Terror in Pakistan Anschlag auf Präsident Zardaris labile Macht

Kaum hat Pakistans neuer Präsident Zardari dem Terrorismus den Kampf angesagt, reißt eine Bombe in Islamabad Dutzende Menschen in den Tod. Mit aller Macht demonstrieren Islamisten, dass selbst die Hauptstadt vor ihnen nicht mehr sicher ist. Zardari steht vor einem großen Dilemma.

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Hamburg - Sie saßen gerade beim Essen, als sie die Explosion hörten. Die Erschütterungen waren auch in der Residenz von Premierminister Yousuf Raza Gilani zu spüren. Präsident Asif Ali Zardari hatte gerade seine erste Rede im Parlament gehalten, sich zur Demokratie bekannt und zur Treue gegenüber den USA im Kampf gegen Terrorismus. "Ich rufe alle demokratischen Kräfte auf, Pakistan zu schützen", hatte er gesagt.

Anschließend waren Zardari und Gilani im Konvoi zum Haus des Premiers gefahren, nur ein paar Kilometer vom Parlament und etwa 500 Meter Luftlinie vom Marriott-Hotel - Islamabad ist eine kleine Hauptstadt, nichts liegt wirklich weit voneinander entfernt.

"Was war das?", soll Zardari gerufen haben und aufgesprungen sein.

Einige Minuten später informierten ihn seine Berater über eine Explosion im Marriott-Hotel, das Gebäude brenne, es gebe viele Tote und Verletzte. Sie berichteten ihm, dass manche Beobachter schon vom einem "pakistanischen 11. September" sprachen - es gebe Bilder, wie Menschen aus dem brennenden Hotelgebäude springen. Vermutlich sei das einer der schwersten Anschläge in der Geschichte des Landes. Sie rieten ihm zu einer Ansprache.

"Wann?", fragte Zardari.

"Noch heute Abend", sagten sie.

Wenige Stunden später trat der Präsident vor die Kamera, dunkler Anzug, weißes Hemd, im Hintergrund die pakistanische Flagge mit dem weißen Halbmond und dem Stern auf grünem Stoff, an der Wand ein Foto von Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah.

Regierung hat längst die Kontrolle verloren

"Terrorismus ist ein Krebsgeschwür in Pakistan, und wir sind entschlossen, so Gott will, das Land von diesem Krebs zu befreien", erklärte er in seiner Ansprache an die Bevölkerung. Er werde sich "von diesen Feiglingen nicht abschrecken lassen", denn: "Pakistaner sind mutig und furchtlos, sie fürchten sich nicht vor dem Tod."

Es ist gerade einmal zwei Wochen her, dass Zardari zum neuen Staatschef Pakistans gewählt wurde. Kaum im Amt, ist er mit dem Terrorismus als größte Herausforderung konfrontiert. Und auch wenn sich bislang noch keine radikale Gruppierung zu dem Anschlag bekannt hat, zweifelt niemand daran, dass die Drahtzieher Islamisten sind, vielleicht der Terrorist Mangal Bagh oder Mullah Fazlullah, wahrscheinlicher noch Baitullah Mehsud, der vermutlich auch hinter der Ermordung von Benazir Bhutto steckt, Zardaris Ehefrau und frühere Premierministerin.

Längst hat die pakistanische Regierung die Kontrolle über weite Teile des Landes verloren. Zwar erhält sie täglich Informationen über mögliche Anschläge, wie auch im Fall des Marriott-Hotels, aber die meisten Warnungen des Geheimdienstes entpuppen sich als falscher Alarm - und wenn doch nicht, kann man trotzdem nichts dagegen tun.

Waren es zunächst nur die Grenzgebiete zu Afghanistan, die Region Waziristan und das Swat-Tal, wo die Mullahs das Sagen hatten, weiten sie ihren Einflussbereich jetzt immer weiter ins Landesinnere aus. Durch Wahlen, haben sie gelernt, können sie kaum Macht gewinnen: Radikale Parteien schneiden in Pakistan regelmäßig schlecht ab.

Koranschulen, Scharia, Terror als Wege an die Macht

Also suchten sie sich ihre eigenen Wege an die Macht: über Koranschulen, Projekte für Arme, über die Scharia - und Terror. Der beginnt damit, dass in den Orten, wo Islamisten die Kontrolle haben, Frauen in die Häuser verbannt und Friseure, die Rasuren anbieten, verprügelt werden. Und hört mit Bombenexplosionen und Selbstmordattentaten in den Städte nicht auf - auch die Ursprünge vieler Anschläge in den USA und in Europa wie zum Beispiel die Explosionen in Londons U-Bahnen und Bussen im Juli 2005 lassen sich bis in die pakistanischen Stammesgebiete zurückführen.

Diese Region ist Rückzugsgebiet für Kämpfer aus Afghanistan, in den Flüchtlingslagern warten sie auf den nächsten Einsatz. Aus Washington wurde der Regierung in Islamabad vorgeworfen, nicht energisch genug gegen diese Terroristen vorzugehen. Doch wie soll man unter den Hunderttausenden von Flüchtlingen, die Haus und Habe in Afghanistan verloren haben und oft genug noch ihre Familie dazu, die Extremisten ausfindig machen?

Die Amerikaner, unzufrieden mit den Bemühungen der Regierung in Islamabad, nahmen die Sache im Sommer selbst in die Hand und begannen, Camps auf pakistanischem Staatsgebiet, in denen sie Terroristen vermuteten, zu beschießen. Das Ergebnis einer solchen Aktion am 10. Juni: Alle Taliban entkamen, elf pakistanische Grenzsoldaten starben. Der damalige pakistanische Präsident Pervez Musharraf schäumte vor Wut.

Kampf um die Meinung der Pakistaner

Auch Zardari kritisierte in seiner ersten Parlamentsrede am Samstag die Verletzung der Souveränität seines Landes im Namen des Anti-Terror-Kampfes. Pakistan kämpfe zwar gemeinsam mit den USA gegen Terroristen, aber Übergriffe "anderer Staaten auf die territoriale Integrität Pakistans" würden nicht toleriert.

Schärfer denn je ist auch ein Kampf um die Meinungen der Menschen in Pakistan entbrannt: Wer gewinnt die Herzen der Menschen, die Militanten, die für sich beanspruchen, im Namen des Islam zu sprechen, oder die USA, stellvertretend für die westliche Welt, die den Pakistanern ein Leben in Sicherheit, aber auch Wohlstand und Demokratie versprechen?

Der Ausgang dieses Kampfes ist alles andere als vorhersehbar. Zwar verurteilt eine große Mehrheit der Bevölkerung Terrorakte wie den im Marriott-Hotel in Islamabad. Aber selbst akademisch gebildete Pakistaner in den Städten zweifeln am Wohlwollen der USA. Meldungen darüber, dass pakistanische Truppen US-Hubschrauber und amerikanische Soldaten beschießen, die in pakistanisches Hoheitsgebiet eingedrungen sind, stoßen auf Zustimmung - das US-Militär, so die einhellige Meinung in Regierung und Bevölkerung, habe auf pakistanischem Hoheitsgebiet nichts verloren.

Aber auch im Zuge der weltweiten Finanzkrise, ausgelöst durch den Kollaps des US-Immobilienmarktes und nun, in einer zweiten Welle, verstärkt durch den Zusammenbruch großer US-Investmentbanken, sorgt für Misstrauen in der pakistanischen Bevölkerung gegenüber amerikanischen Heilsversprechungen. Ist das westliche Wertesystem wirklich so gut, wie die Amerikaner behaupten? Auch wenn sich Pakistaner mit offener Kritik gegenüber den USA zurückhalten, klingt diese Frage in Äußerungen über die Weltmacht mit. Zudem befällt viele Pakistaner ein ungutes Gefühl, wenn sie in den Zeitungen lesen, dass die pakistanische Armee wieder Krieger in den Stammesgebieten getötet habe - sollen Muslime wirklich Muslime töten, nur weil Amerikaner es so wollen?

Zardari steht vor einer kaum zu bewältigenden Aufgabe

"Wenn die pakistanische Regierung behauptet, die Armee habe Taliban getötet, heißt das noch lange nicht, dass das wirklich der Fall ist", sagt dagegen ein ranghoher US-Offizier in Washington. "Wir haben häufig genug Hinweise, dass solche Berichte gefälscht sind." Pakistan, so die Botschaft, sei in seiner Eigenschaft als Partner im Anti-Terror-Kampf alles andere als zuverlässig - und doppelzüngig dazu. Doch außer den eigenmächtigen gelegentlichen Aktionen entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze werden die USA nichts ausrichten können. "Pakistan ist eine Atommacht, da sind die Spielräume äußerst eng."

Pakistans Präsident Zardari, der jahrelang wegen Korruptionsvorwürfen im Gefängnis saß und dem die meisten Pakistaner bis vor kurzem kein wichtiges politisches Amt zutrauten, ist unverhofft schnell zur mächtigsten Person des Landes geworden. Jetzt ist es seine Aufgabe, Pakistan durch die schwierigste Zeit seit der Staatsgründung 1947 zu führen. Zardari muss auf der Seite der USA stehen, ohne sich anzubiedern und die Zustimmung seiner Bevölkerung zu verlieren - und zugleich ohne das ohnehin verminderte Vertrauen Washingtons aufs Spiel zu setzen. Die US-Regierung hat ihm immerhin ins Amt geholfen, indem sie Musharraf den Rücktritt nahelegte. Gleichzeitig darf er die religiösen Gefühle der Menschen in dem Land, das immerhin "Islamische Republik" im Namen führt, nicht verletzen. Es ist eine kaum zu bewältigende Aufgabe.

Pakistan hat sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 entschlossen, an der Seite der USA zu kämpfen. Dafür hat das Land seither mehr als zehn Milliarden Dollar aus Washington erhalten. Nach dem Anschlag am Samstag sagte US-Präsident George W. Bushs Islamabad weitere Unterstützung zu. Doch mit Milliardenhilfen allein ist dem Land nicht geholfen.

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