Terror in Mumbai Indische Armee stürmt Luxushotels

Mumbai im Ausnahmezustand: Noch immer fallen Schüsse, sind Explosionen zu hören. Unklar ist, wie viele Menschen die Extremisten in ihrer Gewalt haben, möglicherweise sind es Hunderte. Die Armee will die Geiseln gewaltsam befreien, die Terroristen fordern Verhandlungen.


Neu Delhi/Mumbai - Mumbai kommt nicht zur Ruhe: Nach der Anschlagsserie in der indischen Wirtschaftsmetropole Mumbai, dem früheren Bombay, sind am Donnerstag erneut Schüsse nahe dem Luxushotel Oberoi Trident zu hören gewesen. Die Schüsse wurden an der nordwestlichen Gebäudeseite abgegeben, nachdem Einheiten von Armee und Polizei mit der Erstürmung des Hotels begonnen hatten, wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP berichtete.

Die indischen Truppen wollen die Geiseln befreien, die im Hotel noch immer von Terroristen festgehalten werden. Wie viele es sind, ist unklar. Zunächst war von bis zu 200 Geiseln die Rede. Die indische Regierung geht mittlerweile aber von 20 bis 30 Menschen in der Gewalt der Extremisten aus. "Genaue Zahlen gibt es nicht", räumte Sicherheitsstaatssekretär M.L Kumawat allerdings vor Journalisten ein. Bisher habe die Polizei die ersten vier Stockwerke und die achte bis 21. Etage durchkämmt. Die Sicherheitskräfte teilten mit, dass 14 Menschen aus dem Oberoi herausgebracht worden seien.

Das Oberoi Trident war am Mittwochabend und in der Nacht zum Donnerstag ebenso wie neun weitere Ziele in Mumbai angegriffen worden. Die islamistischen Angreifer töteten mehr als hundert Menschen, knapp 300 weitere wurden Medienberichten zufolge verletzt. Unter den getöteten Ausländern ist auch ein deutscher Medienunternehmer. Die bisher weitgehend unbekannte Gruppe "Deccan Mudschahedin" bekannte sich zu der Anschlagsserie.

Ein Augenzeuge, der sich zum Zeitpunkt des Terrorangriffs in der Lobby des Oberoi aufhielt, berichtete von Schüssen und Detonationen. Eine Etage habe umgehend Feuer gefangen. "Es war ein abenteuerlicher Auszug", sagte der Zeuge. Er habe das Hotel über ein für Notfälle eingerichtetes, gesondertes Treppenhaus verlassen. Alles sei voller Rauch gewesen. Schwerverletzte seien aus dem Hotel herausgetragen worden. "Ich habe Glück gehabt."

Auch vor dem ebenfalls attackierten Hotel Taj Mahal bereiteten sich Militärs auf einen Sturm auf die Luxusherberge vor, in der sich noch immer Terroristen aufhalten sollten. Die Soldaten sollten das Hotel nach Armeeangaben Raum für Raum durchkämmen. "Es gibt 365 Zimmer, alle sind verschlossen, und jedes einzelne muss durchsucht werden", zitierte die "Times of India" einen hochrangigen General. Wie lange die Operation dauern werde, sagte der General nicht.

Terroristen wollen mit Regierung verhandeln

An einem anderen Tatort meldeten sich inzwischen die Terroristen zu Wort. Ein Besetzer des jüdischen Zentrums von Mumbai forderte die indische Regierung am Donnerstag zu Verhandlungen auf. "Bitten Sie die Regierung um Gespräche mit uns, dann werden wir die Geiseln freilassen", sagte einer der Geiselnehmer im indischen Fernsehen. Der Mann warf der indischen Armee vor, in der strittigen Region Kaschmir viele Muslime zu töten. "Wissen Sie, wie viele Menschen in Kaschmir getötet wurden? Wissen Sie, wie die indische Armee Muslime umbringt?", sagte der Terrorist, der sich Imran nannte. Er sprach in Urdu, sein Akzent deutete darauf hin, dass er aus Kaschmir stammt.

In dem jüdischen Gemeindezentrum haben sich Terroristen mit mehreren Menschen verschanzt. Es gehört zu den Zielen, die die bewaffneten Extremisten in der Nacht nahezu zeitgleich überfielen. Bei den Angriffen auf Hotels, Restaurants, Krankenhäuser und einen Bahnhof wurden nach Angaben der Polizei mindestens hundert Menschen getötet, darunter auch ein Deutscher. Die Lage in der größten indischen Stadt war auch einen Tag nach Beginn der Anschlagsserie unübersichtlich. Die Sicherheitskräfte waren noch immer in Kämpfe mit den Islamisten verwickelt.

Im Zuge der Attacke auf die Synagoge und das angeschlossene Gemeindezentrum drangen etwa fünf Männer gegen halb fünf Uhr morgens in das Chabad-Haus ein, das von der ultraorthodoxen Chabad-Lubavitch-Organisation betrieben wird. Seitdem befinden sich Rabbi Gavriel Holtzberg und dessen Frau Rivka zusammen mit bis zu vier anderen Israelis in ihrer Gewalt, wie ein Sprecher der Mumbaier Polizei mitteilte.

Das Kindermädchen der Holtzbergs konnte das Mietshaus mit dem zweijährigen Sohn des Paares verlassen, bestätigte die Mutter des Geistlichen. Sandra Samuel, 44, habe berichtet, dass das Ehepaar am Leben, aber bewusstlos sei.

Fernsehbilder zeigten Schießereien rund um das Gemeindezentrum, an das auch ein koscheres Restaurant - ein beliebtes Ziel israelischer Touristen - angeschlossen ist. Die vorerst letzten Schüsse seien gegen acht Uhr morgens gefallen, sagte ein Sprecher der Mumbaier Polizei. Indische Spezialtruppen hätten einen der Geiselnehmer erschossen. Indische Medien berichteten am Donnerstag, dass Sicherheitskräfte auch am Chabad-Haus Operationen gegen die Geiselnehmer planten.

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Der arabische Fernsehsender Al-Dschasira berichtete von einer Explosion im Chabad-Haus. Joshua Runyan, der die Webseite der Chabad-Organsition betreut und sich ebenfalls in Mumbai aufhält, sagte israelischen Medien, es habe "mehrere Berichte über Schießereien" in der Nähe des Gemeindezentrums gegeben. "Das israelische Konsulat war im Kontakt mit Holtzberg, als die Telefonverbindung mitten im Gesprächs unterbrochen wurde", heißt es auf der Internet-Seite der Chabad-Organisation.

Chabad-Lubavitch ist mit etwa 200.000 Mitgliedern und weit mehr Anhängern die größte der ultraorthodoxen religiösen Organisationen. Ihre Zentrale ist in Brooklyn, New York, sie betreibt jedoch mehrere tausend Gemeindezentren und Synagogen weltweit.

Das israelische Außenministerium bestätigte am Morgen, dass im Chabad-Haus Israelis als Geiseln genommen werden seien. Ein Krisenstab des Ministeriums nehme mit allen Israelis in Indien Kontakt auf, 20 seien noch nicht erreicht worden. Außer der im Chabad-Haus festgehaltenen Gruppe seien fünf bis sechs Israelis unter den 100 bis 200 im Oberoi Hotel festgehaltenen Gästen, berichteten indische Medien.

Großbritannien schickt Experten

Die britische Polizei kündigte an, Experten in die indische Wirtschaftsmetropole zu schicken, um bei der Untersuchung der Terrorserie zu helfen. Sein Land werde Notfallteams der Polizei entsenden, erklärte der britische Premierminister Gordon Brown am Donnerstag in London. Ein Expertenteam von Scotland Yard hatte Anfang des Jahres in Pakistan dabei geholfen, den Hergang des tödlichen Anschlags auf die pakistanische Oppositionsführerin Benazir Bhutto zu rekonstruieren.

Die indische Marine suchte vor der Küste nach einem größeren Schiff, mit dem die Angreifer Berichten zufolge nach Mumbai gelangten. Auch die Küstenwache suchte die Gewässer nach dem verdächtigen Schiff ab, wie ein Marinesprecher der Nachrichtenagentur AFP sagte. Unterstützt wurde der Einsatz demnach von Hubschraubern.

Es soll sich um die "MV Alfa" handeln, die laut indischen TV-Sendern am Mittwoch aus Karatschi kam und vor Mumbai ankerte. Augenzeugen berichteten von mehreren Schlauchbooten, mit denen die mutmaßlichen Angreifer kurz vor den Anschlägen an Land gelangt seien. Die "MV Alfa" habe die Gewässer vor Mumbai verlassen, ohne auf die zuvor abgesetzten Männer zu warten, sagte ein indischer Admiral dem britischen "Guardian". "Sie hatten ein One-Way-Ticket."

phw/Ulrike Putz/AFP/Reuters/dpa/AP

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