Terror in Dahab Blutiges Ende eines Hippie-Traums

Dahab auf dem Sinai ist ein Traumziel für Taucher, Surfer und Hippies. Drei Bomben und ihre tödlichen Splitter zerstörten den harmonischen Mikrokosmos der Weltenbummler in Sekunden. Die Behörden wollen schnell zur Normalität zurück, doch der Schock sitzt tief.

Aus Dahab berichtet


Die drei lauten Detonationen sind keine 24 Stunden her, als an der Promenadenstraße von Dahab angestrengt Normalität geprobt wird. Angestellte des Restaurants "Al Capone" direkt am Meer nageln emsig an den Holzschirmen des Lokals herum. Selbst die gepolsterten Bänke in der Fischpinte stehen schon wieder. Nebenan flicken andere Arbeiter die lädierte Brücke über den Dahab Wadi zusammen. Kaum etwas ist mehr zu sehen von den tödlichen Bomben in dem Ferienort. Zumindest, wenn man nicht genau hinsieht.

Wer dies aber tut, entdeckt die Blutspuren auf den Steinen der Promenade. In den Fugen ist es in der Sonne getrocknet, nun braun statt rot. In den Ecken liegen Tausende von kleinen Scherben aus den Fensterscheiben und der Fischauslage des beliebten Lokals im Zentrum des kleinen Touristenörtchens. Wie eine tödliche Wand hatte die Wucht der drei Bomben die Splitter durch die Gasse gejagt, 22 getötet und Dutzende Menschen schwer verletzt. In dem Lokal starben die meisten Menschen.

Fieberhaft arbeitet die ägyptische Regierung an einer sehr künstlichen Normalität. In nur zwölf Stunden reinigten Polizei und die Feuerwehr die drei nah beieinander liegenden Tatorte und verwischten so auch die meisten Spuren der Täter. Nichts soll an den tödlichen Terror in dem beliebten Touristenort auf der Sinaihalbinsel erinnern. Möglichst schnell soll die Welt nicht mehr an den Tod denken, wenn der Name Dahab oder Ägypten fällt. Zu abhängig ist das Land von den Dollars der Touristen.

Mantra des Friedens am Roten Meer

Normalität - für die Zeugen des Terrors ist die weit weg. Frieden und Gewaltlosigkeit, das war für Dahab so etwas wie ein Mantra - nicht nur wegen der allgegenwärtigen "Peace"-Zeichen, Bob Marleys Songs aus allen Boxen und den Batik-Tüchern. Seit zehn Jahren galt Dahab als Kleinod für Rucksacktouristen und moderne Hippies. Bewusst abseits der Massenziele wie Hurghada oder Scharm al-Sheich wurde am steinigen Strand des Roten Meers gekifft, getrommelt und heftig geflirtet.

Dieser ganz spezielle Frieden einer globalisierten Hedonisten-Gemeinde zerbarst innerhalb von Sekunden. Die Gemeinschaft der fast tausend ständig in Dahab lebenden Ausländer, meist Tauchlehrer oder Hoteliers, fürchtet jetzt nicht nur um die eigene Sicherheit. Ihr ganzer Lebensentwurf steht auf dem Spiel. "Wir sind hierher gezogen, weil wir bewusst ein anderes Leben haben wollten", sagt die 40-jährige Andrea. Seit vier Jahren entwirft sie Bikinis und finanziert so ihr Leben in der Sonne. Ein moderner Hippie mit Handy um den Hals sozusagen.

Keine zehn Meter war der junge deutsche Tauchlehrer Andreas Tischer vom "Al Capone" entfernt, als die erste Bombe zündete, vermutlich per Fernsteuerung ausgelöst. Auch er lebt seit Jahren in Dahab. Hätte sich nicht ein Laster in den Weg gestellt, wäre Tischer vermutlich auch tot. Zuerst dachte er kurz an einen explodierten Tank. Dann knallte es noch zweimal. Eine Minute, sagt er, hätte alles still gestanden. Die Menschen starrten einfach ziellos. Wie in Zeitlupe kam es ihm vor. Dann rannten alle plötzlich los - einfach weg vom Strand.

Bilder, die man nie vergisst

Was der Tauchlehrer erlebt hat, hat sich auch in die Seelen Hunderter Augenzeugen gebrannt, die zur Dinner- und Flanierzeit gegen 19.15 Uhr durch Dahab schlenderten. "Ein Heer von blutenden und schreiende Menschen kamen mir entgegen, es war das totale Chaos", so Tischer. Als er in das offene Lokal stürmte, um zu helfen, lagen auf dem Boden Leichen mit abgerissenen Gliedmaßen. Dazwischen Überlebende. Mit den Händen betasteten sie sich gegenseitig, suchten nach Verletzungen.

Irgendwo hier starb auch das bisher einzig bekannte deutsche Opfer: Marcel aus Tübingen. Zusammen mit seiner Mutter Susanne und deren Freund war der Zehnjährige gerade beim Abendessen direkt an der Promenade, als die erste Bombe detonierte. Die Splitter der Bombe und das spitze Glas töteten ihn sofort. Mutter und Lebensgefährte wurden leicht verletzt. Ihr Junge starb vor ihren Augen. Mit einem Schock wurden sie in eine Klinik gebracht und betreut, die Mutter wurde noch am Dienstag nach Stuttgart ausgeflogen.

Wer überlebte und wer starb, entschied der Zufall in Dahab. Einige im "Al Capone" bekamen nur Kratzer ab, da sie sich gerade zufällig gebückt hatten oder durch die Lehne ihres Sofas abgedeckt waren. Andere schmetterte die Wucht der Bombe ins Meer. Direkt neben dem Anpreiser des Lokals explodierte die Bombe. Augenzeugen berichteten, dass mehr Deutsche umgekommen seien. Das Auswärtige Amt, mit einigen Mitarbeitern vor Ort, hat jedoch keine Informationen über weitere deutsche Opfer.

"Wir müssen zusammen stehen"

Am Dienstagabend wird die Promenade trotz Reinigungsarbeiten zum Ort der Erinnerung. Hunderte Beduinen ziehen dort vorbei. "Stopp Terror" oder schlicht "We love Tourists" steht auf den Pappen oder Betttüchern, die sie schnell gemalt haben. Vor dem Lokal bleiben sie stehen und schweigen für einige Minuten. Alle hier fürchten, dass der Traum von Dahab ausgeträumt sein könnte - auch, wenn die Schäden bald nicht mehr zu sehen sein werden. Für Dahab und seine Einwohner würde das schnell das Ende bedeuten.

Bis in den späten Abend verweilen die Menschen vor dem "Al Capone". Immer wieder bringen Touristen Blumen und legen sie an die Stelle, wo die Bombe explodierte. Meist kommen sie zu zweit oder zu dritt. "Wir müssen jetzt zusammen stehen, um den Schrecken zu bewältigen", sagt die 26-jährige Katharina aus Deutschland. Eine halbe Stunde vor den Bomben stand sie vor dem Lokal. Sie wollte eigentlich gerade zu Freunden nach England fliegen. Nun will sie erstmal bleiben. "Jeder hier braucht jetzt den anderen", sagt sie.



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