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Anschlag in Istanbul: Terror in der Türkei

Foto: IHLAS NEWS AGENCY/ AFP

Terror in Istanbul Im Bann der Gewalt

Beim dritten großen Anschlag in Istanbul innerhalb eines halben Jahres sterben mindestens elf Menschen. Die Sicherheitslage in der Türkei, Europas wichtigstem Partner in der Flüchtlingskrise, wird immer ernster.

Einen Moment wie diesen hatte Istanbul lange nicht mehr erlebt: Die Menschen tanzten auf den Straßen, Fremde fielen sich in die Arme, Autofahrer bildeten einen Korso. Sie feierten den Erfolg der linken, prokurdischen Partei HDP bei den türkischen Parlamentswahlen am 7. Juni 2015.

Auf den Tag genau ein Jahr später rasen Krankenwagen durch die Stadt, das türkische Fernsehen zeigt Bilder von einem Buswrack, von Helfern, die Verwundete versorgen. Bei einem Bombenanschlag auf einen Polizeibus im Zentrum Istanbuls am Dienstagmorgen starben mindestens elf Menschen, mehrere Dutzend wurden verletzt.

Istanbul 2016 ist eine andere Stadt als 2015. Die Türkei ist ein anderes Land.

Viele Türken hofften 2015, mit dem Einzug der HDP ins türkische Parlament würden sich Frieden und Demokratie durchsetzen, nach Jahrzehnten der gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen türkischem Staat und kurdischen Separatisten. Doch es kam anders.

Die Türkei erlebt eine beispiellose Welle der Gewalt. Allein in Istanbul haben Terroristen 2016 drei große Attentate verübt, unter anderem auf eine deutsche Touristengruppe im Januar. Insgesamt kamen in der Türkei seit Juni 2015 mehr als 200 Menschen bei Anschlägen ums Leben.

Für den Terror in der Türkei waren in den vergangenen Monaten neben dem "Islamischen Staat" (IS) vor allem kurdische Extremisten verantwortlich. Noch ist nicht bekannt, wer hinter dem Attentat vom Dienstag steckt. Manches deutet auf einen Täter aus dem Umfeld der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK hin. Deren Angriffe richteten sich in der Vergangenheit in erster Linie gegen Staatsziele, Polizei und Militär, während der IS vor allem Zivilisten ermordete. Doch bislang hat sich niemand zu dem Anschlag auf den Polizeibus bekannt.

Der Krieg im Südosten der Türkei treibt der PKK Unterstützer zu

Schon jetzt vertieft der Terrorakt die Gräben in der Türkei weiter.

Im Internet hetzten Regierungsanhänger gegen Kurden, denen sie kollektiv die Schuld für die Gewalt zuschreiben. Seit im vergangenen Jahr die Friedensverhandlungen zwischen der PKK und dem türkischen Staat gescheitert sind, versuchen kurdische Extremisten die türkische Regierung durch Anschläge zu Zugeständnissen zu zwingen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der einst selbst den Friedensprozess mit den Kurden angeschoben hat, reagiert mit Härte. Sein Militär fliegt Angriffe gegen Stellungen der PKK in den Bergen Nordiraks, im Südosten der Türkei liefern sich türkische Soldaten seit Monaten Gefechte mit PKK-Kämpfern und verhängen Ausgangssperren über ganze Städte. Nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen sind bei den Auseinandersetzungen Hunderte Zivilisten gestorben, etliche kurdische Städte ähneln nach schweren Kämpfen inzwischen eher Syrien als der Türkei.

Der Krieg im Südosten der Türkei hat die Terroristen jedoch nicht geschwächt. Er treibt der PKK im Gegenteil Unterstützer zu. Der Anschlag vom Dienstag dürfte diese fatale Tendenz verstärken: Die Sicherheitsoperationen werden anhalten, die Terrorangriffe ebenso. Die Türkei scheint gefangen in einer Spirale der Gewalt.

Im Video: Anschlag auf Polizeibus in Istanbul

SPIEGEL ONLINE
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