Terror in Istanbul IS reklamiert Anschlag auf Nachtklub für sich

Der "Islamische Staat" beansprucht den Terrorangriff auf den Nachtklub Reina in Istanbul für sich. Unter den Getöteten sollen auch zwei Deutsche sein. Was ist über den Anschlag noch bekannt? Der Überblick.

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Mindestens 39 Tote und 65 Verletzte - vom Terror getroffen mitten in der Silvesternacht. Der Anschlag auf die Feiernden im Istanbuler Nachtklub Reina hat weltweit Bestürzung ausgelöst, auch wenn die Tat nicht überrascht hat. Seit Monaten erschüttern Anschläge mit vielen Toten die Türkei. Die jüngste Attacke hat am Montag die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) für sich reklamiert.

Alles, was bisher zu dem Anschlag noch bekannt ist, lesen Sie hier.

Welche Hinweise auf Täter gibt es?

Der IS beanspruchte am Montag den Anschlag für sich. Ein "Soldat des Kalifats" sei für die Tat verantwortlich, heißt es in einer entsprechenden Botschaft, die die Miliz auf Arabisch und Türkisch auf ihren einschlägigen Social-Media-Kanälen verschickte. Die Tat sei von einem "heldenhaften Soldaten des Kalifats" begangen worden, heißt es in dem offiziellen Communiqué.

Dass sich der IS direkt zu Anschlägen in Europa oder der Türkei äußert, ist selten. Der Fall des Anschlags auf den Nachtklub Reina ist anders: Das IS-Communiqué legt nahe, dass die Miliz den Anschlag tatsächlich geplant hat. Am Sonntag rief zudem der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi in einer Botschaft zu neuen Angriffen in der Türkei auf. Anhänger verbreiteten in einer groß angelegten Kampagne anti-türkische Botschaften.

Für gewöhnlich beansprucht die IS-nahe Propaganda-Agentur "Amaq" Taten im Namen der Miliz. Ob diese aus den Reihen des IS befohlen oder geplant wurden, bleibt dabei oft unklar. Für eine direkte Verbindung zwischen "Amaq" und dem IS gibt es bislang keine Beweise.

Vor der Erklärung des IS hatte bereits die kurdische Seite die Verantwortung für das Attentat abgewiesen.

Der oder die Täter sind noch auf der Flucht - nach ihnen wird mit Hochdruck gefahndet. Bis zum Montag hatte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim offen gelassen, in welche Richtung ermittelt werde, er sprach lediglich von einem "bewaffneten Terroristen". Die Ermittler arbeiteten "mit Nachdruck" daran, den Täter zu identifizieren.

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Party-Anschlag: Rote Nelken für die Toten von Istanbul

Zuletzt hatten sich die Hinweise auf eine Täterschaft des IS aber verdichtet: Die türkischen Zeitungen "Hürriyet" und "Karar" schreiben am Montag unter Berufung auf anonyme Quellen, die Sicherheitsbehörden gingen davon aus, dass die islamistische Terrormiliz hinter der Tat und dass der Täter aus Zentralasien stamme, wahrscheinlich aus Usbekistan oder Kirgistan. Außerdem gebe es Parallelen zu dem Anschlag auf den Atatürk-Flughafen im Istanbul im Juni. Es werde geprüft, ob hinter beiden Attacken dieselbe IS-Zelle stecke.

Der Zeitung "Hürriyet" zufolge waren am Silvestertag acht Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Ankara festgenommen worden, die einen Anschlag in der Nacht geplant haben sollen.

Wer sind die Opfer?

25 Männer und 14 Frauen sind tot. Unter den 39 Opfern seien 26 Ausländer und zwölf Türken, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf Justizministeriumskreise. Auch zwei Deutsche aus Bayern sollen bei dem Anschlag ums Leben gekommen sein. Nach Angaben eines Sprechers der Stadt Landsberg am Lech handelt es sich um einen 28-Jährigen aus Landsberg und einen etwa drei Jahre jüngeren Mann aus dem nahen Kaufering. Die bayerische Polizei bestätigte zunächst den Tod eines Manns aus dem Kreis Landsberg, sie sprach von einem 26-Jährigen. Angehörige seien bereits in die Türkei gereist. Eine Bestätigung des Auswärtigen Amts dazu gibt es bislang nicht.

Nach türkischen Angaben stammen die meisten Todesopfer aus arabischen Staaten, darunter aus Saudi-Arabien, Libanon, dem Irak, Tunesien und Marokko.

Was ist über den Ablauf der Tat bekannt?

Gegen 1.15 Uhr Ortszeit, das Feuerwerk über dem Bosporus war schon vorüber, brach der Terror über den Nachtklub Reina hinein. Ein noch unbekannter Attentäter drang, nachdem er laut türkischen Behörden zunächst einen Polizisten und einen Zivilisten vor dem Klub erschoss, in das Areal ein und tötete innerhalb von sieben Minuten mindestens 39 Menschen. Hunderte Gäste sollen sich zu diesem Zeitpunkt im Reina aufgehalten haben. Manche sprangen ins kalte Wasser des Bosporus, um ihr Leben zu retten.

Der türkische Innenminister Süleyman Soylu erklärte, der Attentäter habe sein Gewehr unter einem Mantel verborgen und womöglich die Kleidung gewechselt, bevor er den Klub verließ. Es könne sein, dass der Angreifer seine Waffe im Klub gelassen und sich im Tumult unter die Flüchtenden gemischt habe.

Was ist das Reina für ein Klub?

Der Klub, im Stadtteil Ortaköy unterhalb einer großen Bosporusbrücke gelegen, ist bekannt für seine exzessiven Partys. Er gilt als Symbol für die Lebenslust der jungen, säkularen türkischen Oberschicht. Hier tanzen Investmentbanker neben Fußballstars und Fernsehsternchen unter den funkelnden Lichtern der Bosporusbrücke durch die Nacht. Und drumherum gesellen sich ausländische Touristen, die auch mal etwas abbekommen wollen vom legendären Istanbuler Nachtleben. Auch internationale Stars lassen sich im Reina immer wieder blicken, wenn sie nach Istanbul kommen.

In dem auf der europäischen Seite von Istanbul gelegenen Klub mit mehreren Restaurants und Tanzflächen hielten sich zur Silvesterfeier bis zu 800 Menschen auf. Einer von ihnen war der Fußballprofi Sefa Boydas. "Gerade als wir uns am Eingang niedergelassen hatten, gab es plötzlich Schüsse. Alles war voller Staub und Rauch", berichtete der Spieler des Istanbuler Klubs Beylerbeyi. "Als ich hinausrannte, traten die Leute auf andere Menschen."

Der Klubbesitzer Mehmet Kocarslan verurteilte den Angriff. "Unser Herz blutet", schrieb er auf seiner Facebook-Seite. Das Attentat weckte auch Erinnerungen an die islamistische Attentatserie in Paris vom November 2015, als allein in der Pariser Konzerthalle Bataclan Dutzende Menschen getötet wurden.

anr/mrc/AFP/dpa

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Seite 1
observerlbg 02.01.2017
1. Bevor nun wieder der übliche Reflex kommt.....
....nein, nicht Erdogan hat geschossen. Nein, es ist nicht der aktuellen Politik geschuldet. Wieder mal hat ein bösartiger Lebensversager seinen Frust abgelassen vermeintlich im Namen einer Religion, die er nicht ansatzweise lebt. Die Maßnamen zum Zzerschlagen des IS müssen deutlich international intensiviert werden. Das ist die dringliche Botschaft für das Jahr 2017.
mirror66 02.01.2017
2. Wem nützt das?
Ja, die Türkei ist von einer Serie furchtbarer Anschläge geplagt. Was haben sie alle gemeinsam? Die Serie begann, nachdem Erdogans AKP die absolute Mehrheit im Parlament verlor. Alle Attacken waren gegen Kritiker Erdogans gerichtet oder politische Gegner oder Leute, deren freier moderner Lebensstil der islamistischen AKP nicht passt. Immer wurden sie zum Anlass genommen, noch härter gegen die Gegner Erdogans vorzugehen, "Terrorist" ist ja schon jeder, der ihn auch nur kritisiert. Alle Anschläge und auch der sogenannte Putsch passten immer hervorragend in Erdogans Konzept der totalen Machtübernahme. Ein Schuft, dem da Assoziationen mit dem Reichstagsbrand in den Sinn kommen??
istvanfred 02.01.2017
3.
In der Türkei Erdogans ist ja nun mal leider alles möglich, da kann die Gülen-Bewegung, der Daesh, die PKK oder auch Erdogan selber dahinter stecken.....
bstendig 02.01.2017
4. Ja genau DA wäre ic hmir nichtr so sicher
Zitat von observerlbg....nein, nicht Erdogan hat geschossen. Nein, es ist nicht der aktuellen Politik geschuldet. Wieder mal hat ein bösartiger Lebensversager seinen Frust abgelassen vermeintlich im Namen einer Religion, die er nicht ansatzweise lebt. Die Maßnamen zum Zzerschlagen des IS müssen deutlich international intensiviert werden. Das ist die dringliche Botschaft für das Jahr 2017.
Ich traue dieser Regierung alles zu, auch das. Warten wir noch ein paar Tage, dann muss die Türkei leider mit zusätzlichen Kräften in Syrien und im Nordirak einfallen. Wegen des IS und der PKK - selbstverständlich. Die Türkei muss sich ja gegen Terrorismus wehren - selbstverständlich. Die Opfer und ihre angehörigen haben mein Beileid, egal wer aus welcher Motivation das Attentat verübt hat. Aber Ihrer Argumentation kann ich nicht folgen.
lab61 02.01.2017
5.
Zitat von istvanfredIn der Türkei Erdogans ist ja nun mal leider alles möglich, da kann die Gülen-Bewegung, der Daesh, die PKK oder auch Erdogan selber dahinter stecken.....
Die PKK scheidet meiner Ansicht nach ebenso, wie die Gülen-Bewegung als möglicher Täter/Verantwortlicher aus. Die PKK greift i.d.R. Militärs und deren Einrichtungen, sowie Polizisten und deren Einrichtungen an. Alles, was zu den Sicherheitsbehörden gehört, ist das vornehmliche Ziel der PKK. Ebenso, wie das früher bei der ETA im Baskenland der Fall war. Und - ich mag mich da vielleicht irren - der Gülen-Bewegung konnte ohnehin noch nie auch nur ein einziges Attentat glaubhaft zugeordnet werden.
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