Terror in Afghanistan Top-Taliban kommandieren deutsche Gotteskrieger

Die Sicherheitsbehörden sind besorgt: Deutsche Islamisten wie der Konvertit Eric B. operieren jüngsten Erkenntnissen zufolge unter direkter Anleitung hochrangiger Funktionäre von Taliban und al-Qaida. Nach SPIEGEL-Informationen gehört auch der lange als tot geltende Jalaluddin Haqqani dazu.

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Berlin – Der Mann wirkt schwach, er zittert, scheint von einem Zettel vor sich abzulesen. Dicht und rotbräunlich steht der Bart in seinem Gesicht, er trägt eine Militärweste. Rechts von ihm lehnt ein Schnellfeuergewehr vom Typ AK-47, ganz im Stil des Terror-Fürsten Osama Bin Laden. "Der Dschihad wird bis zur Auferstehung und bis zum jüngsten Gericht dauern und es ist die Aufgabe aller Mudschahidin, den Dschihad weiter zu führen", flüstert der Mann auf dem Video, das die Propagandaabteilung der Taliban zusammengestellt hat. Für Kenner der internationalen Terrorismusszene ist das Video eine kleine Sensation. "Einer der bekanntesten Taliban meldet sich mit dem Band wieder zu Wort, er ist zurück auf der Kommandobrücke", sagt der Journalist Rahimullah Yousafzai, der die Koran-Jünger von Mullah Omar seit Jahren für die pakistanische Zeitung "The News" und die britische BBC beobachtet. Der Mann, von dem er spricht, ist Jalaluddin Haqqani. Viele hielten ihn für tot, gestorben an Gelbsucht. Mit dem Video, das glaubt auch das deutsche Bundeskriminalamt (BKA), beweist er das Gegenteil.

Doch das Video ist nach SPIEGEL-Informationen womöglich viel mehr als nur ein Lebenszeichen des Top-Taliban Haqqani. Sicherheitsbehörden in Berlin gehen mittlerweile davon aus, dass deutsche Dschihadisten – wie der seit voriger Woche mittels Fahndungsplakaten in Afghanistan gesuchte 20-jährige Neunkirchener Konvertit Eric B. – unter direkter Anleitung hochrangiger Funktionäre wie Haqqani auf Seiten der Taliban oder anderer Top-Leute von al-Qaida im Krisengebiet operieren.

Die Erkenntnis resultiert aus der Auswertung des Terror-Videos mit Top-Taliban Haqqani, auf dem auch der 28-jährige Cüneyt Ciftci aus dem bayerischen Ansbach offenbar bei seinen Vorbereitungen zu dem Selbstmord-Sprengstoff-Anschlag vom 3. März im Distrikt Sabari in der afghanischen Provinz Khost zu sehen ist. Dabei starben zwei US-Soldaten und zwei Afghanen. Die Bilder zeigen Ciftci bis zu dem Zeitpunkt, als er anscheinend vor dem Losfahren mit dem Bomben-Lkw das letzte Gebet ablegt.

In dem 45-minütigen Propagandavideo, das SPIEGEL ONLINE kürzlich in Afghanistan zugespielt worden war, preist nicht nur Ciftci sein Vorhaben ("Inschallah, möge mein Schöpfer durch unsere Hände unsere Religion erhöhen und den Feinden Qualen bereiten"). Ebenso erkennen die deutschen Fahnder einen Zusammenhang von Ciftcis Kommando mit der höchsten Kommando-Ebene der Taliban, denn Top-Mann Haqqani lobt den dokumentierten Anschlag ausdrücklich – die Beteiligung seiner Gruppe an der Tat liegt damit nahe.

Das Video bestätige zudem enge Kontakte zwischen den Taliban und der Islamischen Dschihad Union (IJU), heißt es im Bundeskriminalamt. Wie Ciftci unterhielten auch die jetzt in Afghanistan ausgeschriebenen Eric B. alias "Abdul Rafar" und Houssain al-M. direkte Kontakte zur sogenannten Sauerland-Zelle der IJU. Eric B.s Familie sorgte sich schon im vorigen Jahr um dessen mögliche Pläne. Er betrachte sich nicht mehr als Deutscher, nur noch als Muslim, und sei "sehr aggressiv".

Das BKA ist sich sicher, dass die Islamisten in Pakistan ein Terror-Training in Lagern der IJU absolvierten. Nachdem sie im Herbst 2007 Deutschland verließen, verfolgten die Fahnder ihre Spur. Zuerst reisten sie nach Ägypten, wo sie eine Koranschule eines aus Deutschland ausgewiesenen Hass-Predigers besuchten.

In der Einrichtung in Kairo, so jedenfalls die Arbeitsthese deutscher Fahnder, werden besonders gern deutsche Konvertiten radikalisiert und indoktriniert. Wenig später fassten Eric B. und Houssain al-M. dann offenbar den Beschluss, wie die Mitglieder der Sauerland-Gruppe den bei den Fahndern bereits als "Trampelpfad der IJU" bekannten Weg in die Terror-Lager zu gehen.

Von Kairo reisten sie Ende November nach Dubai und anschließend weiter nach Teheran. Dort verliert sich ihre Spur Anfang Dezember - doch die Fahnder gehen fest davon aus, dass sie über die iranisch-pakistanische Grenze nach Waziristan zogen, wo die IJU mehrere Lager unterhält.

Houssain al-M. jedenfalls kannte den Weg in die Lager bereits, auch wenn sein erster Versuch der gefährlichen Reise dorthin gescheitert war. Gemeinsam mit Tolga D., einem weiteren Verdächtigen im Umkreis der Sauerland-Zelle, war er bereits im Sommer 2007 eine ähnliche Route entlang gereist.

Kurz nach der Einreise in Pakistan aber wurden die beiden Dschihadisten vom örtlichen Geheimdienst ISI an einer Bushaltestelle festgenommen, auch ihre Tarnung mit gefälschten afghanischen Papieren nutzte ihnen nichts.

Der Fall von M. beweist für die Fahnder, wie entschlossen die Männer sein müssen. "Die Festnahme, tagelange Verhöre in Pakistan und letztlich die Abschiebung nach Deutschland haben Houssain al-M. offenbar eher in seiner Absicht bestärkt, in den heiligen Krieg zu ziehen", sagt ein Beamter des BKA.

Statt sich aus Angst vor Verfolgung durch deutsche Behörden vorsichtig zu verhalten, plante der Libanese schon kurz nach seiner Rückkehr nach Deutschland den zweiten Versuch, in die Lager nach Pakistan zu kommen.

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