SPIEGEL ONLINE

Terror in Nairobi Die Rache der Islamisten

Kenia hat in den vergangenen Jahren islamistische Milizen in Somalia erfolgreich bekämpft. Nun bezahlen die Menschen in Nairobi den Preis. Die Radikalen wollen die Regierung mit dem Anschlag erpressen.

Eine Zeit lang sah es so aus, als würden die Islamisten der Schabab-Miliz in Somalia an Boden verlieren: Truppen der Afrikanischen Union, insbesondere aus Kenia, hatten die Terroristen in den vergangenen Jahren erfolgreich bekämpft. Schabab zog sich aus einigen Städten in Somalia zurück, wichtige Mitglieder verließen die Bewegung.

Doch nun zeigt sich, wie trügerisch die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt in Ostafrika war: Schabab-Milizen überfielen am Samstag das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi. Mindestens 62 Menschen starben, 175 wurden verletzt. Und noch immer halten die Geiselnehmer das Gebäude besetzt. Es ist der schwerste Anschlag in Kenia seit dem Sprengstoffangriff auf die US-Botschaft durch al-Qaida vor 15 Jahren. Er beweist, wie gefährlich die Islamisten in der Region nach wie vor sind.

Al-Schabab arbeitet in Nordafrika und im Jemen mit al-Qaida zusammen, die Organisationen tauschen nach Angaben von Sicherheitsexperten Strategien aus, schulen Kämpfer. "Al-Schabab ist in verschiedene Fraktionen zerfallen und hat sich radikalisiert", sagte Vanda Felbab-Brown, Sicherheitsexpertin am Brookings Institut in Washington, der "New York Times".

Fotostrecke

Schabab-Angriff in Nairobi: Attacke im Einkaufszentrum

Foto: NOOR KHAMIS/ REUTERS

Das Westgate-Einkaufszentrum ist kein zufälliges Ziel: In der Mall trifft sich die kenianische Oberschicht, auch Diplomaten, Amerikaner und Europäer; hier gehen Geschäftsmänner essen, Touristen geben Geld in den Boutiquen und Designerläden aus. Man habe das Westgate attackiert, gerade weil dort viele Amerikaner und Juden einkauften, sagte Schabab-Sprecher Scheich Abdulasis Abu Musab in einem Interview mit dem Fernsehsender al-Dschasira.

Miliz droht mit weiteren Terrorattacken

Kenia hat in den vergangenen Jahren im Kampf gegen Terrorismus eng mit den USA kooperiert. Das CIA-Büro in Nairobi ist eines der größten in Afrika. Der amerikanische Botschafter in Kenia, Robert F. Godec, hat zuvor die Anti-Terror-Abteilung im US-Außenministerium koordiniert.

Vor allem aber führt Kenia die Friedensmission der Afrikanischen Union (Amisom) mit an, die den Bürgerkrieg in Somalia beenden soll. Kenianische Truppen trugen entscheidend dazu bei, dass die Islamisten aus Kismayo, einer wichtigen Hafenstadt Somalias, vertrieben wurden. Gegenwärtig sind 17.000 Amisom-Soldaten in dem Land stationiert. Sie führen Patrouillen durch, bewachen strategisch wichtige Orte, wie den Flughafen und den Sitz des Präsidenten.

Al-Schabab ("die Jugend") ging aus der "Union islamischer Gerichte" hervor, die bis 2006 Somalia regierte. Ihre Anhänger bekriegten äthiopische Truppen, die Somalia drei Jahre lang besetzt hielten, und kontrollieren heute Teile Südsomalias. Ziel von al-Schabab ist es, einen islamistischen Gottesstaat am Horn von Afrika zu errichten.

Der Einfluss der Miliz jedoch ist gesunken. Al-Schabab ist durch den Einsatz der Afrikanischen Union in Somalia geschwächt. Sie hat schon vor Jahren den Krieg in die Nachbarländer getragen. Bei einem Anschlag auf Fußballfans in Kampala, Uganda, starben 2010 76 Menschen. "Das ist ein internationaler Krieg", sagte Kenias Präsident Uhuru Kenyatta in einer Rede am Sonntag.

Al-Schabab versteht den Angriff auf das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi als Rache. Sie versucht den Abzug ausländischer Truppen aus Somalia durch Terror zu erzwingen. Sollten sich die Kenianer nicht aus Somalia zurückziehen, droht Miliz-Sprecher Abu Musab, stünden dem Land bald täglich solche oder ähnliche Attacken bevor.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.