Terror in Kopenhagen "Wir sind in einer anderen Welt aufgewacht"

Der Terror ist in Dänemark angekommen: Die Kopenhagener sind wütend, traurig und schockiert - aber überrascht ist kaum jemand. Der Angst widerstehen die Menschen.
Trauer in Kopenhagen: Anschläge nicht unerwartet

Trauer in Kopenhagen: Anschläge nicht unerwartet

Foto: Michael Probst/ AP/dpa

Das Kulturzentrum "Krudttønden" (Pulverfass), vor dem es ein mutmaßlich islamistischer Attentäter zum ersten Mal schaffte, einen Menschen in Dänemark zu töten, liegt an einer zugigen Kreuzung im Stadtteil Østerbro, direkt gegenüber ein Fußballstadion. Eine wohlhabende Gegend mit vielen Möbel-, Bekleidungsgeschäften und Restaurants. Das Gebäude ist abgesperrt, vor dem gespannten Plastikband liegen Hunderte Blumensträuße. Die Polizisten, die dort Wache halten, tragen Maschinengewehre. Für das kleine, freie Dänemark ein sehr ungewöhnliches Bild.

Ein eiskalter Wind weht hier und trotzdem kommen am Abend viele Menschen, Familien, Pärchen, die sich umschlungen halten. Es seien schwere Tage für das dänische Volk, hatte Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt gesagt. Hier spürt man es.

Kathrine und Valentin sind mit ihren drei Kindern hier, sie wohnen nur ein paar hundert Meter entfernt vom Tatort. Es fühle sich verrückt an, dass der Terror jetzt so nah gekommen ist, sagt Kathrine. Sie ist hier aufgewachsen, jetzt gehen ihre Kinder in dem Stadtteil zur Schule. "Die Kinder haben Angst" und es falle ihr schwer zu erklären, was passiert sei. Sie sei geschockt, überrascht sei sie nicht, "irgendwann musste es passieren". Sie sei Sozialdemokratin und als im Jahr 2005 dänische Zeitungen Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatten, fand sie das falsch. Jetzt glaube sie aber, dass Terroristen in einer freien Gesellschaft immer einen Anlass zur Gewalt finden.

"Sagen, was wir wollen."

Der 17-jährige Frederik ist mit seiner Mutter Annett gekommen. Er sagt, er habe das Gefühl, die Schlinge ziehe sich enger, erst Frankreich, jetzt Dänemark. Annett sagt: "Auch wenn wir es erwartet haben, wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht." Claus, schwarze Kleidung, Hut meint: "Ich bin nur wütend". Er werde weiter sagen, was er will. Die Menschen auf der Straße in Kopenhagen wollen ihre Werte verteidigen. Die dänische Gesellschaft ist scharfe Debatten gewöhnt, die Freiheit zu sagen, was man denkt, ist Teil der nationalen Identität.

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Mutmaßlicher Doppel-Anschlag: Kopenhagen unter Schock

Foto: David Leth Williams/ dpa

Viele Menschen sind nicht überrascht, sie haben damit gerechnet, dass ein mutmaßlich islamistischer Anschlag irgendwann auch bei ihnen passieren würde. Seit den Veröffentlichungen der Mohammed-Karikaturen in der Zeitung "Jyllandsposten" vor neuneinhalb Jahren stehen Dänemark und einige Journalisten im Visier radikaler Islamisten. Das Land ist in den letzten Jahren mehrmals nur knapp Terroranschlägen entkommen - auf die Redaktion "Jyllandsposten", auf den Karikaturisten Kurt Westergaard. Aus Dänemark sind im Verhältnis zur Einwohnerzahl besonders viele junge Dschihadisten nach Syrien gereist - einige sind wieder zurück. Noch ist nicht klar, ob auch der mutmaßliche Attentäter Verbindungen ins islamistische Milieu hatte.

Die dänische Zeitung "Ekstra Bladet" veröffentlicht online den angeblichen Namen und ein Bild des mutmaßlichen Attentäters. Dem Bericht zufolge kam er erst vor rund zwei Wochen aus dem Gefängnis frei. Er war wegen einer schweren Messerstecherei zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. Laut "Ekstra Bladet" gehörte der mutmaßliche Attentäter der Gang "Brothas" an und soll sich öfter in dem Internetcafé, wo die Polizei an diesem Sonntag mehrere Personen in Gewahrsam nahm, aufgehalten haben.

Aktivistin Jaleh Tavakoli: Es war kein Scherz

Aktivistin Jaleh Tavakoli: Es war kein Scherz

Foto: SPIEGEL ONLINE

Vor dem Kulturcafé Krudttønden steht auch Jaleh Tavakoli vom "Lars-Vilks-Komitee", schwarze Haare, bunter Schal, weiße Jacke. Sie hat das Treffen zur Meinungsfreiheit, auf das es der Täter abgesehen hatte, organisiert. Sie erzählt, wie sie den Anschlag überlebte. Erst nach dem vierten Schuss habe sie realisiert, dass es kein Scherz sei, sondern ernst.

Sie sei durch die Hintertür geflüchtet und habe sich dann wie ein Feigling gefühlt, weil sie die Verantwortung für die Diskussion hatte. Tavakoli ist auch Bloggerin für die "Jyllandsposten". Gestern habe sie sich das erste Mal gefragt, ob ihre Arbeit es wert sei, ihr Leben zu riskieren. "Aber dann habe ich entschieden, dass ich sowieso bekannt bin, auch wenn ich jetzt schweige."

Tavakoli kritisiert, dass es in Dänemark nicht genügend Schutz vor Islamisten gebe, die Politiker hätten nicht realisiert, wie groß die Gefahr tatsächlich sei, meint sie. Als sie gestern auf der Polizeiwache gesessen habe und dort befragt wurde, habe sie fordern müssen, dass die Gardinen geschlossen würden. "Wir saßen da für alle sichtbar vor einem großen Fenster und das, obwohl der Täter noch nicht gefasst war", sagt sie.

Zusammenhalt - gerade jetzt

Mitten in der Kopenhagener Innenstadt, ein paar Kilometer weiter südlich mordete der Attentäter an diesem Samstag ein zweites Mal - auch hier drang er nicht ins Gebäude ein. In der Synagoge fand eine Bar Mizwa mit achtzig Gästen statt. Eine ältere Dame mit Mütze und Hut ist hier, um um das Opfer, einen jungen Mann, der das Gebäude bewachte, zu trauern - sie wisse kaum wohin mit ihren Gefühlen, sagt sie.

Auch Margaret ist dort, sie ist Jüdin, ihre Tochter arbeitet in der Synagoge. Es sei lächerlich, wenn jetzt nach dem Terror von Paris und Kopenhagen die israelische Regierung den Juden sagt, sie sollten Europa verlassen. Juden sollten überall auf der Welt leben und gerade jetzt sollten sich Muslime und Juden die Hände reichen.

Trauernde Ulla und Viggo in Kopenhagen: "Es kann morgen wieder passieren"

Trauernde Ulla und Viggo in Kopenhagen: "Es kann morgen wieder passieren"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Ulla und ihr Mann Viggo stehen still vor dem jüdischen Gotteshaus. Ihre größte Angst sei es, in einer Gesellschaft zu leben, in der vor lauter Angst und Schutz keiner mehr wirklich frei ist, so Ulla. Sie sagt, man müsse keine Illusionen haben. "Es kann morgen wieder passieren oder nie mehr."

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