Teheran Polizei treibt Demonstranten gewaltsam auseinander

Tränengas, Schüsse in die Luft, mehrere Festnahmen: Nach Augenzeugenberichten hat die Polizei die erste Demonstration in Teheran seit mehr als einer Woche gewaltsam aufgelöst. Hunderte junge Menschen waren mit dem Ruf "Tod dem Diktator" gegen Präsident Ahmadinedschad auf die Straße gegangen.


Teheran - Die Bassidsch-Miliz patrouillierte, die Polizei ging mit Tränengas gegen die Demonstranten vor, feuerte laut Augenzeugen Schüsse in die Luft ab und nahm mehrere Menschen fest: Hunderte junge Männer und Frauen haben sich vor der Universität in Teheran zu einer Kundgebung zum Gedenken an die Studentenproteste vom 9. Juli 1999 versammelt. Gleichzeitig protestierten sie erneut gegen die nach ihrer Ansicht gefälschten Ergebnisse der Präsidentschaftswahl vom 12. Juni."Tod dem Diktator!", riefen die Demonstranten und zeigten mit ihren Händen das Siegeszeichen.

Mahmud Ahmadinedschad: Hunderte protestierten gegen den iranischen Präsidenten
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Mahmud Ahmadinedschad: Hunderte protestierten gegen den iranischen Präsidenten

Auch an anderen Plätzen im Stadtzentrum kamen Hunderte Menschen zu Protesten zusammen. Viele von ihnen trugen Atemschutzmasken in Grün, der Kennfarbe von Oppositionsführer Mussawi.

Es waren die ersten größeren Proteste in Teheran seit elf Tagen.

Die Teheraner Behörden hatten Gedenkkundgebungen untersagt. Falls irgendjemand "unter dem Einfluss konterrevolutionärer Fernsehsender" solche Veranstaltungen vorbereite, werde er "vom Volk zerquetscht" werden, erklärte der Gouverneur der iranischen Hauptstadt, Mortesa Tamadon, laut einer Meldung der amtlichen Nachrichtenagentur Irna. Zuvor war in Flugblättern zur Teilnahme an einer Demonstration am Nachmittag vor der Universität in Teheran aufgerufen worden.

Die Anhänger von Oppositionsführer Mussawi bemühen sich bereits seit Tagen um eine Wiederbelebung der Protestbewegung gegen den offiziell wiedergewählten Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Vor knapp zwei Wochen hatten die iranischen Sicherheitskräfte Massendemonstrationen von mehreren hunderttausend Menschen gewaltsam beendet. Mindestens 20 Demonstranten wurden getötet und mindestens 1.000 festgenommen.

Unterdessen haben sich die G-8-Staaten "tief besorgt" über die jüngste Entwicklung in Iran geäußert. Die sieben führenden Industrieländer und Russland verurteilten die nach den Wahlen in Iran ausgebrochenen Gewalttätigkeiten, die viele Menschen das Leben gekostet hätten, heißt es in einer Erklärung nach den außenpolitischen Beratungen der G-8-Staats- und Regierungschefs am Mittwochabend. Beschränkungen der Pressefreiheit, ungerechtfertigte Festnahmen von Journalisten und die jüngsten Verhaftungen von Ausländern seien inakzeptabel. "Wir fordern Iran auf, diese Lage im demokratischen Dialog und auf Basis der Gesetze zu lösen." Iran sei entsprechende internationale Verpflichtungen eingegangenen und müsse diese auch erfüllen.

Zudem müsse Iran sicherstellen, dass die ausländischen Botschaften ihre Aufgaben ausüben könnten, und zwar ohne Beeinträchtigungen für ihre Mitarbeiter, so die G-8-Staaten in ihrer Erklärung. Die Behörden in Teheran hatten neun iranische Mitarbeiter der britischen Botschaft wegen des Vorwurfs festgenommen, die Proteste gegen die Präsidentenwahl unterstützt zu haben.

Republik Iran
Land
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Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
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Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Khamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
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Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz fünf). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
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Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2013 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 4750 Dollar. Nach der minimalen Lockerung der internationalen Wirtschaftssanktionen keimt im Land derzeit Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung. 2013 schrumpfte die Wirtschaft noch um schätzungsweise 1,7 Prozent nach mehr als fünf Prozent 2012. Neben der Arbeitslosenquote, die offiziell bei rund 13 Prozent, inoffiziellen Schätzungen zufolge aber wohl weit höher liegt, ist die Inflation nach wie vor eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2013 lag sie bei 35 Prozent, für 2014 rechnet der IWF mit 23 Prozent. Im Jahr 2013 machte Teherans Verteidigungsbudget laut IISS rund vier Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,2 Prozent).
Menschenrechte
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Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2013 mindestens 369 Menschen hingerichtet. Dem International Centre for Prison Studies zufolge saßen 2012 pro 100.000 Einwohner 284 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 79). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2013 bei 177 beobachteten Staaten den 144. Rang ein (Deutschland: 12).

anr/dpa/AFP/Reuters/AP



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