Terror im Irak Nur die Ajatollahs können Bürgerkrieg noch abwenden

Nackte Angst vor einem Terroranschlag trieb heute Hunderte Schiiten in den Tod. Die Massenpanik auf einer Brücke über den Tigris bringt den Irak einem Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten gefährlich nahe. Nur Friedensgebete der schiitischen Geistlichen könnten eine weitere Eskalation noch verhindern.

Von Yassin Musharbash


Trauernde Frau in Bagdad: Bis zu 1000 Menschen starben nach einer Massenpanik
AFP

Trauernde Frau in Bagdad: Bis zu 1000 Menschen starben nach einer Massenpanik

Bremen - Es hätte ein Tag wie jeder andere werden könne, und das wäre schon schlimm genug im Irak: Granaten und Raketen feuerten Terroristen heute Morgen auf schiitische Pilger ab, die sich anlässlich seines Todestages am Grabmal des Imam Mussa al-Kadim versammelt hatten. Sieben schiitische Gläubige starben.

Doch zwei Stunden später wurde aus dem bis dahin im Wortsinne schrecklich gewöhnlichen Tag ein Tag, wie selbst der Irak nur wenige kennt: Unter Tausenden schiitischen Pilgern, die gerade auf einer Brücke den Tigris überquerten, brach eine Massenpanik aus. Laut Berichten von Überlebenden machten Gerüchte über Selbstmordattentäter die Runde; bei dem anschließenden Gedrängel barst ein Brückengeländer und bis zu 1000 Menschen, so das irakische Gesundheitsministerium, fanden den Tod, vor allem Frauen und Kinder.

Dass es unter den Pilgern zur Panik kam, ist nachvollziehbar: Die Schiiten des Irak erfahren seit Monaten fast täglich am eigenen Leib, dass sie zur Zielscheibe der sunnitischen Terrorgruppen im Zweistromland geworden sind. Insbesondere Abu Musab al-Sarkawi, der Statthalter der Qaida im Irak, hat die Angehörigen dieser Religionsgruppe pauschal zu Feinden, Ungläubigen und US-hörigen Spionen erklärt - und damit das Todesurteil über sie verhängt. Erst im Frühjahr hatte er großmundig angekündigt, seinen Terror in den Süden des Landes tragen zu wollen, wo die Mehrheit der Bevölkerung schiitisch ist.

Gut möglich, dass die Mörserangriffe am Morgen auf sein Konto gingen; aber auch andere islamistische Terrorgruppen, etwa die "Armee der Unterstützer des sunnitischen Islam" kommen in Frage. Ein Bekennerschreiben gibt es bislang noch nicht. An der Massenpanik, dem eigentlichen Auslöser der Katastrophe, tragen die Terroristen zwar keine direkte, wohl aber die ungeteilte indirekte Schuld. Terrorismus bedeutet die Verbreitung von Angst und Schrecken, auch ohne einen konkreten Anschlag. Das Gerücht über die Selbstmordattentäter hatte schlimmere Folgen als ein Anschlag sie wahrscheinlich gezeitigt hätte.

Die wahre Macht im Land

Das alles zeigt: Der Terror, der den Irak nun schon im zweiten Jahr erschüttert, hat mittlerweile eine Dynamik gewonnen, die sämtliche Fortschritte in Richtung eines neuen, demokratischen Staates zwischen Euphrat und Tigris zunichte zu machen drohen. Die Angst im Land ist die wahre Macht, nicht die US-Armee und schon gar nicht die Regierung, Armee oder Polizei. Anfänglich hatten sich die Terrorgruppen noch auf den Widerstand gegen die US-geführte Kriegsallianz beschränkt; schon bald begannen sie aber mit Hinrichtungen westlicher und arabischer Geiseln und Anschlägen auf Rekrutierungszentren der neuen irakischen Armee und Polizei. Die Frequenz der Anschläge, auch ihre grausame Effektivität, konnte nie dauerhaft gesenkt werden.

Vor allem die al-Qaida-Filiale im Irak versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass der Irak eine staatliche Ordnung findet - und macht dabei auch nicht vor Massenmord an Zivilisten halt. Wahllokale wurden beim ersten freien Urnengang des Landes im Januar 2005 ebenso gezielt angegriffen wie Politiker der Übergangsregierung und zuletzt die Mitglieder der Verfassungskommission. Abu Musab al-Sarkawi und seine Mitstreiter wollen vor allem eines erreichen: totales Chaos von Basra im Süden bis Irbil im Norden. Sie wollen den Irak in ein neues Afghanistan verwandeln, in dem sie ungehindert ihren Nachwuchs ausbilden und von dem aus sie Anschläge auch gegen Jordanien und Israel ausführen können.

Die Schiiten stehen dieser Strategie im Wege, weil sie - als über Jahrhunderte benachteiligte Bevölkerungsmehrheit - ein Interesse an einem neuen, demokratischen, föderalen Staat haben. An diesem Punkt treffen sich die Interessen der vornehmlich aus Ausländern bestehenden Sarkawi-Fraktion mit denen der irakisch-sunnitischen Islamistengruppen - denn letztere träumen von der Widererrichtung der sunnitischen Herrschaft im Land.

Seit dem Mittelalter benachteiligt

Weltweit machen die Schiiten nur etwa zehn Prozent der Muslime aus; im Iran aber stellen sie mit geschätzten 60 Prozent die Mehrheit. Historisch haben sich die Schiiten schon im 1. Jahrhundert islamischer Zeitrechnung von der sunnitischen Mehrheit abgespalten - es ging um die Frage, ob der Kalif, also der Nachfolger des Propheten Muhammads als geistlicher und weltlicher Führer, zwingend aus dessen Nachfahrenschaft hervorgehen muss, wie die Schiiten meinen, oder nicht, wie die Sunniten befanden. Aus dieser theologischen Scheidelinie wurde im Laufe der Jahrhunderte eine kulturelle - die Schiiten entwickelten einen Märtyrerkult um die Familie des Propheten und führten Rituale ein, die den Sunniten bis heute fremd sind.

Im Irak wurden die Schiiten schon ab dem frühen Mittelalter an den Rand gedrängt; sowohl das Osmanische Reich als auch die späteren Regierungen des modernen Irak stützten sich fast ausschließlich auf die sunnitischen Iraker. Zuletzt mussten die Schiiten unter Saddam Hussein leiden, der ihnen ihre Prozessionen - Kernrituale des Schiitentums - verbot und ihre Führer teilweise hinrichten ließ.

Seit dem Fall Saddams und mit der demokratischen Wahl des ersten schiitischen Präsidenten stieg das Selbstbewusstsein der Schiiten. In der noch laufenden Verfassungsdebatte bildeten sie ein Zweckbündnis mit der starken kurdischen Minderheit, die ebenfalls lange diskriminiert wurde. Beide Gruppen wollen einen föderalen Irak, um im Süden und Norden, wo sie konzentriert sind, die Angelegenheiten nach ihrem Gusto zu regeln. Zur Not sind sie bereit, die Sunniten dabei zu umgehen - die fürchten nun die Rache einer schiitisch-kurdischen Allianz.

Zynisches Echo im Internet

Die Katastrophe des heutigen Tages wird diesen schwelenden Konflikt weiter verschärfen, vielleicht sogar zum Ausbruch bringen. Schon machen Gerüchte die Runde, eine Gruppe schiitischer Pilger sei heute vergiftet worden. Wer anders käme als Täter in Frage als Sunniten? Auf islamistischen Internet-Seiten ist derweil schon das Echo der Qaida-Sympathisanten zu vernehmen: "Gott ist groß!", kommentierten Dutzende von ihnen heute Mittag die schiitische Tragödie. "Schande über die Schiiten!" Beide Parteien, so viel ist schon jetzt klar, werden das schlimme Ereignis als Folge des sunnitischen Terrors einordnen - und zwar unabhängig davon, wer das Gerücht von den Selbstmordattentätern streute.

Dass derweil auch die Schiiten unter Umständen bereit sein könnten, zu den Waffen zu greifen, hatte sich im Irak bereits unmittelbar nach dem Fall Bagdads 2003 gezeigt, als der radikale junge Schiitenführer Muktada al-Sadr eine Miliz aufstellte und sich Gefechte mit US-Soldaten lieferte. In den kommenden Stunden und Tagen wird es nun nicht zuletzt auf die schiitischen Führer ankommen. Deren angesehenster, der greise Ayatollah Ali Sistani, hat sich bisher weitgehend aus der Politik herausgehalten, plädiert aber gegen Gewalt. Für gläubige Schiiten hat das Wort ihrer Geistlichen hohe Bedeutung; setzt sich der friedliche Kurs durch, besteht Hoffnung, dass der konfessionelle Bürgerkrieg verhindert werden kann. Andernfalls droht dem Irak eine blutige Auseinandersetzung, in die zwangsläufig fast das gesamte Volk gezogen würde.

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