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09. Juli 2009, 16:53 Uhr

Teheran

Polizei treibt Demonstranten gewaltsam auseinander

Tränengas, Schüsse in die Luft, mehrere Festnahmen: Nach Augenzeugenberichten hat die Polizei die erste Demonstration in Teheran seit mehr als einer Woche gewaltsam aufgelöst. Hunderte junge Menschen waren mit dem Ruf "Tod dem Diktator" gegen Präsident Ahmadinedschad auf die Straße gegangen.

Teheran - Die Bassidsch-Miliz patrouillierte, die Polizei ging mit Tränengas gegen die Demonstranten vor, feuerte laut Augenzeugen Schüsse in die Luft ab und nahm mehrere Menschen fest: Hunderte junge Männer und Frauen haben sich vor der Universität in Teheran zu einer Kundgebung zum Gedenken an die Studentenproteste vom 9. Juli 1999 versammelt. Gleichzeitig protestierten sie erneut gegen die nach ihrer Ansicht gefälschten Ergebnisse der Präsidentschaftswahl vom 12. Juni."Tod dem Diktator!", riefen die Demonstranten und zeigten mit ihren Händen das Siegeszeichen.

Mahmud Ahmadinedschad: Hunderte protestierten gegen den iranischen Präsidenten
AP/ MEHR

Mahmud Ahmadinedschad: Hunderte protestierten gegen den iranischen Präsidenten

Auch an anderen Plätzen im Stadtzentrum kamen Hunderte Menschen zu Protesten zusammen. Viele von ihnen trugen Atemschutzmasken in Grün, der Kennfarbe von Oppositionsführer Mussawi.

Es waren die ersten größeren Proteste in Teheran seit elf Tagen.

Die Teheraner Behörden hatten Gedenkkundgebungen untersagt. Falls irgendjemand "unter dem Einfluss konterrevolutionärer Fernsehsender" solche Veranstaltungen vorbereite, werde er "vom Volk zerquetscht" werden, erklärte der Gouverneur der iranischen Hauptstadt, Mortesa Tamadon, laut einer Meldung der amtlichen Nachrichtenagentur Irna. Zuvor war in Flugblättern zur Teilnahme an einer Demonstration am Nachmittag vor der Universität in Teheran aufgerufen worden.

Die Anhänger von Oppositionsführer Mussawi bemühen sich bereits seit Tagen um eine Wiederbelebung der Protestbewegung gegen den offiziell wiedergewählten Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Vor knapp zwei Wochen hatten die iranischen Sicherheitskräfte Massendemonstrationen von mehreren hunderttausend Menschen gewaltsam beendet. Mindestens 20 Demonstranten wurden getötet und mindestens 1.000 festgenommen.

Unterdessen haben sich die G-8-Staaten "tief besorgt" über die jüngste Entwicklung in Iran geäußert. Die sieben führenden Industrieländer und Russland verurteilten die nach den Wahlen in Iran ausgebrochenen Gewalttätigkeiten, die viele Menschen das Leben gekostet hätten, heißt es in einer Erklärung nach den außenpolitischen Beratungen der G-8-Staats- und Regierungschefs am Mittwochabend. Beschränkungen der Pressefreiheit, ungerechtfertigte Festnahmen von Journalisten und die jüngsten Verhaftungen von Ausländern seien inakzeptabel. "Wir fordern Iran auf, diese Lage im demokratischen Dialog und auf Basis der Gesetze zu lösen." Iran sei entsprechende internationale Verpflichtungen eingegangenen und müsse diese auch erfüllen.

Zudem müsse Iran sicherstellen, dass die ausländischen Botschaften ihre Aufgaben ausüben könnten, und zwar ohne Beeinträchtigungen für ihre Mitarbeiter, so die G-8-Staaten in ihrer Erklärung. Die Behörden in Teheran hatten neun iranische Mitarbeiter der britischen Botschaft wegen des Vorwurfs festgenommen, die Proteste gegen die Präsidentenwahl unterstützt zu haben.

anr/dpa/AFP/Reuters/AP

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