Terror-Abwehr Verhängnisvolles Zögern der US-Sicherheitsberaterin?

Die US-Regierung kommt zunehmend in Erklärungsnot. Hat sie vor dem 11. September Hinweise auf Flugzeugentführungen leichtfertig abgetan? Welche Rolle spielte die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice? Gab sie einen Plan zur Demontage des Terrornetzwerkes al-Qaida nicht zügig oder nachdrücklich genug an US-Präsident George W. Bush weiter?


Condoleezza Rice
AP

Condoleezza Rice

Washington - Präsidentensprecher Ari Fleischer bestätigte am Freitag in Washington, dass Bush bereits vor dem 11. September vor möglichen Flugzeugentführungen gewarnt worden war. Zudem bestätigt sich, dass wenige Tage vor dem 11. September ein Aktionsplan zum Sturz von Terrorfürst Osama Bin Laden auf Bushs Genehmigung gewartet habe. Das Memo mit dem Datum vom 10. September habe auf dem Schreibtisch der Nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice gelegen, um von Bush überprüft zu werden, sagte ein ranghoher Regierungsbeamter, der namentlich nicht erwähnt werden wollte.

Der Sprecher des Weißen Hauses räumte ein: "Die Präsidentendirektive zur nationalen Sicherheit war ein umfassender, mehrgliedriger Plan zur Demontage von al-Qaida". Fleischer bestätigte auch eine Studie der Kongressbibliothek von 1999, in der es hieß: "Selbstmordbomber der al-Qaida könnten ein Flugzeug voller Sprengstoff ins Pentagon, die Zentrale der CIA oder das Weiße Haus fliegen."

Welche Verantwortung hat Rice?

Unklar ist noch, welche Verantwortung die Nationale Sicherheitsberaterin der USA, Condoleezza Rice, dafür trägt, dass der Aktionsplan gegen die al-Qaida nicht zügig oder nachdrücklich genug an den Präsidenten weitergeleitet wurde. Außerdem stehen Aussagen von Rice im Widerspruch mit Angaben von Flughäfen und Fluggesellschaften. Diese seien informiert worden, sagte Rice, es habe jedoch keine Hinweise auf bestimmte Ziele oder einen Zeitpunkt gegeben.

Die Fluggesellschaft American Airlines erklärte dagegen, sie habe vor dem 11. September "keine spezifischen Informationen" über mögliche Entführungen erhalten. Es habe zwar regelmäßige Sicherheitshinweise der Luftfahrtbehörden gegeben, diese seien jedoch sehr allgemein gehalten gewesen. United Airlines bestätigte diese Angaben. "2001 gab es keine Warnungen oder Hinweise, die vermuten ließen, dass ein Szenario wie am 11. September vorstellbar oder möglich sein könnte", sagte Sprecher Joe Hopkins.

Die Betreiber des Logan-Flughafens in Boston, wo zwei der Terrorflüge starteten, erklärten, sie hätten keine Geheimdienstinformationen bekommen, die auf ein erhöhtes Risiko für den Airport hingewiesen hätten. Die Gewerkschaften der Piloten und Flugbegleiter beklagten, dass ihre Mitglieder nicht über Hinweise auf mögliche Entführungen informiert worden seien.

Bush weist Vorwürfe zurück

US-Abgeordnete verlangen weiterhin eine Untersuchung, um festzustellen, ob die Behörden versagt haben und die Anschläge hätten verhindert werden können. Die Regierung war am Donnerstag erheblich unter Druck geraten, nachdem bekannt geworden war, dass Bush schon im vergangenen August vor al-Qaida-Planungen für Flugzeugentführungen gewarnt worden war. Selbst in den Reihen seiner Parteifreunde wurde Kritik laut: "Wenn auf diese Warnungen hin richtig reagiert worden wäre, hätten wir am 11. September eine andere Situation gehabt", sagte Richard Shelby, der führende Republikaner im Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses.

Andeutungen, er habe vor dem 11. September Warnungen vor Terroranschlägen ignoriert, hat Bush am Freitag entschieden von sich gewiesen. Vielmehr habe er alles in seiner Macht Stehende getan, um das amerikanische Volk zu schützen, wenn er von den Plänen Bin Ladens gewusst hätte, erklärte er im Weißen Haus.

Erste allgemeine Berichte über einen Aktionsplan zur Zerstörung von al-Qaida waren bereits Ende vergangenen Jahres an die Öffentlichkeit gelangt. In dem jüngsten Plan war laut Fleischer ein Auftrag an das Pentagon enthalten, militärische Optionen zur Zerstörung von al-Qaida zu prüfen. Vorgesehen waren eine stärkere Zusammenarbeit mit der gegen die Taliban kämpfenden Nordallianz in Afghanistan sowie das Einfrieren verdächtiger Konten. US-Medien berichteten, die USA hätten nach den Anschlägen vom 11. September so prompt reagieren können, weil detaillierte Pläne für einen Angriff bereits vorlagen. Der Krieg gegen die Taliban begann am 7. Oktober mit den ersten Bombardierungen, knapp vier Wochen nach den Anschlägen von New York und Washington.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.