Terror im Irak Al-Qaida bekennt sich zu Mehrfach-Anschlägen von Bagdad

Über 100 Menschen wurden getötet, mehr als 1000 verletzt - jetzt hat sich das Terrornetzwerk al-Qaida zu dem Massaker im Zentrum Bagdads vom vergangenen Mittwoch bekannt. Ziel sei es gewesen, die "Säulen des Staates anzugreifen", heißt es in einem Kommuniqué.
Von Yassin Musharbash
Qaida-Bekennerschreiben: "Gesegneter Anschlag"

Qaida-Bekennerschreiben: "Gesegneter Anschlag"

Berlin - Für gewöhnlich bekennt sich die Irak-Filiale al-Qaidas nicht zu Großanschlägen, die sie begangen hat. Jedenfalls nicht schriftlich, sondern wenn, dann Wochen später in großspurigen Reden ihrer Anführer. Doch dieses Mal war es anders: Am Dienstagabend veröffentlichte das "Informationsministerium" von al-Qaida im Irak ein knapp einseitiges Kommuniqué, in dem es sich zu den blutigen Mehrfachanschlägen bekennt, die am vergangenen Mittwoch mitten in der irakischen Hauptstadt und ihrem politischen Zentrum stattfanden.

Wörtlich heißt es darin, dass die "Söhne des Islamischen Staates", einem Phantasiegebilde, hinter dem sich al-Qaida im Irak versteckt, "in einem neuen, gesegneten Anschlag im Herzen Bagdads" zugeschlagen hätten. Die genannten Ziele - Außenministerium, Finanzministerium, Verteidigungsministerium und Stadtveraltung - stimmen im Wesentliche mit den tatsächlich getroffenen Zielen überein.

Die Anschläge, mit Hilfe von Lkw begangen, die mit Sprengstoff beladen waren, hatten am vergangenen Mittwoch über 100 Menschen getötet und mehr als 1000 verletzt. In dem Bekennerschreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt und auf einer Internetseite publiziert wurde, die al-Qaida standardmäßig für solche Zwecke nutzt, malen die Terroristen das Massaker in blutrünstigen Farben aus: "Die Erde unter ihren Füßen bebte", heißt es etwa, "ihr Herz blieb vor Angst und Schrecken stehen."

Kein Hinweis auf Mitverschwörer

Als Ziel des mit Hilfe von Selbstmordattentätern begangenen Anschlages benannte al-Qaida den "widerwärtigen" irakischen Staat, dessen "Säulen" es ins Visier genommen habe. Tatsächlich war es der bislang folgenreichste Anschlag auf Regierungseinrichtungen des Irak.

Gipfel des Zynismus allerdings ist eine Passage in dem Kommuniqué, in der al-Qaida sich zu möglicherweise getroffenen Sunniten äußert, deren "Blut (eigentlich) geschützt ist": Den Verwundeten unter jenen wünsche man Genesung, den Getöteten, dass sie von Gott als "Märtyrer" angenommen werden.

Dass nun ein Bekennerschreiben vorliegt, muss allerdings nicht viel heißen. Zahlreiche Experten und Analysten hatten es bereits unmittelbar nach der Anschlagsserie für unwahrscheinlich erklärt, dass al-Qaida zu so einer koordinierten und präzisen Operation in der Lage sei - jedenfalls kaum ohne Hilfe, zum Beispiel von Ex-Offizieren des Baath-Regimes, die den Dschihadisten zuneigen.

Zu solchen Allianzen soll es nach übereinstimmenden Erkenntnissen mehrerer Geheimdienste bereits öfter gekommen sein; in dem Bekennerschreiben fehlt dazu freilich jeder Hinweis. Es ist allerdings auch nicht auszuschließen, dass al-Qaida sich jetzt bekannte, weil die anhaltende Debatte über mögliche andere Drahtzieher die Terroristen störte.

Die Qaida-Filiale im Irak, die seit 2006 unter dem Namen "Islamischer Staat Irak" auftritt und sich mit einigen kleinerer Terrorgruppen vereinigt hat, ging 2004 aus der Terrororganisation hervor, die der Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi nach dem Einmarsch der US-Armee 2003 im Irak etabliert hatte. Nachdem sie jahrelang die einflussreichste und gefährlichste Terrorgruppe in dem Land war, gilt sie mittlerweile als deutlich geschwächt.

Doch der bevorstehende Abzug der US-Armee und die bereits umgesetzte Übergabe der Verantwortung für die Sicherheit in den Städten an die irakischen Behörden haben dem Terrornetzwerk anscheinend neue Spielräume eröffnet. Im Frühjahr hatte der "Emir" der Organisation, der sich Abu Omar al-Baghdadi nennt, zu einer neuen Kampagne namens "Ernte des Gutes" aufgerufen. Er stellte sie in einen Zusammenhang mit der veränderten Irak-Politik der USA nach der Wahl von Barack Obama zum Präsidenten, nannte aber keine Details. Sollte es al-Qaida im Irak unterdessen gelingen, zu neuer Stärke zu finden, wäre dies im schlimmsten Fall ein ernsthaftes Problem für die in wenigen Monaten stattfindenden Wahlen im Irak.