Terror-Ende Mumbai wagt sich in die Normalität zurück

Die Schauplätze der Attacken sind verwüstet, aber Tote und Verletzte geborgen. Die Polizei rückt ab. Nach 60 Stunden Herrschaft des Terrors sucht Mumbai einen Weg zurück in die Normalität. Das "Leopold Café", in dem acht Menschen umkamen, will ein Signal setzen: Am Sonntag soll wieder geöffnet werden.

Aus Mumbai berichtet


Mumbai - Es ist vorbei. Der Mann mit den dunklen Schweißflecken auf der olivgrünen Uniform und dem auf den Rücken geschulterten Gewehr schiebt mit seinen zerkratzten schwarzen Stiefeln ein paar Scherben von der Straße. Zwei Meter über seinem Kopf ist das Fenster zerborsten, zusammengeknotete Bettlaken hängen heraus. Hier haben Gäste des Luxushotels "Taj Mahal" den Weg ins Freie gesucht, als drinnen noch Bomben explodierten und Terroristen und Sicherheitskräfte sich Gefechte lieferten. Die Trümmer behindern jetzt die Zufahrt zum Hotel.

Weiter oben sind noch mehr Fensterscheiben zerbrochen, an den weißen Rahmen klebt Ruß, aus einigen Zimmern sind Stimmen zu hören. "Das sind Kollegen, die jedes Zimmer noch einmal durchgehen", sagt der Polizist, der dafür zu sorgen hat, dass niemand zu nah ans Hotel kommt. "Sie schauen, ob noch irgendwo Verletzte oder Tote in den Zimmern liegen. Oder ob sich noch irgendwo ein Terrorist versteckt."

Gegen vier Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit war die Operation im "Taj Mahal" am Samstag offiziell zu Ende. Die Behörden melden, alle Terroristen seien erschossen und die meisten unverletzten Gäste schon seit Freitag in Sicherheit. Jetzt dürfen Ärzte und Sanitäter das Gebäude betreten und sich um die Verletzten kümmern, die schon seit mehr als 60 Stunden in ihren Zimmern voller Angst um ihr Leben ausharrten. "Manche sind leider gestorben, weil wir ihnen nicht früh genug helfen konnten", sagt ein Polizist. "Sie sind verblutet."

Notoperationen in der Lobby des "Taj Mahal"

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Zeitleiste: Islamistischer Terror seit 2001
Zwei Stunden nach dem Ende der Kämpfe teilten die Behörden mit, dass insgesamt 195 Menschen während des Terrors in Mumbai gestorben sind, im "Taj Mahal" und im ein paar hundert Meter Luftlinie entfernten Hotel "Oberoi", außerdem im Nariman-Haus, im Jüdischen Zentrum. Gegen Mittag sind alle Leichen aus dem "Taj Mahal" abtransportiert. Erst jetzt können die Verletzten aus dem Hotel in die nahegelegenen Krankenhäuser gefahren werden. Auf der Straße stehen lange Schlangen von Krankenwagen, die nach und nach zum Haupteingang vorgelassen werden. Alleine das Bombay Hospital nimmt 76 Verletzte auf, viele davon aus dem "Taj Mahal", darunter auch ein Deutscher aus Reinbek. "Wir tun unser Bestes, so vielen Menschen so schnell wie möglich zu helfen", sagt Krankenhaussprecher Ashish Kumar Tiwari.

Um die Schwerverletzten kümmern sich Ärzte und Rettungskräfte noch vor Ort, in der Lobby. Weiter ins Hotel darf man noch nicht, vielleicht beginnt ja doch irgendwo in dem weitläufigen Gebäude eine Schießerei. Ein Mann mit Gummihandschuhen und Atemschutz rennt mit einem Koffer voller Verbandsmaterial und Medikamenten ins Hotel. "Weg da, weg da!", schreit er.

Ein Polizist verlässt das Hotel und setzt sich in seinen weißen Geländewagen. Er stellt die Rückenlehne zurück und schließt die Augen für ein paar Minuten. Ihm folgen mehrere Mitglieder von Anti-Terror-Einheiten, sie steigen in rote Busse und werden weggefahren. Menschen an der Straßenabsperrung jubeln ihnen zu. "Danke, ihr Helden!", schreien sie und: "Lang lebe Indien!" Andere schwören den Terroristen Rache.

Die Männer in den Bussen lächeln nur müde, sie winken zurück oder machen das Victory-Zeichen. Ein paar Sicherheitskräfte müssen bleiben für den Fall, dass doch noch ein Attentäter auftaucht. Sie hocken sich auf den Bürgersteig. Auch sie sehen müde aus, verschwitzt, manche ziehen ihre Stiefel und Socken aus. "Drinnen ist alles verwüstet", sagt einer. "Alles kaputt. Das ganze teure Hotel. Und so viel Blut, unnütz vergossen." Ein anderer zündet sich eine Zigarette an, die erste nach dem stundenlangen Einsatz, und sagt: "Ich bin gespannt, wann das Hotel wieder eröffnet."

Im "Leopold Café" schossen die Terroristen zuerst

Die Geschäfte rund um die Schauplätze der Gewalt haben fast alle noch geschlossen, viele Ladenbesitzer wollen frühestens am Montag wieder öffnen.

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Interaktiv: Wie der Terror über Mumbai kam - und Anschläge in Indien seit 2005...
Das "Leopold Café", eine Institution in Mumbai und vor allem bei Touristen beliebt, will dagegen schon am Sonntag die Türen wieder öffnen. Hier begann der Terror, hier schossen die Terroristen von der Straße in die Menge der Gäste und warfen eine Handgranate in den kleinen Raum. Wo sie landete, klafft ein Krater in den Fliesen. An einer Wand sind die Kugeleinschläge zu sehen. Acht Minuten dauerte die Attacke, acht Menschen kamen ums Leben, drei ausländische Touristen, drei indische Gäste und zwei Kellner. "Ein Kellner schaffte es noch, aus dem Seiteneingang zu fliehen, aber er lief den Terroristen direkt in die Arme", sagt Farhang Jehani, der das Café zusammen mit seinem Bruder Farzad betreibt. Das "Taj Mahal" ist nur wenige Meter vom "Leopold" entfernt, die Terroristen machten sich gerade auf den Weg dorthin, als der Kellner auf die Straße stolperte - sie erschossen ihn im Vorbeilaufen.

Shivaji Mukhopadhyay hatte Glück, er entkam unverletzt. "Ich saß zusammen mit einem Freund auf einen Tee hier, als plötzlich Schüsse fielen. Wir sprangen auf und rannten nach draußen. Alles drängte in eine Richtung, links und rechts von mir sackten Menschen zusammen, überall war Blut." Zwei Tage nach dem Anschlag sind er und sein Freund zurück ins Café gekommen, sie wollen den Ort noch einmal sehen, an dem sie fast gestorben wären, und mit den Jehanis sprechen.

Farhang Jehani hat ein paar freundliche Worte mit Mukhopadhyay gewechselt und ihm für sein Versprechen gedankt wiederzukommen. Jetzt steht er in seinem dunklen Café, ein paar Lampen sorgen für schummriges Licht, die Rollläden sind heruntergelassen, die Eisentür ist verschlossen. Immer wieder schiebt er sie zur Seite und lugt nach draußen. Er traut der Nachricht nicht, dass alles vorbei ist, er will sich selbst vergewissern. Der Fußweg vor dem Café ist abgesperrt, die Polizei hat ihn noch nicht freigegeben.

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"Aber morgen öffnen wir", sagt er. "Wir machen weiter wie immer, von sieben Uhr morgens bis halb zwei in der Nacht." Jehani sagt, er wolle nichts ändern, keine Kameras anbringen und keine bewaffneten Wachen vor den Eingang stellen. "Abgesehen davon, dass gutes Sicherheitspersonal derzeit schwer zu bekommen ist, nützt das überhaupt nichts. Und wenn wir jemanden finden - woher soll der arme Mann wissen, wer Tourist ist und wer Terrorist?" Seit den Anschlägen auf Pendlerzüge in Mumbai im Sommer 2006 seien die Kellner angewiesen, Bitten von Touristen, ob sie für die Zeit eines Stadtbummels ihr Gepäck im Café abstellen könnten, abzulehnen. "Das ist alles, was wir an Sicherheitsvorkehrungen brauchen."

Nein, sagt Jehani, er und sein Bruder wollen weitermachen wie immer. "Das Leopold wurde 1871 gegründet und ist seit 78 Jahren in Besitz unserer Familie", erzählt er. "Warum sollten wir ausgerechnet jetzt darüber nachdenken, Traditionen in Frage zu stellen?"

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