Terror auf Flughafen Deutscher bei Anschlag in Moskau getötet
Moskau - 35 Tote, mindestens 126 Verletzte - das ist die schreckliche Bilanz des Terroranschlags auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo. Unter den Opfern sind auch Deutsche: Ein 34-jähriger Kölner wurde getötet. Er befand sich auf einer Dienstreise seines Remscheider Arbeitgebers Vaillant, wie ein Sprecher des Heiztechnikunternehmens am Dienstag der Nachrichtenagentur AFP sagte. Der Mann arbeitete demnach als Logistikspezialist für Vaillant und sollte bei einem russischen Tochterunternehmen in Moskau helfen, die Logistikprozesse zu verbessern. Der Terroranschlag ereignete sich kurz nach der Ankunft des Mannes in Moskau.
Nach russischen Medienberichten ist unter den rund 180 Verletzten auch eine deutsche Frau, die im Krankenhaus behandelt wird. Auch andere Ausländer sollen unter den Opfern sein: Nach russischen Behördenangaben sind zwei Briten und ein Bulgare bei dem Terrorakt getötet worden. Französische und italienische Staatsbürger seien in Krankenhäuser gebracht worden, wurde ein Sprecher der Ermittler zitiert. Die Zahl dieser Verletzten sowie Details wurden zunächst nicht bekannt. Eine Bestätigung der zuständigen Botschaften war vorerst nicht zu erhalten.
Bei dem Anschlag auf dem größten russischen Flughafen wurden nach Angaben der russischen Gesundheitsministerin Tatjana Golikowa vom Dienstagmorgen 35 Menschen getötet und mindestens 126 verletzt - viele von ihnen schweben in Lebensgefahr. Gerichtsmediziner haben bereits die ersten 18 Leichen identifiziert. Die Arbeit sei schwierig, weil viele Wartende von der Druckwelle der Bombe und umherfliegenden Metallteilen zerrissen worden seien. Das berichteten Ärzte nach Angaben von russischen Medien am Dienstag. Die Moskauer Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda" hat auf ihrer Internetseite die Namen der ersten Todesopfer bekanntgegeben. Die Zeitung veröffentlichte eine Namensliste mit Geburtsjahr und Staatsangehörigkeit unter Berufung auf Ermittlerkreise.
Anschlag auf Moskauer Flughafen: Chaos, Schrecken, erste Hilfe
"Ich bringe euch alle um"
Die Hintergründe der Tat sind noch nicht aufgeklärt: Russische Ermittler leiteten eine Untersuchung wegen eines "Terrorakts" ein, gefahndet wurde nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax nach drei Verdächtigen. Experten gehen davon aus, dass Islamisten aus dem Nordkaukasus hinter dem Terror stecken.
Immer mehr Details zu den Ermittlungen werden bekannt: Am Anschlagsort wurde der Kopf des mutmaßlichen Attentäters gefunden. Es handle sich um einen Mann zwischen 30 und 35 Jahren mit südländischem Aussehen, berichtete Interfax unter Berufung auf Polizeikreise. Bevor er seine mit Nägeln und anderen scharfkantigen Metallstücken gespickte Bombe zündete soll der Attentäter nach Augenzeugenberichten gerufen haben: "Ich bringe euch alle um."
Die russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti meldete indes unter Berufung auf Polizeikreise, dass der Anschlag möglicherweise von einer Attentäterin und einem Komplizen verübt. Die Explosion habe sich in einem Moment ereignet, als eine Frau in Begleitung eines Mannes ihre Tasche geöffnet habe, berichtete die russische Nachrichtenagenturam Dienstag. Die Art des Anschlags entspreche der "üblichen" Vorgehensweise von Attentätern "aus dem Nordkaukasus".
Wie die Agentur RIA Nowosti berichtete, hatten die Sicherheitsdienste vergangene Woche Hinweise auf einen möglichen Anschlag an einem der Hauptstadtflughäfen erhalten. Präsident Medwedew kritisierte, dass Sicherheitsvorkehrungen offenbar zu lax gehandhabt wurden. Die Gesetze würden nicht konsequent genug eingehalten, sagte er. In einem Interview forderte Medwedew die Bestrafung der Verantwortlichen auf dem Moskauer Flughafen. Es habe eklatante Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften gegeben, so der Präsident in der Zeitung "Wedomosti". Auch das Nationale Anti-Terror-Komitee hatte die Flughafenleitung kritisiert.
"Eine gemeinsame Bedrohung, der wir uns vereint stellen müssen"
Medwedew ordnete zugleich die Einsetzung eines "speziellen Sicherheitssystems" in allen Bahnhöfen und Flughäfen des Landes an. Die Polizei in Moskau wurde in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt, die Sicherheitsvorkehrungen in der U-Bahn und an den anderen Flughäfen wurden verstärkt. Seine für Dienstag geplante Reise zum Weltwirtschaftsforum in Davos verschob Medwedew.
Scharfe Kritik am Krisenmanagement der Regierung wird in den russischen Medien geübt. Bereits das zweite Mal innerhalb der letzten Wochen hätten die Behörden bewiesen, dass sie den größten russischen Flughafen nicht unter Kontrolle haben, schreibt "gazeta.ru". Im Dezember hatte ein Stromausfall den Airport Domodedowo ins Chaos gestürzt, die Staatsanwaltschaft deswegen sogar Ermittlungen gegen die Betreiber aufgenommen. Im August 2004 hatte eben hier Selbstmordattentäterinnen einen Polizisten mit 1000 Rubeln bestochen und dann Sprengstoff an Bord von zwei Passagierflugzeugen geschmuggelt, die sie daraufhin in die Luft sprengten. Obwohl Moskau hart durchgreife und permanent Spezialeinsatzkräfte im Einsatz habe, sei es in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht gelungen, ein funktionierendes Anti-Terror-System zu installieren, schreibt das Blatt.
Das Flughafen-Management verwahrte sich inzwischen gegen Vorwürfe von Präsident Medwedew, der Airport habe Sicherheitsvorschriften missachtet. "Wir haben streng nach den Vorschriften der Luftsicherheit gehandelt", sagte ein Sprecher am Dienstag. Der Nachrichtenagentur Ria Nowosti zufolge ist es überhaupt kein Problem, mit Gepäck und unkontrolliert in den Ankunftsbereich des Flughafens zu gelangen. Die Mehrzahl der Sicherheitsschleusen am Eingang seien laut Augenzeugen defekt gewesen, außerdem habe, selbst wenn eine anschlug, niemand auf den Alarm reagiert.
Regierungen weltweit haben den Anschlag scharf verurteilt:
- US-Präsident Barack Obama nannte die Terrorattacke "abscheulich". Obamas Sprecher Robert Gibbs sagte, die USA würden die russischen Behörden in jeder möglichen Form unterstützen.
- Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich "entsetzt" über den "durch nichts zu rechtfertigenden" Anschlag.
- Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen erklärte, er verurteile diese "entsetzliche Tat zutiefst". Der Terrorismus sei eine "gemeinsame Bedrohung, der wir uns vereint stellen müssen".
- EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy forderte eine rasche Bestrafung der Drahtzieher des Anschlags.
- Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu forderte eine internationale Reaktion gegen den Terrorismus.
- Kanadas Regierungschef Stephen Harper sagte, die Anwendung von Gewalt gegen unschuldige Menschen dürfe niemals tolieriert werden.
- Australiens Premierministerin Julia Gillard verurteilte den Anschlag als "brutale Attacke".
Entsetzen herrscht auch in Deutschland: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einem "feigen Anschlag" und sprach Russlands Staatschef Medwedew ihr "tief empfundenes Mitgefühl" und den Opfern ihre Anteilnahme aus.
Vor einer Polarisierung der russischen Bevölkerung als Folge des Terrorakts warnte der Russland-Beauftragte der Bundesregierung, Andreas Schockenhoff (CDU). Es drohten Gewalt und Diskriminierung gegenüber Nicht-Russen, sagte er der "Passauer Neuen Presse". "Die große Gefahr ist, dass sich die russische Bevölkerung durch solche Verbrechen verunsichert fühlt", so Schockenhoff. Zwar seien der polizeiliche Kampf gegen den Terror und die Ermittlungen nach dem Anschlag wichtig, ebenso entscheidend seien aber "Fortschritte bei der Integration der verschiedenen Ethnien in die russische Gesellschaft", sagte der CDU-Politiker.