Terror Deutschland im Fadenkreuz

Die im Irak entführte Susanne Osthoff ist nicht das erste Opfer von Terroristen, die Deutschlands Politik beeinflussen wollen. Für al-Qaida & Co. war der Irakkrieg dabei als Begründung nie entscheidend. Schon wegen des Afghanistankriegs mussten Deutsche sterben.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Zwei Mal hat sich Osama Bin Laden ausdrücklich zu Deutschland geäußert. "Was spielt denn dieser Krieg für Deutschland für eine Rolle, außer als Krieg des Unglaubens und als Kreuzzug?", fragte der Qaida-Gründer und im Oktober 2001 den Dschasira-Reporter Taissir Alluni. Fast genau ein Jahr später, im November 2002, erklärte Bin Laden in seiner Rede "an die Völker der Länder, die mit den USA alliiert sind": "Was treibt denn diese Regierungen, sich am Krieg gegen uns zu beteiligen? Am wichtigsten ist es in diesem Zusammenhang, Großbritannien, Frankreich und Italien zu nennen - aber auch Deutschland und Australien."

Deutsches Opfer des Anschlags von Djerba: "Was spielt denn dieser Krieg für Deutschland für eine Rolle?"
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Deutsches Opfer des Anschlags von Djerba: "Was spielt denn dieser Krieg für Deutschland für eine Rolle?"

Der Krieg, den Bin Laden in beiden Äußerungen ansprach, war der US-geführte Feldzug gegen Afghanistan, der unmittelbar nach den Terroranschlägen in New York und Washington vom 11. September 2001 eingeleitet worden war. Anders als im Fall des 2003 gestarteten Einsatzes gegen den Irak, war die Bundesrepublik an diesem Krieg beteiligt - und genau aus diesem Grund muss Deutschland und müssen deutsche Staatsbürger seitdem auch als potenzielles Terrorziel betrachtet werden. Dass die Bundesregierung später gegen den Krieg im Irak war, hat in Dschihadistenkreisen nie zu einem Umdenken geführt. Noch immer sind schließlich deutsche Soldaten am Hindukusch stationiert.

Dass diese von Bin Laden ausgeführte Argumentation auch nach dem Irakkrieg noch gilt, zeigte sich im Mai letzten Jahres: Mitten auf der "Prinz-Abdullah-Straße", der Einkaufsmeile der saudi-arabischen Hauptstadt Riad, erschossen Terroristen den Deutschen Hermann D. "Die Mudschahidin in Riad haben einen westlichen Ungläubigen getötet, der deutscher Staatsangehöriger war", schrieb die saudische Qaida-Filiale eine Woche nach dem Mord in ihrem Bekennerschreiben. Zur Begründung fügten sie an, es gelte, "sich zu erinnern, dass Deutschland eines der grundsätzlichen Länder der internationalen Allianz gegen den Islam ist".

Ein Mord in Riad - mit Folgen

Deutschland habe "mit Kraft" ebenso am "Überfall auf Afghanistan" als auch am "US-amerikanischen Projekt der Besatzung der islamischen Länder mitgewirkt", schrieben die Täter weiter. Der Tod des Angestellten der saudischen Airline erregte damals kaum öffentliche Aufmerksamkeit.

Das Bundeskriminalamt (BKA) schätzte die Lage im Juni 2004 so ein: "Es steht zu befürchten, dass Deutschland, insbesondere aufgrund seiner Rolle in Afghanistan und des Engagements im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus, zunehmend zum Ziel gewalttätiger Aktionen werden könnte." Anschläge gegen deutsche Interessen - auch außerhalb Deutschlands - erschienen Islamisten offenbar gerechtfertigt, lautete das Fazit des BKA.

Terrorziele in Deutschland ausgespäht

Auch schon vor dem Irakkrieg hatten Qaida-nahe Gruppen Deutsche ins Visier genommen: Ab Ende 2001 suchte eine Terrorzelle im Ruhrgebiet erst nach Sprengstoff und dann nach geeigneten Anschlagszielen. Sie entschieden sich schließlich für eine vermeintlich vor allem von Juden besuchte Diskothek und eine angeblich in jüdischem Besitz befindliche Schwulenbar in Düsseldorf sowie das Jüdische Gemeindezentrum in Berlin. Die Anschläge konnten glücklicherweise verhindert werden. Wie sich später herausstellte, agierte die Gruppe im Auftrag von Abu Musab al-Sarkawi - dem heutigen Anführer der irakischen al-Qaida.

Der Möchtegern-Attentäter Shadi Abdallah, so kam vor Gericht heraus, hatte sich al-Sarqawi selbst angedient - allerdings dessen Angebot abgelehnt, in Jordanien zuzuschlagen. Stattdessen regte er an, in Deutschland jüdische und israelische Ziele anzugreifen, was al-Sarkawi aufgriff. Warum gerade Juden in Deutschland? Anders als in Riad wurde keine explizite Begründung geliefert, aber es steht zu vermuten, dass eine ähnliche Argumentation eine Rolle gespielt hat: Für alle militanten Islamisten ist Deutschland per se ein Feind, denn das Land gilt als judenfreundlich, israelfreundlich und US-hörig. Eine Vielzahl jüdischer und nichtjüdischer deutscher Opfer erschien den Planern deswegen als wünschenswert.

Diese verhinderte Katastrophe zeigt: Deutschland und seine Bürger waren nie vor gezielten Terrorattacken von al-Qaida & Co. gefeit - und zwar vollkommen unabhängig vom Irakkrieg. Das stimmt auch, wenn die "Big Bs" - Bush, Blair und Berlusconi - in Qaida-Pamphleten viele, viel häufiger auftauschen als die Bundesrepublik. Schon immer hat al-Qaida deutsche Opfer darüber hinaus auch ungezielt bereitwillig in Kauf genommen, oder anders gesagt: nie bewusst vermieden. Sowohl bei den 9/11-Anschlägen als auch in Bali und Djerba kamen deutsche Bürger um - für die Terroristen willkommene Kollateralschäden, wenn auch nicht die eigentlichen Ziele dieser Attacken.

Welche "Schonzeit"?

Die "Schonzeit" für Länder, die sich nicht am Irakkrieg beteiligt haben, sei nun vorbei, verkündet in einer Reaktion auf die Osthoff-Entführung im Irak nun die Gewerkschaft der Polizei. Das ist irreführend. Wenn es eine Schonzeit je gegeben hat, war sie schon mit dem Mord von Riad vorbei; in Wahrheit hat es sie aber wohl nie gegeben. Die Begründung für die Entführung von Susanne Osthoff verdeutlicht übrigens, bei genauer Betrachtung, gerade das: Die Geiselnehmer stellen politische Forderungen, sie wollen Deutschland davon abbringen, den entstehenden neuen irakischen Staat zu unterstützen. Aus ihrer Sicht ist das genau so schlimm wie am Krieg gegen den Irak teilzunehmen.

Wie viele Terroranschläge richtet sich auch diese Verschleppung gegen jede Form der Einmischung westlicher Staaten. Ob diese kriegerischer oder friedlicher Natur ist, spielt vielleicht für die politische Debatte in diesen Staaten eine Rolle - nicht aber für die Entführer. Islamisten wollen alle Ausländer aus ihrem Gebiet vertreiben, ob sie Helfer, Soldaten oder Arbeiter sind, macht höchstens einen graduellen Unterschied aus.

Die generelle Bedrohungslage für deutsche Bürger oder Deutschland ändert sich durch die Tragödie im Irak deswegen auch nicht. Sie bleibt hoch. Die Bundesrepublik ist durch diese Entführung nirgendwo hineingezogen worden, wo sie nicht schon wäre: im Visier von Terroristen.

Allerdings, und das wird für die Geisel Susanne Osthoff und ihren ebenfalls entführten Fahrer entscheidend sein, verfolgen nicht alle Terroristen von Indonesien bis Bagdad die selben Ziele. Nirgendwo findet sich ein derart breites Spektrum militanter Gruppen wie im Irak, von denen fast alle islamistisch argumentieren - aber nicht alle im selben Maß danach handeln.

Wie radikal und ideologisiert sind Osthoffs Entführer? Wie dringend brauchen sie Geld? Wie sehr sind sie auf lokale Sympathisanten angewiesen, die es nicht gutheißen, dass die Entführte Muslimin ist? Hinweise, dass sich Susanne Osthoff in der Gewalt einer Gruppe befindet, die Verhandlungen über Lösegeld ausschließt, gibt es glücklicherweise nicht.

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