Terror in Pakistan "Das wird ein harter, verlustreicher Kampf"

Fast täglich verüben die Taliban Anschläge in Pakistan. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Lahore, Gregor Enste, warum die Offensive der Armee in Süd-Waziristan dennoch notwendig ist - auch für Deutschland. Der Westen müsse die Regierung jetzt unterstützen.

AP

SPIEGEL ONLINE: Nach der brutalsten Anschlagsserie in der Geschichte Pakistans in den vergangenen Wochen bezeichnete Premierminister Yousuf Raza Gilani die nun gestartete Offensive in Süd-Waziristan als "Schlacht um das Überleben" des Landes. Können Terroristen die Regierung im fragilen Atomstaat stürzen?

Enste: Die pakistanischen Taliban können die Armee nicht besiegen, die Regierung nicht aus dem Amt jagen. Aber sie werden dieses Land in einem jahrelangen, zermürbenden Dauerkrieg halten, der an die Substanz der Islamischen Republik Pakistans geht.

SPIEGEL ONLINE: Was genau geschieht im Moment in Süd-Waziristan?

Enste: Anfangs verkündete die Armee schnelle Erfolge, aber niemand weiß, ob sie real sind oder nur Propaganda des Militärs. Das öffentliche Bild dieser Entscheidungsschlacht wird derzeit noch ausschließlich vom Sprecher der Armee, General Athar Abbas, geformt. Unabhängige Berichterstattung gibt es nicht in den Stammesgebieten. Wenn man das alte Bonmot zitiert, dass im Krieg die Wahrheit als Erste stirbt, gilt das hier ganz besonders. Wir hören, dass es nach anfänglichen Erfolgen bereits erste Rückschläge gibt. Am Dienstag wurde die von der Armee erst einen Tag zuvor befreite Stadt Kotkai von den Taliban zurückerobert. Kotkai ist ein strategisch wichtiger Ort, die direkte Verbindung zur afghanischen Provinz Paktika und der einzige Weg nach Sararogha, der Hochburg von al-Qaida. Sowohl der Anführer der pakistanischen Taliban, Hakimullah Mehsud, wie sein Stellvertreter Qari Hussain, der als Lieferant der Taliban für Selbstmordattentäter gilt, stammen aus Kotkai. Nach verlässlichen Quellen haben sich die Führer der Taliban aus dem Kriegsgebiet abgesetzt und lenken die Abwehrschlacht aus dem für sie noch sicheren Teil der Stammesgebiete in Orakzai hinaus.

SPIEGEL ONLINE: Das Terrain in Süd-Waziristan ist gebirgig, der Winter steht bevor. Wie aussichtsreich ist diese militärische Offensive überhaupt?

Enste: Als Vorbereitung dieser Schlacht bombardierte die Armee bereits seit Wochen Widerstandsnester und Stellungen, die von den Taliban seit Jahren zur Eigensicherung ausgebaut wurden - durchaus unter Duldung des Staates und des Geheimdienstes. Die Berichte über die militärische Ausstattung der Taliban in Waziristan sind beeindruckend, sie haben viel Geld durch den Drogen- und Waffenmarkt, durch Lösegelder aus Entführungen und die Unterstützung des wahabitischen Netzwerkes in den arabischen Ländern. Das wird jedenfalls ein harter und verlustreicher Kampf, selbst wenn er militärisch gewonnen wird.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Tod ihres früheren Anführers Baitullah Mehsud schienen die Taliban zersplittert und geschwächt. Angeblich leisten sie nun jedoch wieder vereint erbitterten Widerstand. Wie ist das zu erklären?

Enste: Nachdem Baitullah Mehsud Anfang August von einer Drohne getötet wurde, befanden sich seine Anhänger tatsächlich in einer Schockstarre, es gab Streit und eine tiefe Führungskrise. Dann aber verkündete ihr Pressesprecher vor sechs Wochen, dass Hakimullah Mehsud der Nachfolger sei und die internen Machtkämpfe beigelegt seien. Jetzt sind sie wieder so schlagkräftig, um das Land zu paralysieren. Die Armee hat also mit ihrer Operation zu lange gewartet und versäumt, den Schwung des Sieges zu nutzen und in die Hochburgen vorzudringen. Sie wollte den Soldaten nicht zumuten, im Fastenmonat Ramadan in diesen schweren Krieg zu ziehen. Die Taliban-Kämpfer allerdings nehmen da weniger Rücksicht, im Koran heißt es schließlich: Auf Reisen und im Kampf muss man nicht fasten.

SPIEGEL ONLINE: Ist es der Armee denn diesmal ernst? Seit Jahren steht sie im Verdacht, zwar ausländische al-Qaida-Unterstützer zu jagen, die pakistanischen Taliban, die ja auch in Afghanistan kämpfen, dafür zu schonen.

Enste: Der Armee ist es bitterernst, allen voran dem Armeechef General Kayani und seinem Offizierscorps. In der Vergangenheit war es oft schwierig, den Soldaten zu vermitteln, warum sie in den Stammesgebieten gegen ihre eigenen muslimischen Glaubensbrüder vorgehen sollten, die auf der anderen Seite der Grenze in Afghanistan für eine noble, gerechte Sache kämpfen: die Vertreibung der Amerikaner, die der islamischen Welt den Krieg erklärt haben. Eine weit verbreitete Sicht. Nach der beispiellosen Anschlagsserie in der vergangenen Woche ist der Handlungsdruck auf die Armee jedoch so groß, dass ich einen Alibi-Krieg, wie er vor zwei, drei Jahren unter Musharraf immer wieder gekämpft wurde, ausschließe.

SPIEGEL ONLINE: Das Verhältnis zwischen dem mächtigen Militär und der schwachen Zivilregierung unter Führung von Präsident Asif Ali Zardari gilt als schwierig. Stehen sie in dieser Krise zusammen?

Enste: Zardari wird vom Offizierscoprs und vom obersten Generalstab nicht besonders ernst genommen. Der Präsident schweigt auch jetzt, während die Operation in Süd-Waziristan läuft, er überlässt der Armeeführung die strategische und propagandistische Kriegsführung. Jetzt wären von Seiten der politischen Führung aber klare Worte gefragt. Die Zusammenarbeit zwischen General Kayani und Präsident Zardari ist mehr als schlecht - eigentlich findet sie gar nicht statt. Ein wesentlicher Grund der Missbilligung für Zardari durch die Armee ist, dass er die von seinem Vorgänger Musharraf illegitim angehäufte Regierungsgewalt einfach nicht wieder abgegeben hat. Ursprünglich ist der pakistanische Präsident nur der höchste Repräsentant des Staates, aber die Staatsgeschäfte führt der Premierminister.

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Seite 1
eigentlicher_Schwan 04.05.2009
1.
Zitat von sysopImmer näher rücken die Taliban an die Pakistanische Hauptstadt heran und werden zu einer ernsteren Bedrohung für die Regierung. Wie soll sich der Westen verhalten? Was ist generell die richtige Strategie?
Wenn sie das immer tun, muss man damit leben, nicht? Vielleicht sollte die pakistanische Regierung ihre Hauptstadt verlegen?
mauskeu 04.05.2009
2.
Zitat von sysopImmer näher rücken die Taliban an die Pakistanische Hauptstadt heran und werden zu einer ernsteren Bedrohung für die Regierung. Wie soll sich der Westen verhalten? Was ist generell die richtige Strategie?
Ich könnte mir vorstellen, dass die pakistanische Führung das SWAT "freiwillig" aufgegeben hat um jetzt eine bessere Front vor sich zu haben. Jetzt haben die Islamisten eine Heimat in Pakistan anstatt überall verstreut als Guerrillas zu fungieren. Jetzt weiss man besser wo die Feinde sind und die Herrschaft der Taliban wird den Rest besorgen. Wäre vielleicht keine schlechte Strategie.
Justus F. 04.05.2009
3.
Zitat von eigentlicher_SchwanWenn sie das immer tun, muss man damit leben, nicht? Vielleicht sollte die pakistanische Regierung ihre Hauptstadt verlegen?
Genau, nach Berlin. Dann ist unser Kampf sogar gerechtfertigt!
X-Man 04.05.2009
4.
Zitat von mauskeuIch könnte mir vorstellen, dass die pakistanische Führung das SWAT "freiwillig" aufgegeben hat um jetzt eine bessere Front vor sich zu haben. Jetzt haben die Islamisten eine Heimat in Pakistan anstatt überall verstreut als Guerrillas zu fungieren. Jetzt weiss man besser wo die Feinde sind und die Herrschaft der Taliban wird den Rest besorgen. Wäre vielleicht keine schlechte Strategie.
Nettes Gedankenspiel, aber leider Unsinn. Seit dem Rückzug der afghanischen Taliban über die Grenze stand fest dass die FATA die neue Basis der Gotteskrieger sind. Von 2002-2005 entstanden weit über 190 Ausbildungslager in den Stammesgebieten, lokale Milizen verschmolzen durch Allianzen mit Taliban-Elementen, ausländische Gruppen allen voran Al Qaida nisteten sich ein, es entstand eine nicht homogene aber ideologisch eng verstrickte Bewegung deren mächtigster Flügel heute die Tehrik e-Taliban ist. Für die pakistanische Führung war also längst klar welche Gebiete die neue Heimat der Taliban sind, man musste ihnen keinen Spielplatz zur Verfügung stellen. Der Einzug in Swat hat vielmehr damit zutun dass es Kreise des ISI und des Militärs gibt die sich nicht von amerikanischer Seite in die Terror-Bekämpfung hineinquatschen lassen wollen. Sie hegen zum Teil große Sympathie für die Taliban, bieten ihnen mit dem Swat ein Gebiet was sich weit weg von den üblichen Terrornestern Waziristans befindet und somit den Radius der Drohnenangriffe erweitert. Zudem erhofft man sich natürlich dort eine kashmir-nahe islamistische Bastion gegen den allgegenwärtigen Erzfeind Indien.
lupenrein 04.05.2009
5.
Man darf sich über die Ziele der Taliban in Pakistan (und im Dominoeffekt anschliessend Afghanistan) keine Illusionen machen. Die Regierung Pakistans - und indirekt auch Afghanistans - ist in ernster Gefahr. Und auch über einen 'Sieg' über die Taliban , dies besonders als Ausländer (USA usw) darf man sich keine Illusionen machen. Der asymmetrische Kriegsführung der Taliban ist mit normalen militärischen Mitteln (Terrorismus) nur sehr schwer wirksam zu begegnen. Am Beispiel der somalischen Piraten sieht man , wie schwierig es ist, mit militärischen Mitteln in diesem Versteckspiel mitzuhalten. Auch die Taliban führen einen (allerdings ideologischen) 'Versteck-spiel-Krieg' a la David gegen Goliath. Und noch eine Übereinstimmung: beide lassen mit sich nicht über eine Einstellung ihrer terroristischen Kampf nicht verhandeln. Alles in allem eine fatale Situation.
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