur ja nicht das große Ziel eines Siegs gegen die Republikaner im November aus den Augen zu verlieren. In einer aktuellen "Newsweek"-Umfrage wünschen sich mehr als zwei Drittel der Demokraten, dass Clinton und Obama dann zusammen antreten.

Gewinnt diese Idee erst einmal Rückhalt, sehen Clintons Berater gute Chancen, dass ihre Chefin Kandidatin wird. Denn die 60-jährige frühere First Lady sei nun einmal weit erfahrener als der 46-jährige Obama. Der könne sich doch in diesem Arrangement so perfekt auf höhere Weihen vorbereiten, argumentieren Clintons Leute.

Nur: Warum sollte sich Spitzenreiter Obama darauf einlassen?

In bloß einem Jahr hat er eine gewaltige Anhängerschar hinter sich versammelt. Und in der Regel hat ein US-Vizepräsident wenig Einfluss - das Amt ist nicht immer ein ideales Sprungbrett für eine eigene Spitzenkandidatur.

Es ist auch wenig wahrscheinlich, dass eine Präsidentin Clinton einem so charismatischen Stellvertreter viel Freiraum gönnen würde. Zumal Ehemann Bill weiter Einfluss suchen würde.

"Wer hat die Tore zur Hölle geöffnet?"

Und doch könnten Clintons Manöver wirken - weil das Obama-Team tief verunsichert ist. Ende vergangener Woche zeigte Samantha Power Nerven, Obamas außenpolitische Beraterin. Sie hatte Hillary Clinton im Gespräch mit einer Reporterin ein "Monster" genannt. Die 37-jährige Harvard-Professorin, eine der engsten Vertrauten Obamas, trat nach dem Fauxpas umgehend zurück.

Von Obamas Beratern ist zu vernehmen, dass Powers Bemerkungen durchaus eine verbreitete Frustration über Clintons Wahlkampfstil spiegeln. Da war die Aussage, sie und der republikanische Kandidat John McCain würden den Test als Oberkommandierender bestehen - Obama hingegen habe nur eine Rede gegen den Krieg vorzuweisen. Da war Clintons scheinbares Zögern in einem Fernsehinterview, als sie Gerüchte zurückweisen sollte, der Christ Obama sei aufgrund seines ungewöhnlichen Namens eigentlich Muslim.

Die Furcht in der Demokratischen Partei: Wenn Clinton jetzt derart Zweifel an Obamas Eignung schürt und er scharf gegenhalten muss, um nicht zu verlieren - spielt das dann nicht direkt den Republikanern in die Hände?

Anders formuliert: "Wer hat die Tore zur Hölle geöffnet?" So unkt Donna Brazile, einst Wahlkampfmanagerin von Al Gore, im US-Magazin "Time".

Und noch eine Frage stellt sich jetzt: Hätte eigentlich irgendwer in der Partei genug Gewicht, um eine weitere Zuspitzung der Vorwahlschlacht in den kommenden Wochen zu verhindern?

Klar ist nur: Der Druck auf Obamas Lager wächst, schärfer als bisher gegenzuhalten. Dick Morris, einst im Weißen Haus unter Bill Clinton ein Mann fürs Grobe, sagt in der "New York Post", Obama dürfe seinen erfolgreichen Ansatz eines neuen Politikstils nicht aufgeben. Er müsse aber unbedingt Clintons Attacken erwidern. Zum Beispiel indem hochrangige Unterstützer wie Ted Kennedy lautstark Fragen stellten: nach den Finanzen von Bill und Hillary, die in den vergangenen Jahren ungeheuer viel Geld verdient haben. Nach der Erfahrung, die sie wirklich als First Lady sammeln konnte. Nach ihren Steuererklärungen, die sie bisher nicht in vollem Umfang zugänglich gemacht hat.

Der Wahlkampf bei den Demokraten dürfte schmutziger werden.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.