Terror von Paris Gab es Hintermänner? Was dafür spricht - und was dagegen

Al-Qaida soll den Auftrag für die Anschläge in Paris gegeben haben. Oder war es doch der "Islamische Staat"? Die Täter beriefen sich auf beide Terrororganisationen. Es gibt viele Gründe, an den Aussagen zu zweifeln.
Paris: Französischer Polizist nahe der Redaktion von "Charlie Hebdo"

Paris: Französischer Polizist nahe der Redaktion von "Charlie Hebdo"

Foto: AP/dpa

Hamburg - Amedy Coulibaly war schon länger als einen Tag tot, als seine letzten Worte öffentlich wurden. Am Sonntagmorgen stellte ein Nutzer namens "Umm Mariam al-Ansariya" ein mehrminütiges Video in ein dschihadistisches Forum ein. In dem Film bekannte sich der Islamist zu den Attentaten von Paris. Zudem legte Coulibaly in stockendem Arabisch einen Eid auf den Anführer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ab. Wenig später sagte er: "Was wir getan haben, ist vollkommen legitim. Ihr attackiert das Kalifat, den Islamischen Staat, wir attackieren euch."

Seither analysieren Nachrichtendienstler und Polizisten die Abschiedsbotschaft des Terroristen. Wie glaubhaft ist die Selbstbezichtigung? Wie viel Wahrheit steckt in den Worten des Fanatikers, der sechs Menschen tötete? Eine der wichtigsten Fragen, denen die Beamten nachgehen müssen, lautet: Stand hinter den Anschlägen eine Organisation oder handelten die Extremisten auf eigene Faust? Bislang gibt es nur Indizien.

Was für einen Auftrag spricht

Für die Involvierung einer Terrorgruppe spricht neben dem IS-Bekenntnis Coulibalys der Umstand, dass die Brüder Chérif und Saïd Kouachi Kontakt zu al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel hatten und sich in einem Telefoninterview mit Journalisten auf die Gruppe beriefen. Saïd war nach Informationen deutscher Sicherheitsbehörden vor Jahren nach Oman und Jemen gereist. Dort wurde er wohl auch im Umgang mit Waffen ausgebildet.

Zusätzlich gilt die Ausrüstung der Täter als weiterer Hinweis darauf, dass die Männer Unterstützung hatten. "Kalaschnikows bekommt man in Frankreich nicht an jeder Ecke", sagt ein Staatsschützer. Auch Ort und Zeit des Anschlags auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" scheinen einige Vorbereitung und Ausspähung erfordert zu haben.

Hinzu kommt, dass al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel einen Propagandaerfolg dringend brauchen kann. Im Wettlauf um allgemeine Aufmerksamkeit mit der Konkurrenzorganisation IS schnitt die Gruppe zuletzt deutlich schlechter ab. Auf einem arabischen Twitterkanal erschienen am Freitagabend mehrere Nachrichten, in denen behauptet wurde, die Qaida-Führung habe die Attentate angeordnet und die Ziele festgelegt. Allerdings reklamierte auch der "Islamische Staat" im Netz mit einer Art Bekennerschreiben die Tat für sich. Die deutschen Behörden sind jedoch skeptisch, welche Aussagekraft die Dokumente haben.

Was gegen einen Auftrag spricht

Überhaupt spricht eine Vielzahl von Indizien gegen die These, dass die Anschläge von Paris "organisationgesteuert" waren, wie ein Beamter sagt. Ob die Terroristen wirklich den Auftrag einer höheren Kommandoebene ausführten, darf aus folgenden Gründen bezweifelt werden:

  • Der Modus Operandi: Es handelte sich um einen vergleichsweise einfach zu begehenden Anschlag, für den es vor allem Fanatismus und Brutalität brauchte. Auch die gewählten Waffen waren leichter zu beschaffen, als es etwa Sprengstoff gewesen wäre.
  • Das Geschehen nach der Tat: Die Flucht der Kouachi-Brüder schien keinem ausgeklügelten Plan zu folgen. Vielmehr irrten die Männer offenbar durch das Land, bis die Polizei sie schließlich stellen konnte. Auch der Umstand, dass die Islamisten dabei einen Ausweis wohl verloren, wirkt merkwürdig amateurhaft.
  • Die Propaganda: Besonders skeptisch muss aber die propagandistische Begleitung der Verbrechen machen. Sowohl der IS als auch al-Qaida sind Organisationen mit Profi-Hetzern, ihre Taten daher hochprofessionell begleitet: gut inszenierte Schauspiele des Schreckens, die häufig einer bestimmten Machart folgen. Bekennerschreiben werden zumeist noch während oder kurz nach den Anschlägen veröffentlicht. Der Film von Coulibaly dagegen wirkt stümperhaft, als sei er in großer Eile zusammengestückelt worden. Der Streifen, der erst zwei Tage nach der Geiselnahme im Internet auftauchte, enthält auch kein offizielles IS-Logo. Von den Kouachi-Brüdern wiederum gibt es überhaupt keine derartige Botschaft.
  • Das Bekenntnis: Während sich Coulibaly sowohl per Video als auch in einem Telefoninterview während der Geiselnahme zum IS bekannte, bezogen sich die Kouachi-Brüder in einem Gespräch mit Journalisten ausdrücklich auf al-Qaida. Beide Organisationen sind jedoch hartnäckige Konkurrenten, ein derartiges Zusammenwirken wäre nach Einschätzung deutscher Sicherheitskreise ein Novum.

Bislang wollen sich weder Ermittler noch Nachrichtendienstler festlegen, wie groß das Netzwerk hinter den drei bekannten Tätern war. "Dafür wissen wir noch viel zu wenig", sagt ein Staatsschützer. Deutlich sei aber schon jetzt geworden, wie groß die "Strahlkraft" von al-Qaida und IS auch in Europa sei. "Das ist beängstigend", so der Beamte.

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