Terrorangriff in Istanbul Regierung rechnet mit Opfern aus Deutschland - erste Festnahmen

Die meisten Toten des Terrorangriffs in Istanbul sind Ausländer - zwei Opfer wohnten nach Regierungsangaben wohl in Bayern. Türkische Behörden haben inzwischen acht Verdächtige festgenommen, der Terrorschütze soll aber nicht darunter sein.

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39 Menschen hat ein Terrorist in der Silvesternacht in Istanbul ermordet - mindestens ein Deutscher soll unter den Opfern sein. Ein Sprecher des Auswärtigen Amts in Berlin erklärte, man müsse davon ausgehen, dass "zwei Opfer aus Deutschland unter den Toten sind".

Beide seien in Bayern wohnhaft gewesen, einer habe die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft. Bei dem zweiten Opfer gehe man derzeit davon aus, dass er die türkische Staatsangehörigkeit besessen habe. Darüber hinaus gebe es drei verletzte deutsche Staatsangehörige. Alle seien in guter medizinischer Versorgung und außer Lebensgefahr.

Das Polizeipräsidium Oberbayern-Nord hatte zuvor Berichte über ein deutsches Todesopfer - einen 25-Jährigen aus Kreis Landsberg - bestätigt. Dessen Angehörige seien bereits in die Türkei gereist. Ein Sprecher der Stadt Landsberg am Lech hatte von zwei Toten gesprochen, besagtem 25-jährigen, der aus Kaufering stammen, undsoll, und einem 28-Jährigen aus Landsberg am Lech.

Polizei nimmt Verdächtige fest

Bei dem Terrorangriff auf eine Silvesterparty in dem bekannten Klub Reina waren nach türkischen Angaben mindestens 26 Ausländer getötet worden. Viele stammten aus arabischen Ländern. Nach türkischen Angaben kamen die meisten Todesopfer aus Saudi-Arabien, dem Libanon, dem Irak, Tunesien und Marokko.

Der oder die Täter sind noch auf der Flucht - nach ihnen wird gefahndet. Medienberichten zufolge nahm die Polizei in Istanbul am Montag acht Verdächtige fest. Sie stünden im Zusammenhang mit dem Angriff in der Silvesternacht, meldete die Nachrichtenagentur DHA. Der Terrorschütze sei nicht unter den Festgenommenen.

"Islamischer Staat" beansprucht Terrorangriff für sich

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hatte den Anschlag für sich reklamiert. Ein "Soldat des Kalifats" sei für die Tat verantwortlich, heißt es in einer entsprechenden Botschaft, die die Miliz auf Arabisch und Türkisch auf ihren einschlägigen Social-Media-Kanälen verschickte. Die Tat sei von einem "heldenhaften Soldaten des Kalifats" begangen worden, heißt es in dem offiziellen Communiqué.

Für gewöhnlich beansprucht die IS-nahe Propaganda-Agentur Amaq Taten im Namen der Miliz. Ob diese aus den Reihen des IS befohlen oder geplant wurden, bleibt dabei oft unklar. Für eine direkte Verbindung zwischen Amaq und dem IS gibt es bislang keine Beweise. Vor der Erklärung des IS hatte bereits die kurdische Seite die Verantwortung für das Attentat abgewiesen.

Dass sich der IS direkt zu Anschlägen in Europa oder der Türkei äußert, ist selten. Der Fall des Angriffs auf den Nachtklub Reina ist anders: Das IS-Communiqué legt nahe, dass die Miliz den Anschlag tatsächlich geplant hat. Am Sonntag rief zudem der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi in einer Botschaft zu neuen Angriffen in der Türkei auf. Anhänger verbreiteten in einer groß angelegten Kampagne antitürkische Botschaften.

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Party-Anschlag: Rote Nelken für die Toten von Istanbul

Die türkischen Zeitungen "Hürriyet" und "Karar" schrieben am Montag unter Berufung auf anonyme Quellen, die Sicherheitsbehörden gingen davon aus, dass der Täter aus Zentralasien stamme, wahrscheinlich aus Usbekistan oder Kirgisien. Außerdem gebe es Parallelen zu dem Anschlag auf den Atatürk-Flughafen in Istanbul im Juni. Es werde geprüft, ob hinter beiden Attacken dieselbe IS-Zelle stecke. Der Zeitung "Hürriyet" zufolge waren am Silvestertag acht IS-Kämpfer in Ankara festgenommen worden, die einen Anschlag in der Nacht geplant haben sollen.

anr/sev/mcr/dpa/AFP/Reuters

insgesamt 35 Beiträge
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cossy 02.01.2017
1. Sicherheit gibt es nicht mehr
17.000 Polizisten wachten an Silvester Feiern, die es in der Türkei eigentlich nicht geben sollte. Zumindest nach Doktrin der staatlichen Religionswächter. Und trotzdem kam es zum Anschlag. Ob die sog. deutschen Opfer Deutsche sind, muss scheinbar noch ermittelt werden. Wenn diese nur hier wohnhaft waren, sind es keine Deutschen. Sag mal sowas auch zu einem hier wohnenden Engländert oder Franzosen. Nichtsdestotrotz, jedes Opfer ist eines zuviel. Mein Mitleid mit den Angehörigen.
charliehebdomadaire 02.01.2017
2. Der Terror in der Türkei ...
... wird nicht enden. Wenn Erdogan Sicherheitskräfte, Polizisten u.a. entlässt und die Verbliebenen vor allem dazu nutzt, um vermeintliche Gülenisten zu verfolgen ... - Aber selbst die 17000 Polizisten in Istanbul haben das Attentat nicht verhindern können. Und im Osten der Türkei Kurden zu bekriegen, und zwar nicht nur der PKK nahestende ...
m.sielmann 02.01.2017
3.
Man gewinnt den Eindruck, dass der IS jedes herrenlose Attentat für sich beansprucht. Das ist zunächst deren Problem. Aber mich würde interessieren, wie mit Zweifeln an der Urheberschaft umgegangen wird. Kann SPON sich mal damit auseinandersetzen. Gibt es tatsächliche Beauftragungen oder trifft der Eindruck zu, dass lebensmüde Einzeltäter möglichst islamischer Religionszugehörigkeit mit oft nur nachgewiesenen Telefonkontakten in die Region schnell zugeordnet werden, ohne dass andere mögliche Urheberschaften noch vertieft in Erwägung gezogen werden? Wie handhaben das die jeweils betroffenen Staaten? Falls der Eindruck einer schnellen Kategorisierung zutrifft, eröffnet das nicht Raum für gefährliche, sicherheitsrelevante Fehlbeurteilungen?
Noctim 02.01.2017
4. Die Geister, die ich rief...
Nunja, das Appeasement von Erdogan gegenüber des IS rächt sich nun. Er hatte wohl damit geliebäugelt, dass sich die Irren vom Kalifat um sein "Kurdenproblem" kümmern würden - aber da war der IS noch voll im Spiel. Es war zudem ein offenes Geheimnis, dass der IS an der türkischen Grenze operierte und Rekruten von dort aus in den Dschihad ziehen konnten.
mirror66 02.01.2017
5. Wem nützt es?
Ja, die Türkei ist von einer Serie furchtbarer Anschläge geplagt. Was haben sie alle gemeinsam? Die Serie begann, nachdem Erdogans AKP die absolute Mehrheit im Parlament verlor. Alle Attacken waren gegen Kritiker Erdogans gerichtet oder politische Gegner oder Leute, deren freier moderner Lebensstil der islamistischen AKP nicht passt. Immer wurden sie zum Anlass genommen, noch härter gegen die Gegner Erdogans vorzugehen, "Terrorist" ist ja schon jeder, der ihn auch nur kritisiert. Alle Anschläge und auch der sogenannte Putsch passten immer hervorragend in Erdogans Konzept der totalen Machtübernahme. Ein Schuft, dem da Assoziationen mit dem Reichstagsbrand in den Sinn kommen??
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