Terror in Afghanistan Cüneyt C. - Der erste Selbstmordattentäter aus Deutschland?

Ein junger Türke ist womöglich der erste Selbstmordattentäter aus Deutschland: Cüneyt C. setzte sich im April 2007 aus Bayern nach Pakistan ab. Deutsche Terrorfahnder hatten ihn schon länger im Visier. Auf einer Internetseite wird nun sein Märtyrer-Tod bei einem Anschlag in Afghanistan gefeiert.

Von , Yassin Musharbash und


Berlin/Kabul – Die letzte Mission begann um exakt vier Minuten nach vier am Nachmittag des 3. März. Gerade hatte der Fahrer seinen blauen Toyota Dyna-Kleinlaster vor dem Sabari Distriktzentrum in der ostafghanischen Provinz Khost gestoppt, der Motor lief noch, da drückte er den Zünder. Die Wucht des Sprengstoffs auf der Ladefläche ließ die Erde beben, das Eingangsgebäude stürzte in sich zusammen, unter den Betontrümmern wurden Dutzende US-Soldaten verschüttet. So heftig war die Detonation, dass Augenzeugen von einem Raketenangriff auf das vor zwei Monaten von der US-Armee errichtete Verwaltungsgebäude ausgingen.

Nach der Detonation herrschte Chaos. Angreifer mit AK-47 stürzten auf US-Soldaten am Eingang zu, wollten das Gebäude stürmen, doch die US-Kämpfer wehrten sie ab. Noch Stunden nach der Attacke wühlten Ärzte und vom Knall taube Soldaten im Schutt, Hubschrauber flogen die Schwerverletzten weg. Zwei US-Soldaten konnten die Helfer nur noch tot herausziehen, gut ein Dutzend weitere wurden schwer verletzt. Es war der schwerste Angriff auf die Schutztruppe Isaf dieses Jahr in Afghanistan - nur eine Stunde entfernt von der pakistanischen Grenze.

Chaos und Verwirrung mit einer Bombe, dann mit Bewaffneten angreifen und den Sturm versuchen - spätestens seit dem blutigen und symbolträchtigen Angriff auf das Kabuler Nobel-Hotel Serena im Januar gilt das als eine typische Taliban-Technik. Und ganz nach Drehbuch der fragilen Lage Afghanistans im Jahr sieben der Isaf-Mission brüstete sich auch in diesem Fall schnell ein Sprecher der Gotteskrieger mit der Attacke. Die Opferzahlen übertrieb er, wie so oft, reichlich und freute sich zynisch über den Angriff auf ein Symbolprojekt der US-Armee in Khost.

Ein Alptraum für die Terrorfahnder

Seit dem 6. März beschäftigt der Fall auch deutsche Terrorfahnder. Seit Experten des Berliner Terror-Abwehrzentrums (GTAZ) im Internet ein Pamphlet inklusive Fotos eines grinsenden, bärtigen Mannes entdeckten, gehen sie mit Hochdruck einem heiklen Verdacht nach. Einiges spricht dafür, dass der Bomber von Khost kein radikaler Afghane oder Pakistani war. Vielmehr könnte ein islamistischer Türke aus Bayern, geboren in Freising und als gefährlich eingestuft, der Täter sein. Es wäre der Alptraum der Ermittler – der erste Selbstmordattentäter aus Deutschland.

Was die Fahnder im Netz fanden, las sich zunächst wie pure Propaganda. Auf anderthalb Netzseiten skizziert die Terrorgruppe Islamische Dschihad Union (IJU) auf Türkisch, wie sie "gegen das Militärlager der Besatzer von Ungläubigen" mit 4,5 Tonnen Sprengstoff vorging, wie das US-Lager "vollkommen vernichtet" wurde. Genüsslich zitieren die Verfasser Taliban, mit denen die Operation vorbereitet worden sei, die von Hubschraubern zum Abtransport der Leichen berichten. Statt der beiden toten US-Soldaten raunt die IJU düster von 60 Opfern.

Dann wird es blumiger und doch sehr konkret. Cüneyt C., alias Saad Ebu Furkan, habe den Anschlag "erfolgreich durchgeführt" - ein "tapferer Türke, der aus Deutschland kam und sein Luxusleben gegen das Paradies eintauschte". Angeblich, so die Verfasser, betete "unser Bruder stets darum, den Ungläubigen großen Schaden zuzufügen". Dieses Gebet von Cüneyt C. habe Allah mit dem Anschlag nun erhört. Unterzeichnet ist das Schreiben mit "Pressestelle der Islamischen Dschihad Union".

Mit Frau und Kindern abgesetzt

Der vermeintliche Märtyrer aus Deutschland ist keine fiktive Figur. Cüneyt C., ein 28-jähriger Türke, ist als Islamist bekannt und gehört zu den Kontaktpersonen der Sauerland-Gruppe um Fritz Gelowicz und Adem Yilmaz – spätestens seit deren Festnahme gilt auch er als brandgefährlich. "Ismail aus Ansbach", wie C. von Freunden genannt wurde, setzte sich schon vor dem Zugriff ab. Bereits am 2. April verließ er mit seiner Frau und den beiden Kindern Ansbach, vorher löste er seine Wohnung auf, kündigte seinen Arbeitsvertrag und meldete sich ordnungsgemäß beim Amt ab.

Für die Fahnder gehört C. seitdem fest zum suspekten Reisekader, der aus Deutschland nach Pakistan zog, sich dort nach Meinung der Behörden als Dschihadisten ausbilden ließ und aus Sicht der Behörden nun mehr als gefährlich ist.

Die Gruppe, teilweise mit deutschen Pässen ausgestattet, ist untereinander befreundet. Der junge Vater aus Ansbach war ein Kumpel von Adem Yilmaz aus der Sauerland-Gruppe. Die Ermittler nehmen an, dass Yilmaz C.s Reise über die Türkei und Iran nach Pakistan organisierte. Yilmaz gilt als eine Art Reisebüro, er kannte die Route und die Ansprechpartner, die den Weg in die Terrorlager wiesen.

Seinen Dschihad-Freunden aus Süddeutschland hinterließ der Islamist C. bei seiner Abreise sogar noch seinen Renault Twingo, den die Polizei bereits verwanzt hatte. Die Brüder fuhren den Wagen noch einige Wochen und gingen damit auf die Suche nach US-Amerikanern, deren Wagen sie demolierten. Dann, im Juni, verkauften sie das Dschihad-Asservat des Glaubensbruders aus Ansbach. Zu diesem Zeitpunkt waren ihnen die Fahnder schon rund um die Uhr auf den Fersen, da sie von den Terrorplänen des Trios durch Hinweise aus den USA Wind bekommen hatten.



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