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30. März 2016, 14:36 Uhr

Pannen der Terrorermittler

Polizei kommunizierte per WhatsApp, Abdeslam "zu müde" fürs Verhör

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Immer neue Details über Ermittlungspannen in Belgien: Nach der Türkei beklagen sich jetzt auch die Niederlande, dass Behörden in Brüssel wichtige Warnungen ignoriert hätten.

Hinterher sind fast alle schlauer. Doch die Versäumnisse der Behörden, besonders zwischen den Attentaten von Paris mit 130 Toten im November und den - offenbar vorgezogenen - Attacken in Brüssel mit derzeit 35 Terroropfern waren eklatant.

Der niederländische Justizminister Ard van der Steur beklagte am Mittwoch erneut, dass es bereits Mitte März Warnungen vor den Bakraoui-Brüdern gab. Die Männer töteten sich vergangene Woche am Flughafen Zaventem und in der Brüsseler U-Bahn mit Sprengstoffladungen. Demnach waren sie dem FBI schon lange als Gefährder bekannt. Bei einer Sitzung am 17. März - also fünf Tage vor den Anschlägen - hätten die Niederländer die Warnung der Amerikaner an die Belgier weitergegeben. Die belgische Seite dementierte.

Ob die USA die Information auch direkt nach Belgien übermittelten oder nur an die Niederländer gaben, ist unklar. Derzeit helfen US-Ermittler den Belgiern bei der Auswertung von Computerdaten, teilte Präsident Obama mit. Mit scharfen Worten kritisierten ungenannte US-Experten gegenüber der Agentur Reuters, die belgischen Kollegen seien offenbar überbeansprucht und hätten mit kulturellen, finanziellen und politischen Problemen zu kämpfen.

Heute ist bekannt, dass es eine große Terrorzelle in der EU gab, die sowohl die Attentate in Paris als auch die Angriffe in Brüssel vorbereitete. Die weitere, jetzt bekannt gewordene Kommunikationspanne zwischen den Niederlanden und Belgien ist allerdings nur das jüngste in einer Reihe von Versäumnissen. Fehleinschätzungen und verloren gegangene Informationen ziehen sich durch die gesamten belgischen Ermittlungen zum islamistischen Terror:

Stümperhafte Polizeiarbeit

Kurz nach den ersten Explosionen brach das Brüsseler Mobilfunknetz zusammen. Doch nicht nur die Bevölkerung war fortan auf SMS, Facebook oder Twitter angewiesen - sondern auch die Sicherheitsbehörden und Rettungsdienste. Die haben für solche Fälle eigentlich "Astrid", einen eigenen Kommunikationsdienst. Doch der fiel ebenfalls aus, wie mehrere belgische Zeitungen berichteten. Verzweifelte Polizisten und Retter sollen sich stattdessen über WhatsApp abgesprochen haben, meldet "Le Vif".

Die Erstürmung eines Extremistenverstecks im Stadtteil Forest ließ verletzte Polizisten zurück, einen Toten und zwei flüchtige mutmaßliche Islamisten. Einer davon war der mutmaßliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam. Seine Fingerabdrücke waren in der Wohnung, außerdem Materialien zum Bombenbau. Justizminister Koen Geens erklärte, Abdeslam konnte entkommen, weil die Polizei nach 21 Uhr keine Hausdurchsuchungen mehr durchführen darf. Die Beziehung zwischen dem Justizminister und den Sicherheitsbehörden gilt in Brüssel als schwer belastet. Erst drei Tage später wurde Abdeslam gefasst.

Bei seiner Festnahme am 18. März in der Islamistenhochburg Molenbeek wurde Abdeslam ins Bein geschossen, er wurde operiert. Doch Abdeslam sei "sehr müde" gewesen, sagte ein Ermittler der Nachrichtenseite "Politico" und nur eine Stunde zu den Pariser Anschlägen befragt worden. Fragen zu geplanten Attentaten seien ihm nicht gestellt worden.

Falsche und versäumte Festnahmen

Die Bakraoui-Brüder waren verurteilte Schwerkriminelle - und mindestens einer hätte nicht auf freiem Fuß sein dürfen. Ibrahim Bakraoui hatte sich im Sommer 2015 zwei Mal nicht bei seinem Bewährungshelfer gemeldet. Der Grund: Er war unterwegs nach Syrien, wo ihn dann die Türken an der Grenze stoppten. Sein Bruder mietete in Paris unter falschem Namen eine Wohnung, in der offenbar die Attentate in der französischen Hauptstadt im November vorbereitet wurden. Doch erst im Dezember landete Ibrahim auf einer Terrorliste der belgischen Behörden.

Der falsche "Mann mit Hut" - Fayçal C., ein Journalist für belgische Medien und einen Tag lang der Terrorist mit der hellen Jacke - wurde nach vier Tagen am Ostermontag wieder freigelassen. Der mutmaßliche Attentäter auf dem Bild ist nach wie vor flüchtig.

Hinweise aus dem Ausland

Vor allem in Belgien wussten die Ermittler wenig über die islamistischen Gefährder, die sich wie Abdeslam und die Bakraouis in Brüssel radikalisiert und in Syrien hatten ausbilden lassen, um in Europa zu töten.

Die belgischen Dschihadisten planten ihre Anschläge in Paris und Brüssel und kochten Sprengstoff - alles in der Hauptstadt der Europäischen Union und unter mindestens halb geschlossenen Augen der Sicherheitskräfte. Nach den Anschlägen von Brüssel teilte die Türkei mit, dass sie schon vor Paris und Brüssel Ibrahim Bakraoui für gefährlich hielt - und ihn im Sommer 2015 in die Niederlande abschob.

In den USA waren die schwerkriminellen belgischen Bakraouis auf Terrorlisten der US-Bundespolizei. Ibrahim bereits vor den Pariser Attentaten, der Wohnungsanmieter von Paris und Brüsseler U-Bahn-Bomber Khalid kurz danach. Wer das den Belgiern wann sagte, ist noch nicht abschließend geklärt. Aber offenbar versandete die Information.

Unklarheiten bei den Opferzahlen

Schon in der Pressekonferenz am Tag nach den Anschlägen nannten die Pressesprecher unterschiedliche Verletztenzahlen, sie schwankten zwischen 260 und 272 Verletzten. Eine Polizistin bat um Verständnis, dass die DNA-Tests länger dauerten und man sehr vorsichtig sei, ehe man jemanden für tot erklärte.

Knapp eine Woche nach dem Anschlag verwirrten die Behörden noch immer die Öffentlichkeit: Mal war von 31, mal von 34 Toten die Rede, mal wurden die toten Terroristen mitgezählt, mal nicht. Die Zahl könne auch aktuell schon höher sein, hieß es am Ostermontag: Für die Auflistung der in den Krankenhäusern verstorbenen Opfer sei das Gesundheitsministerium und nicht das Krisenzentrum zuständig. "Der Informationsfluss braucht Zeit", sagte der Sprecher des Krisenzentrums. Am Dienstag korrigierten sich die Behörden erneut. Nun ist von 35 unschuldigen Toten und drei toten Attentätern die Rede.

Zwischenzeitlich kam es in Belgien wie so oft: Es brachen verbale Kleinkriege aus, zwischen Parteien, zwischen Flamen und Wallonen, zwischen einzelnen Politikern. Der Ruf von Justizminister Geens, nicht aufeinander loszugehen, ging unter.

Ausflüchte der Verantwortlichen

Außer Geens steht Innenminister Jan Jambon in der Kritik. Er beteuert, kurz nach den beiden Explosionen am Flughafen entschieden zu haben, das U-Bahn-Netz zu räumen - noch vor dem Anschlag in der Metrostation Maelbeek. Die Brüsseler Verkehrsbetriebe Stib erklärten, eine solche Anweisung hätten sie nie bekommen. Zwischenzeitlich boten Jambon und Geens ihre Rücktritt an. Doch Ministerpräsident Charles Michel lehnte die Gesuche ab.

Hooligans gegen trauernde Belgier

Auch vor einer Hooligan-Attacke gegen die Gedenkstätte in der Brüsseler Innenstadt war am Vorabend gewarnt worden - vergebens: Bürgermeister Yvan Mayeur sage dem Sender RTL, die Sicherheitsbehörden hätten ihn bereits am Vortag vor "400 Verrückten" gewarnt, die nach Brüssel kommen wollten. Trotzdem kam es zu den Krawallen.

Im Video: Hooligan-Krawalle in Brüssel

Mit Material der Nachrichtenagentur Reuters

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