Terroristen Sie werden diesen Kampf verlieren

Europa muss sich gegen den Terror zur Wehr setzen. Aber mit allen Mitteln? Weitere Bomben und mehr Polizei werden das Problem nicht lösen. Es geht um viel mehr.

Tatort in Paris: "Das Kalifat schlägt in Frankreich zu"
AFP

Tatort in Paris: "Das Kalifat schlägt in Frankreich zu"

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Nun ist genau das Szenario eingetreten, vor dem wir uns alle nach "Charlie Hebdo" gefürchtet haben. Angriffe auf ein Freundschaftsspiel - ausgerechnet, auf Konzertbesucher, auf unschuldige Menschen in Straßencafés von Paris - das ist die nächste grausame Eskalationsstufe im Krieg der Terroristen gegen Frankreich und ganz Europa.

Mit dieser perfiden Strategie wollen die Terroristen uns Angst machen, politisches Chaos stiften und die freie Art, wie wir leben, zerstören. Das macht traurig und, ja, es macht auch wütend.

Diese Attentate werden Frankreich und Europa mehr verändern als alle anderen Anschläge zuvor. Was ist die richtige Antwort auf den Terror? Es wird jene geben, die nach noch mehr Polizei rufen. Sie werden auch eine härtere Gangart in Syrien einfordern. Noch mehr Waffen, Bomben und womöglich sogar mit dem massiven Einsatz von Bodentruppen gegen die Dschihadisten.

Das lässt sich alles machen. Aber wie macht man es klug? Es gibt den Begriff der "wehrhaften Demokratie" und genau die ist jetzt gefordert. Wehrhaft zu sein, bedeutet nicht, wie ein wilder Mann um sich zu schlagen oder einen "Orwell-Staat" aufzubauen. Sondern es heißt: Demokratien sind, wenn es darauf ankommt, keine Weicheier-Veranstaltungen. Sie müssen sich auch mit Härte gegen Feinde wehren - aber eben bedacht und intelligent, ohne dabei die eigenen Prinzipien aufzugeben.

Der Kampf gegen den Terror wird ein langer Prozess

Natürlich muss das Problem des islamistischen Terrors der heutigen Zeit an seiner Wurzel bekämpft werden. Aber das ist nichts, was sich von heute auf morgen mit einfachen Antworten lösen lässt. Wir müssen uns darauf einstellen, das wird ein langer Prozess, und es wird noch viele Tote geben, wohl auch bei uns.

Europa und Frankreich müssen Schritt für Schritt vorgehen. Dazu gehört, einen Friedensplan für Syrien voranzutreiben, um gemeinsam mit den anderen beteiligten Parteien (Russland, Iran, Saudi-Arabien) den "Islamischen Staat" weiter zu isolieren. Es beinhaltet eine bessere Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden in Europa, eine schärfere Verfolgung von islamistischen Netzwerken bei uns.

Terrorziele in Paris
Klicken Sie auf die Standorte für weitere Informationen.
Fotos: AP, AFP, dpa
1
Stade de France
2
Rue Alibert
3
Rue de la Fontaine au Roi
4
Konzertsaal Bataclan
5
Boulevard Voltaire
6
Rue de Charonne
Das bedeutet aber zum Beispiel auch, dass wir viel mehr tun gegen Perspektivlosigkeit, Frustration und Verrohung in Teilen der europäischen Gesellschaft. Viele der Kämpfer des "Islamischen Staates" kommen aus dem deutschen, französischen oder britischen Schulsystemen und Vorstädten. Auch hier gilt es einen Kampf zu gewinnen - mit mehr sozialem Engagement, Integrations- und Jobangeboten.

Die viel beschworene Einheit Europas - jetzt ist sie wirklich gefordert. Und die Islamisten sollten die Entschlossenheit der Demokraten nicht unterschätzen. Sie wissen es noch nicht, aber sie werden diesen Kampf verlieren.

Video: Reaktionen auf die Anschläge von Paris

Zum Autor
Christian Thiel
Roland Nelles ist Ressortleiter Politik und Leiter des Berliner Büros sowie Mitglied der Chefredaktion von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Roland_Nelles@spiegel.de

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bestrosi 14.11.2015
1. Der Elefant im Raum
Herr Nelles, Sie haben etwas vergessen: den Islam. Man kann sich natürlich weiterhin wegducken, wie es jetzt der Zentralrat macht. Herr Masyek und Co. werden wieder beteuern, dass der Terror "gar nichts mit dem Islam zu tun habe". Aber irgendwann muss man einmal aufwachen und die totalitären Züge dieser Lehre sehen. Die allermeisten Muslime sind friedlich und normale Bürger - dies vor allem, weil sie den Islam durchdenken und offen halten. Und weil sie sich nicht davon ihr ganzes Leben diktieren lassen. Der wichtigste Kampf gegen den Islamismus (der Teil des Islam ist!) findet auf geistiger Ebene statt.
Tiananmen 14.11.2015
2.
"..mehr Polizei werden das Problem nicht lösen. Es geht um viel mehr". Ja. das stimmt. Und da ganz offensichtlich islamistische Kreise an der Destabilisierung der - im Gegensatz zu ihnen - kultivierten Welt arbeiten, liegt der Weg ja offen vor uns. Wir müssen uns vor dem Radikalislamismus schützen. Das hat mit unseren Flüchtlingen nur insofern etwas zu tun, als dass sie die direkten Opfer dieser Schweine sind.
WwdW 14.11.2015
3. Ansonsten stimme ich zu
Das sind alles europäische Eigenzüchtungen, die da bei uns den Terror verbreiten, weil sie keine Perspektive haben. Und warum haben sie keine Perspektive? Weil der Turbokapitalismus sie abgehängt hat. Also müssen die Konzerne und Turbokapitalisten jetzt dafür sorgen, dass diese Menschen wieder integriert werden können indem sie teilhaben können. Was anders wird nicht klappen.
siebenh 14.11.2015
4.
Es fällt mir schwer, angesichts der Ereignisse etwas politisches zu schreiben. Aber ich möchte nur anmerken, dass es in Frankreich seit 2006 die Vorratsdatenspeicherung gibt und diese einen offensichtlich koordinierten Angriff von mindestens acht Personen nicht verhindern konnte. Ansonsten überwiegt der Schrecken und das Entsetzen. Weltweit gibt es jeden Tag solche furchtbaren Angriffe. Ich halte es mit Helmut Schmidt. Die Interpretation der eigenen Religion und ihr Stellenwert in manchen Ländern haben die Welt in einen Zustand gebracht, der ein friedliches Zusammenleben der Völker unmöglich macht. Du sollst nicht töten und die Würde des Menschen ist unantastbar. Das sollte weltweit alle einigen.
majkusz 14.11.2015
5. Unvorstellbares Leid...
...und deswegen müssen wir alles tun, damit so etwas nicht noch öfter und auch in D passiert. Dazu gehört auch: Grenzen zumachen und aufhören, jeden ungeprüft ins Land zu lassen. Die Muslime müssen diese IS-Brut erstmal unter sich ausrotten...es ist schlichtweg nicht zu glauben, daß keiner weiß, was der andere tut. Und ja, der IS muß eleminiert werden, und ja, dabei werden auch Unschuldige, die sich im Umfeld aufhalten, ihr Leben verlieren. Das ist traurig, aber anders geht es nicht. Es ging auch nicht anders im 2. WK: Um D von den Nazis zu befreien, mußten leider auch viele Unschuldige dran glauben. Alternative: weiter so, alle reinlassen, und den IS in Nahost & Nordafrika frei schalten und walten lassen. Für eine richtig bunte Multikulti-Gesellschaft...
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