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Terror in Moskau "Sie haben geschrien, überall war Rauch"

Verletzte wollen nur noch raus aus den Bahnhöfen, verstörte Menschen laufen weinend durch die Straßen: Nach den Anschlägen auf zwei Metro-Stationen steht Moskau unter Schock. Der Terrorplot folgte einem perfiden Plan - die Selbstmordattentäterinnen schlugen mitten in der Rushhour zu.

Sie haben den Terror überlebt. Aber sie haben mit angesehen, wie neben ihnen Menschen starben, Schreie gehört: Wenige Stunden nach den Terroranschlägen auf zwei Metro-Stationen in Moskau berichten Augenzeugen über das Geschehen: "Die Explosion hat die Fenster aus dem Waggon gerissen. Dann schrien alle: raus, raus, raus hier", berichtete ein Mann, der die zweite Explosion an der Moskauer Metrostation Park Kultury miterlebte, dem Radiosender Echo Moskaus.

"Niemand hat uns gesagt, dass wir die Metro verlassen sollten", sagte der 25-jährige Michail dem Sender Westi-24. "Dann fuhr unser Zug in die Station Park Kultury ein, und binnen einer oder zweier Minuten hörte ich eine Explosion. Ich spürte die Explosionswelle, dann Qualm in Schwaden."

Eine Dreiviertelstunde zuvor war bereits ein Sprengsatz an der U-Bahn-Station Lubjanka im Stadtzentrum detoniert. "Ich habe mir ein Ticket gekauft", berichtet ein weiter Augenzeuge vom Ort des Geschehens. "Dann höre ich einen dumpfen Knall. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Dann kamen mir die Leute entgegen. Sie haben geschrien, überall war weißer Dunst. Die Kleider der Menschen hingen ihnen in Fetzen vom Leib."

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Metro in Moskau: Anschläge in der Rushhour

Foto: Dmitry Lovetsky/ AP

Mindestens 37 Tote und 70 Verletzte, das ist die schreckliche Bilanz von zwei verheerenden Bombenanschlägen auf die Moskauer Metro. Nach Angaben des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB wurden die Sprengsätze offenbar in einer konzertierten Aktion von Selbstmordattentäterinnen, den gefürchteten "Schwarzen Witwen", verübt. Nach Behördenangaben wurden Überreste von Sprengstoffgürteln an den Tatorten gefunden.

Erste Aufnahmen vom Ort der Katastrophe zeigen das Ausmaß der Zerstörung: Die Türen der betroffenen Waggons wurden nach außen gedrückt, das Innere fast vollständig zerstört. Nach Informationen der Miliz entsprach die Sprengkraft der Sprengsätze der von zwei bis drei Kilogramm TNT.

Der Terrorplot folgte einem perfiden Plan: Die Sprengsätze explodierten um 7:56 und um 8:40 Uhr - mitten während der Rush-Hour. Die betroffenen Metro-Züge waren vollbesetzt.

Offenbar war der Zeitpunkt der Explosionen genau abgestimmt: Während sich ein Großaufgebot an Rettungskräften bereits zu den Toten und Verletzten an der Station Lubjanka vorarbeitete und mitten im Stadtzentrum gebunden war, erschütterte die zweite Explosion die Station Park Kultury acht Kilometer weiter südlich. Dort wurden Rettungshubschrauber eingesetzt, um Verletzte in die umliegenden Krankenhäuser zu bringen.

Handschrift islamistischer Terroristen?

Nach Angaben des Radiosenders Echo Moskau befanden sich zu diesem Zeitpunkt insgesamt rund 500.000 Menschen in Zügen und Stationen des Moskauer U-Bahn-Netzes. Die Attacken galten der Lebensader Moskaus: Neun Millionen Passagiere nutzen Tag für Tag das weit verzweigte und gut ausgebaute Verkehrsnetz, während kilometerlange Staus den Autoverkehr in der Hauptstadt zum Stillstand bringen.

Die Hauptstadt ist schockiert. Seit 2004 hatte es keinen schweren Terroranschlag mehr gegeben. Die Mobilfunknetze sind zwischenzeitlich zusammengebrochen, aus Überlastung, weil besorgte Moskauer ihre Verwandten abtelefonieren. Im Radio verlesen Sprecher die Namen Dutzender Verletzter und Vermisster. An den Flughäfen werden die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt, schwer bewaffnete Sicherheitskräfte patrouillieren mit Maschinenpistolen durch die Terminals.

Nach den Anschlägen brummt der Kurznachrichtendienst Twitter: Ein Nutzer vergleicht die Situation nach den Anschlägen mit jener nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York: "9/11, New York, der Terroranschlag - Taxifahrer fahren kostenlos. 29. März, Moskau - Taxis verzehnfachen ihre Preise". Bei Twitter kursieren neben konkreten Meldungen und Beileidsbekundungen auch massenweise Gerüchte. Immer wieder wird von weiteren Bomben berichtet, die angeblich im Stadtgebiet gefunden wurden. Die Nachrichten zeigen: Die Moskauer haben Angst.

Unterdessen meinen russische Ermittler hinter den Anschlägen die Handschrift islamistischer Terroristen zu erkennen, die für einen unabhängigen Gottesstaat "Kalifat Nordkaukasus" kämpfen. Bislang hat sich allerdings noch keine Terrorgruppe zu den Anschlägen bekannt.

Zuletzt hatten Terroristen im November 2009 mit einem Sprengsatz den Schnellzug "Newskij Express" zum Entgleisen gebracht, 26 Menschen starben (siehe Kasten in der linken Spalte).