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30. August 2003, 14:29 Uhr

Terror im Irak

Schrei nach Rache

Noch immer ringen viele Verletzte mit dem Tod. Nach dem mörderischen Anschlag in Nadschaf mit über 100 Toten hat die irakische Polizei vier Verdächtige verhaftet. Zu tausenden demonstrieren die Menschen im Irak gegen den Terror. Die Uno zieht aus Angst Personal ab.

Wut: Demonstration in Nadschaf
AFP

Wut: Demonstration in Nadschaf

Bagdad - Nach dem verheerenden Bombenanschlag von Nadschaf hat die irakische Polizei mindestens 19 Verdächtige festgenommen, berichtete der arabische Fernsehsender Al Dschasira. Die Verdächtigen seien nicht- irakische Araber aus verschiedenen Ländern. Zuvor hatte es noch geheißen, unter den Festgenommenen wären zwei Iraker, die Verbindungen zur Terrororganisation al-Qaida aufweisen würden. Sie hätten von weiteren geplanten Anschlägen auf Politiker und Geistliche sowie auf die Infrastruktur des Landes berichtet, hatte ein Polizeisprecher bekanntgegeben. Die Zahl der Opfer des Anschlags auf die Imam-Ali-Moschee stieg auf über 100, CNN berichtet von bis 125 Toten und über 200 Verletzten. Zahlreiche Schwerverletzte wurden noch in Krankenhäusern behandelt.

Die bei dem Attentat am Freitag eingesetzte Bombe sei aus den gleichen Materialien hergestellt gewesen wie die Sprengsätze bei den tödlichen Anschlägen auf das Uno-Büro und die jordanische Botschaft in Bagdad, berichtete die Polizei. Die Festgenommenen hätten erklärt, die Anschläge hätten einen "Zustand des Chaos" zum Ziel gehabt, der die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte binden und von den Grenzen ablenken sollte. US-Ermittler gehen davon aus, dass Extremisten von Saudi-Arabien, Syrien und Iran aus nach Irak eindringen, die Angriffe auf westliche Einrichtungen planen.

Anhänger des in Nadschaf getöteten Schiitenführers Ajatollah Mohammed Bakir al Hakim forderten am Samstag Vergeltung für die Bluttat. Zehntausende versammelten sich zu einer Trauerfeier für die Opfer, viele Trauernde schrien nach Rache.

Trotz des verheerenden Anschlags wollen sich die US-Truppen in Irak nach Worten von Präsident George W. Bush nicht von ihrer Arbeit abschrecken lassen. Bush verurteilte den Anschlag als einen "bösartigen Akt des Terrorismus" und versicherte, die USA würden die Hintermänner der Tat zur Rechenschaft ziehen. Hinter der Tat wurden Anhänger des gestürzten irakischen Staatschefs Saddam Hussein vermutet.

Der Anschlag demonstriere die "Verzweiflung der Feinde des irakischen Volks", erklärte Bush. "Der Terror muss und wird besiegt werden", sagte er. "Die gemeinsamen Bemühungen der Iraker und der internationalen Gemeinschaft werden Frieden und Freiheit bringen." US-Außenminister Colin Powell bezeichnete den Anschlag als "ein abscheuliches Verbrechen gegen das irakische Volk und die internationale Gemeinschaft".

Bagdad: Explosion vor dem Uno-Hauptquartier am 19. August
AFP

Bagdad: Explosion vor dem Uno-Hauptquartier am 19. August

Der Sprengsatz explodierte, als tausende Gläubige nach dem Freitagsgebet die Moschee verließen, die als heiligste Stätte der Schiiten in Irak gilt. Viele der Verletzten waren nach Krankenhausangaben in einem kritischen Zustand. Der irakische Verwaltungsrat rief eine dreitägige Trauerzeit aus.

Unterdessen verlautete in New York, die Vereinten Nationen wollten aus Sicherheitsgründen die Zahl ihrer Mitarbeiter in Irak deutlich reduzieren. Von derzeit 400 internationalen Mitarbeitern, davon 110 in Bagdad, sollten künftig nur noch 40 bis 50 im Land bleiben. "Die wichtigsten humanitären Aufgaben werden weitergehen, darunter die Verteilung von Lebensmitteln und die Arbeit in den Krankenhäusern", sagte Uno-Sprecher Stephane Dujarric. Annan hatte eine Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen angeordnet, nachdem bei dem Bombenanschlag auf das UN-Hauptquartier in Bagdad am 19. August 22 Menschen ums Leben gekommen waren.

Mit einer Verfügung weitete Bush am Freitag die Möglichkeiten aus, das Vermögen von ehemaligen irakischen Regierungsmitgliedern einzuziehen. Damit können jetzt auch Vermögenswerte von Angehörigen der Exregierungsmitglieder beschlagnahmt und für den Wiederaufbau des Landes verwendet werden, wie Bush in einem Brief an den US-Kongress erklärte. Weiter kündigten die Alliierten in Irak die Gründung einer irakischen Handelsbank an. Die Bank werde von einem Konsortium internationaler Finanzinstitutionen unter Führung von J.P. Morgan Chase geleitet, erklärte der Direktor für wirtschaftliche Entwicklung der Verwaltungsbehörde, Peter McPherson. Die Bank soll die Zahlung von Irak bestellter Güter sicherstellen.

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