Terror in Kabul Taliban nehmen Karzai und Diplomaten unter Feuer

Chaos während der Mudschahidin-Militärparade: Mitten in Kabul feuerten Taliban-Kämpfer Granaten und Raketen auf die Tribünen, Präsident Karzai und internationale Ehrengäste flohen in Panik. SPIEGEL-Reporter Ullrich Fichtner und SPIEGEL-Fotografin Tina Hager waren Augenzeugen des Anschlags.


Kabul - Die jährliche Feier des Sieges über die sowjetischen Besatzer ist in Afghanistan ein wichtiges Ereignis. Gegen 9.50 Uhr hatte Präsident Hamid Karzai die festliche Parade seiner Truppen bereits abgenommen. In der Luke eines polierten Humvees mit Weißwandreifen fuhr er im Schritttempo die Tribünen entlang, grüßte seine Soldaten, die aufgereiht auf dem Festplatz standen. Im Schatten der Sonnendächer saßen die Spitzen der jungen Islamischen Republik Afghanistans und viele ausländische Gesandte.

Das gesamte afghanische Kabinett hatte sich versammelt, der Generalstab, die Leiter der nationalen Polizei- und Justizbehörden, um den Ehrentag der Mudschahidin zu begehen. Zwei Monumental-Porträts entlang der Paradestrecke zeigten Karzai und den ermordeten Rebellenführer Massoud, die Ikone der Mudschahidin. Es wurden Suren gesungen, Heldenlieder gespielt, und zu den Klängen der afghanischen Nationalhymne erhoben sich auch die Botschafter der USA, Frankreichs und Großbritanniens, zwischen ihnen Isaf-Kommandeur Dan McNeill und Christopher Alexander, der Vizechef der afghanischen Uno-Mission.

"Das ist nicht Teil des Programms, Sir!"

Es hatte vor dem großen Tag etliche Warnungen vor einem möglichen Anschlag gegeben. Nach SPIEGEL-Informationen hatten Zuträger des Innenministeriums dringlich vor möglichen Attacken und Bombenanschlägen in Kabul und Umgebung gewarnt. Aufgrund dieser Hinweise blieben viele ausländische Diplomaten der Feier fern, die anderen Gäste kamen mit großen Sicherheitsteams zur Parade. Unter den Sakkos vieler Diplomaten zeichneten sich die Muster schusssicherer Westen ab.

Um 9.40 Uhr erhob sich die Versammlung, etwa 500 Gäste insgesamt, um den Beginn der Parade zu erwarten, von 9.45 Uhr an erschütterten Salutschüsse die Luft, drei, vier, bald zehn, dann mischte sich Maschinengewehrfeuer in den Lärm, anschwellend, und ein US-amerikanischer Offizier rief über die Köpfe weg in Richtung seines Vier-Sterne-Generals McNeill: "Das ist nicht Teil des Programms, Sir!"

Die Garden, die den Paradeplatz bislang in lockerer Reihe gesäumt hatten, liefen nun geduckt die Strecke entlang, in westlicher Richtung, sie suchten Deckung vor dem Beschuss, der aus Richtung des Gozarjah-Hügel zu kommen schien, einem der Hausberge Kabuls.

Kurz nach 10 Uhr schlugen schon Mörsergranaten auf dem Paradeplatz ein, eine von ihnen verfehlte die Haupttribüne mit Präsident Karzai und den Regierungsmitgliedern nur um etwa 40 Meter. Auch RPGs, Panzerfaustgranaten, schlugen vor den Tribünen ein, ohne sie zu treffen. Das afghanische Fernsehen, das live von der Parade berichtet hatte, brach seine Übertragung ab.

Soldaten ohne scharfe Munition

Gegenüber, vor der großen Ied-Gah-Moschee, löste sich die Ehrenformation der Soldaten in wirres Rennen auf. Die Truppen konnten den Angriff nicht erwidern, weil sie - aus Furcht der Regierung vor einem Anschlag auf Karzai aus den eigenen Reihen - am Festtag keine scharfe Munition laden durften. So erwiderten nur einige wenige Sicherheitsleute das Feuer. Gegen 10.40 Uhr erst waren Hubschrauber in der Luft, die die Stellungen der Angreifer attackierten.

An der Rückwand der Tribünen, die ebenfalls, und offenkundig von anderer Stelle aus im Schussfeld der Angreifer lagen, rannten unterdessen die Ehrengäste um ihr Leben. Generäle, Botschafter, Militärattachés, Uno-Direktoren ließen sich von schreienden Ordnern dirigieren. Teils hockten sie minutenlang im Schutz der Stadion-Rückwand, teils rannten sie in geduckter Haltung in Richtung ihrer Autos. Das Zentrum von Kabul blieb nach dem Anschlag auf Stunden hinaus abgeriegelt. An allen wichtigen Kreuzungen marschierten Armee-Einheiten auf.

Auch die großen Fernstraßen Richtung Mazar-i-Sharif im Norden und Kandahar im Süden wurden für allen Verkehr blockiert. Der Präsident versicherte seinen Landsleuten später in einer Fernsehansprache, die Lage sei unter Kontrolle.

Der stellvertretende Innenminister, General Mohammed Daoud, selbst einst ein Mudschahiddin-Kommandeur, bestätigte dem SPIEGEL auf Anfrage, dass bei dem Angriff drei Menschen getötet wurden. Von insgesamt drei verletzten Parlamentariern ist einer an seinen Wunden gestorben; im Kreuzfeuer starben außerdem ein Stammesführer und ein 10-jähriger Junge. Überdies gab es zwölf Verletzte gezählt.

Fünf mutmaßliche Taliban-Kämpfer seien schon eine Stunde nach dem Anschlag in Häusern nahe des Festplatzes festgenommen, drei Attentäter seien getötet worden. "Wir analysieren im Augenblick, wie es zu all dem überhaupt kommen konnte", sagte Daoud.

Anschlag dürfte Kritik an Karzai verstärken

Die Taliban bekannten sich am Nachmittag zum Mordanschlag "auf den Führer des Westens" Karzai. Nach Angaben des Fernsehsenders Al-Jazeera bestätigten sie den Tod dreier ihrer Kämpfer. Nur sechs Angreifer seien an der Operation beteiligt gewesen, hieß es - doch widerspricht diese Angabe dem Augenschein, der eine deutlich höhere Zahl nahelegt. Der Anschlag solle ein Signal dafür sein, "dass sich niemand in Afghanistan sicher fühlen kann", erklärten die Taliban.

Ein interner Sicherheitsbericht der US-Botschaft sprach von zwei Gruppen Angreifern von je zehn Mann. In dem Bericht hieß es weiter, es gebe Hinweise darauf, dass die Taliban Waffen auch auf dem Festgelände selbst versteckt hatten. Politisch wie symbolisch kommt das Attentat zu einem für die Regierung denkbar schlechten Augenblick. Ein gutes Jahr vor den nächsten Präsidentschaftswahlen in Afghanistan wächst die in- und ausländische Kritik an Präsident Karzai und dabei fehlt nie der Hinweis auf die mangelhafte öffentliche Sicherheit im Lande.

Dass sich nun ein lange geplanter Staatsakt in Schießereien und Tumult auflöst, wird diese Kritik nähren. Und es wird auch im Ausland die Debatte darüber neu entfachen, ob sich das massive Engagement der Weltgemeinschaft - es nehmen die Truppen von 40 Staaten an Militäroperationen teil, und 26 Uno-Organisationen sind im Land aktiv - tatsächlich lohnt.



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