Tempelberg Muslimische Hetze gegen Bauarbeiten

Von Indonesien über Jordanien bis nach Ägypten und Marokko werden Proteste gegen die Bauarbeiten am Tempelberg laut. Dabei ist die heilige al-Aksa-Moschee gar nicht berührt. Doch das kümmert die religiösen Fanatiker nicht: Sie wollen den muslimischen Alleinanspruch auf Jerusalem.


Tel Aviv - Der Dschihad ist nicht nur das Recht eines jeden Muslimen, sondern sogar seine Pflicht, wenn er seine Heiligtümer, seinen Besitz oder sein Land verteidigt", hetzt das Oberhaupt des einflussreichen Al-Azhar Islam-Instituts in Kairo, Scheich Mohammed Sajjid Tantawi - obwohl es zwischen den Arbeiten ausserhalb der Mauer und der Moschee keine Berührungspunkte gibt.

Jeder Muslim müsse das tun, was in seiner Macht stehe, um diesen Angriff auf die al-Aksa-Moschee abzuwehren, behauptet er in der halbamtlichen ägyptischen Tageszeitung "Al-Ahram". Die Palästinenser lassen sich nicht zwei Mal bitten. Viele wähnen sich als Vorposten gegen den vermeintlichen Angriff auf den Islam. Sogar Jordaniens König Abdallah, sonst ein Mann des Ausgleichs, unterstützt sie dabei.

Die Aufregung überrascht auf den ersten Blick. Denn es geht lediglich darum, die Erdrampe zu reparieren, welche den Platz vor der Klagemauer mit dem Tempelberg verbindet. Statt der Rampe soll eine stabile Brücke errichtet werden. Dazu sind Pfeiler nötig, die in der Erde verankert werden. Und dies wiederum ruft Archäologen auf den Plan, so will es das israelische Gesetz. Die Forscher sollen mit einer Notgrabung sicherstellen, dass keine archäologischen Kostbarkeiten durch das Setzen der Pfeiler zerstört werden.

Aber kein anderer Ort auf der Erde ist religiös so sensibel wie der Tempelberg, kein anderer Ort spornt die Fantasien von religiösen Fanatikern in gleichem Maße an. Auf dem Berg stehen der Felsendom und die al-Aksa-Moschee, wo der Prophet laut islamischem Glauben betete und dann zum Himmel aufstieg. Gleichzeitig ist der Hügel für Juden und Christen der Standort der ersten beiden Tempel sowie der Platz, wo Abraham seinen Sohn Gott opfern wollte.

Die historische Belastung hat Folgen. Moslems befürchten, dass radikale Israelis anstelle der Moscheen den Dritten Tempel bauen wollen.

Der Tempelberg ist deshalb immer wieder ein Katalysator für Unruhen. Als die israelische Regierung 1996 einen Tunnel bei der westlichen Umfassungamauer eröffnete, kam es zu Kämpfen, bei denen 61 Palästinenser und 15 israelische Soldaten getötet wurden. Und vier Jahre später gab ein Besuch von Ariel Scharon auf dem Tempelberg das Zeichen zum Beginn der zweiten Intifada.

Doch letztlich geht es nicht nur um religiöse Gefühle, sondern um Politik. Die Palästinenser wollen in Jerusalem archäologische Ausgrabungen verhindern, weil diese den islamischen Alleinanspruch auf Jerusalems in Frage stellen könnten. "Wir sind dagegen, dass die Juden durch Ausgrabungen ihre historische Verbindung zu Jerusalem beweisen," sagt etwa ein palästinensischer Politiker.

Dabei ist auch Geschichtsfälschung kein Tabu. Um den islamischen Alleinanspruch zu untermauern, behauptete etwa der Jerusalemer Mufti, die jüdischen Tempel habe es nie gegeben.

Pierre Heumann ist Nahost-Korrespondent der Schweizer "Weltwoche"



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