Roland Nelles

Terroristen Sie werden diesen Kampf verlieren

Europa muss sich gegen den Terror zur Wehr setzen. Aber mit allen Mitteln? Weitere Bomben und mehr Polizei werden das Problem nicht lösen. Es geht um viel mehr.
Tatort in Paris: "Das Kalifat schlägt in Frankreich zu"

Tatort in Paris: "Das Kalifat schlägt in Frankreich zu"

Foto: DOMINIQUE FAGET/ AFP

Nun ist genau das Szenario eingetreten, vor dem wir uns alle nach "Charlie Hebdo" gefürchtet haben. Angriffe auf ein Freundschaftsspiel - ausgerechnet, auf Konzertbesucher, auf unschuldige Menschen in Straßencafés von Paris - das ist die nächste grausame Eskalationsstufe im Krieg der Terroristen gegen Frankreich und ganz Europa.

Mit dieser perfiden Strategie wollen die Terroristen uns Angst machen, politisches Chaos stiften und die freie Art, wie wir leben, zerstören. Das macht traurig und, ja, es macht auch wütend.

Diese Attentate werden Frankreich und Europa mehr verändern als alle anderen Anschläge zuvor. Was ist die richtige Antwort auf den Terror? Es wird jene geben, die nach noch mehr Polizei rufen. Sie werden auch eine härtere Gangart in Syrien einfordern. Noch mehr Waffen, Bomben und womöglich sogar mit dem massiven Einsatz von Bodentruppen gegen die Dschihadisten.

Das lässt sich alles machen. Aber wie macht man es klug? Es gibt den Begriff der "wehrhaften Demokratie" und genau die ist jetzt gefordert. Wehrhaft zu sein, bedeutet nicht, wie ein wilder Mann um sich zu schlagen oder einen "Orwell-Staat" aufzubauen. Sondern es heißt: Demokratien sind, wenn es darauf ankommt, keine Weicheier-Veranstaltungen. Sie müssen sich auch mit Härte gegen Feinde wehren - aber eben bedacht und intelligent, ohne dabei die eigenen Prinzipien aufzugeben.

Der Kampf gegen den Terror wird ein langer Prozess

Natürlich muss das Problem des islamistischen Terrors der heutigen Zeit an seiner Wurzel bekämpft werden. Aber das ist nichts, was sich von heute auf morgen mit einfachen Antworten lösen lässt. Wir müssen uns darauf einstellen, das wird ein langer Prozess, und es wird noch viele Tote geben, wohl auch bei uns.

Europa und Frankreich müssen Schritt für Schritt vorgehen. Dazu gehört, einen Friedensplan für Syrien voranzutreiben, um gemeinsam mit den anderen beteiligten Parteien (Russland, Iran, Saudi-Arabien) den "Islamischen Staat" weiter zu isolieren. Es beinhaltet eine bessere Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden in Europa, eine schärfere Verfolgung von islamistischen Netzwerken bei uns.

Das bedeutet aber zum Beispiel auch, dass wir viel mehr tun gegen Perspektivlosigkeit, Frustration und Verrohung in Teilen der europäischen Gesellschaft. Viele der Kämpfer des "Islamischen Staates" kommen aus dem deutschen, französischen oder britischen Schulsystemen und Vorstädten. Auch hier gilt es einen Kampf zu gewinnen - mit mehr sozialem Engagement, Integrations- und Jobangeboten.

Die viel beschworene Einheit Europas - jetzt ist sie wirklich gefordert. Und die Islamisten sollten die Entschlossenheit der Demokraten nicht unterschätzen. Sie wissen es noch nicht, aber sie werden diesen Kampf verlieren.

Video: Reaktionen auf die Anschläge von Paris

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