Terror in Mumbai Soldaten kämpfen um Geiseln in Luxushotels

Die indische Armee sucht die Entscheidung: 800 Spezialkräfte haben die Luxushotels Taj Mahal und Oberoi in Mumbai gestürmt, durchkämmen die Zimmer - und kämpfen gegen die verschanzten Terroristen. Die Zahl der Toten ist weiter gestiegen, jetzt ist von 125 Opfern die Rede.


Mumbai - Im Luxushotel Oberoi werden noch etliche Geiseln vermutet. Unterstützt von Polizisten drangen Spezialkräfte der Armee am Donnerstag in dieses Hotel und ins Taj Mahal ein und durchkämmten jedes einzelne Zimmer.

Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie mehrere Menschen, vor allem westliche Ausländer, das Taj Mahal verlassen konnten. Zehn Geiseln hätten befreit werden können, meldeten TV-Sender. Vor dem Hotel, das seit Stunden teilweise brennt, fuhren Krankenwagen auf, Journalisten wurden zurückgedrängt. Als die Sicherheitskräfte in das Hotel eindrangen, waren Schüsse und Explosionen zu hören. Ein Sprecher der Regierung von Maharashtra sagte CNN, die Lage sei "fast unter Kontrolle". Noch würden Geiseln im Hotel vermutet, es sei jedoch unklar wie viele.

Ähnliches gilt für das Oberoi Trident, einige hundert Meter vom Taj Mahal entfernt. Während ein Regierungsvertreter von bis zu 30 Geiseln in der Gewalt von Terroristen sprach, sagte der Vizechef des Hotels der "Times of India", dass noch etwa 200 Gäste in dem Gebäude seien. Der Hotelmanager ging davon aus, dass sich die meisten in ihren Zimmern eingeschlossen hätten, um auf Hilfe zu warten. Fünf oder sechs Hotelangestellte seien getötet worden.

Als die Sicherheitskräfte mit dem Sturm auf das Oberoi begannen, waren auch hier erneut Schüsse und Detonationen zu hören. Feuer brach aus: Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie aus einem der oberen Stockwerke Flammen schlugen.

Auch an einem weiteren Tatort war die Lage noch nicht unter Kontrolle. In einem jüdischen Gemeindzentrum, das die Terroristen in den frühen Morgenstunden ebenfalls überfallen hatten, befanden sich noch mehrere Israelis in den Händen bewaffneter Islamisten. Einer der Angreifer sagte dem Sender India TV am Telefon, seine Gruppe fordere ein Ende der Angriffe auf Muslime in Indien. Er forderte Verhandlungen mit der Regierung.

Insgesamt befänden sich noch zehn bis zwölf Extremisten in den beiden Hotels und im jüdischen Zentrum, sagte ein hochrangiger General im indischen Fernsehen. Die übrigen Täter seien vermutlich festgenommen oder getötet worden, hieß es weiter. Der Sender CNN-IBN berichtete unter Berufung auf Polizeiquellen von insgesamt etwa 26 Angreifern.

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In der Nacht zum Donnerstag hatten Gruppen schwer bewaffneter Angreifer die beiden Luxushotels gestürmt, außerdem ein beliebtes Restaurant, Krankenhäuser und einen Bahnhof. Bei der Anschlagsserie an mindestens zehn Orten wurden nach jüngsten Polizeiangaben mindestens 125 Menschen getötet, mindestens 314 erlitten Verletzungen.

Im Taj Mahal starb auch der Münchner Medienunternehmer Ralph Burkei, wie seine Firma C.A.M.P. TV mitteilte. Das Auswärtige Amt erklärte, mehrere Deutsche seien verletzt. Wahrscheinlich seien noch weitere Deutsche von den Angriffen betroffen. In Mumbai wurde ein Krisenstab eingerichtet, das Generalkonsulat wurde personell verstärkt. Mehrere Abgeordnete des Europaparlaments zu Besuch in Mumbai, unter ihnen zwei Deutsche, überlebten die Angriffe unverletzt.

Augenzeugen zufolge suchten die Angreifer gezielt Briten und Amerikaner. Im Taj Mahal hätten sie gerufen: "Wer hat amerikanische oder britische Pässe?" sagte ein britischer Augenzeuge, der sich retten konnte.

Eine bislang unbekannte Gruppe namens Deccan Mudschahidin bekannte sich in E-Mails an indische Medien zu der Anschlagsserie. Aus britischen Geheimdienstkreisen verlautete, die Art der Anschläge erinnere an das Terrornetzwerk al-Qaida. Allerdings seien die Angriffe wohl kaum von der Führung des Terrornetzwerks in Auftrag gegeben worden.

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Der indische Premierminister Manmohan Singh vermutete die Drahtzieher der Angriffe im Ausland. Seine Regierung werde den Nachbarstaaten "deutlich sagen", dass sie es "nicht hinnehmen wird, wenn ihr Territorium als Ausgangsbasis für Angriffe auf uns" verwendet werde, sagte Singh, ohne ein bestimmtes Land beim Namen zu nennen. Die indischen Behörden hatten in der Vergangenheit wiederholt Fundamentalisten aus Pakistan für Anschläge verantwortlich gemacht, die in Indien verübt wurden.

Unter den Toten ist nach Polizeiangaben auch der Chef der Anti-Terror-Einheit Mumbais. Der Polizeichef des Bundesstaats Maharashtras, A.N. Roy, sagte: "Wir werden die Terroristen entweder lebend fangen oder sie erschießen." Die Terrorserie sei von langer Hand geplant gewesen und beispiellos. "Dies ist ein Angriff auf das ganze Land." Nach Angaben von Innenminister R. R. Patil gab es am Donnerstag erste Hinweise auf die Täter. Einzelheiten nannte er nicht.

Die indische Marine suchte vor der Küste nach einem größeren Schiff, mit dem die Angreifer Berichten zufolge nach Mumbai gelangten. Auch die Küstenwache suchte die Gewässer nach dem verdächtigen Schiff ab, wie ein Marinesprecher der Nachrichtenagentur AFP sagte. Unterstützt wurde der Einsatz demnach von Hubschraubern.

Es soll sich um die "MV Alfa" handeln, die laut indischen TV-Sendern am Mittwoch aus Karatschi kam und vor Mumbai ankerte. Augenzeugen berichteten von mehreren Schlauchbooten, mit denen die mutmaßlichen Angreifer kurz vor den Anschlägen an Land gelangt seien. Die "MV Alfa" habe die Gewässer vor Mumbai verlassen, ohne auf die zuvor abgesetzten Männer zu warten, sagte ein indischer Admiral dem britischen "Guardian". "Sie hatten ein One-Way-Ticket."

phw/AP/Reuters/AFP/dpa

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