Terror "Mickey-Mouse-Plan" gegen Mohammed-Karikaturisten

Es wäre späte Rache gewesen, doch die mutmaßlichen Drahtzieher des Mordplanes konnten rechtzeitig gefasst werden. Ziel des Anschlags sollten Redakteure der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" sein, die 2005 umstrittene Mohammed-Karikaturen gedruckt hatte.

"Jyllands-Posten"-Büro in Aarhus: Besuch vom potentiellen Attentäter
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"Jyllands-Posten"-Büro in Aarhus: Besuch vom potentiellen Attentäter

Von Yassin Musharbash


Berlin - "Lieber David C. Headley, vielen Dank für den Besuch bei 'Jyllands-Posten' am Freitag letzter Woche betreffs Werbung in unserem Blatt": Als ein Mitarbeiter der dänischen Tageszeitung "Jyllands-Posten" am 29. Januar 2009 diese E-Mail schrieb, hatte er keine Ahnung, dass er nicht mit einem potentiellen Anzeigenkunden, sondern einem potentiellen Mörder kommunizierte.

Und nicht nur das - sondern zudem mit einem Mann, der mutmaßlich plante, zwei Redakteure eben jener Zeitung zu ermorden: Fleming Rose, den Feuilletonchef, und Kurt Westergaard, einen Karikaturisten des Blattes.

Der Besuch von David C. Headley im Kopenhagener Büro der Zeitung war laut US-Bundespolizei FBI Teil seines perfiden Plans. Das Treffen sollte der Aufklärung der Anschlagschancen dienen. Ins Visier nahm Headley das Blatt demnach wegen der berühmt-berüchtigen Serie von Mohammed-Karikaturen, die "Jyllands-Posten" 2005 gedruckt hatte. Es sollte eine späte Rache sein. Doch die wurde verhindert, der Mann wurde am 3. Oktober in den USA festgenommen.

Auch die Umgebung des Hauptstadtbüros der Zeitung nahm David C. Headley den mittlerweile veröffentlichten FBI-Ermittlungsunterlagen zufolge genau unter die Lupe. Zum einen, weil am "Königsplatz" außerdem eine Kaserne der dänischen Streitkräfte liegt, zum anderen, weil er offenbar auch einen Anschlag auf eine in der Nähe liegende Synagoge angedacht hatte. Und auch über das Büro in Aarhus machte er sich kundig.

Planungen zwischen USA und Pakistan

Der Plan, so heißt es nun aus der Umgebung des dänischen Inlandsgeheimdienstes PET, sei "weit fortgeschritten" gewesen. Man sei dem FBI sehr dankbar für den Ersthinweis auf die Planungen und die Hilfe bei den Ermittlungen.

Dem FBI zufolge wurde der Plot, den die mutmaßlichen Drahtzieher in ihren konspirativen E-Mails entweder als "Mickey-Mouse-Projekt" oder "Nördliches Projekt" bezeichneten, zwischen den USA und Pakistan ausgeheckt.

Headley, der bis ca. 2006 noch Daood Gilani hieß und in den USA lebt, entwickelte den Plan demnach gemeinsam mit mindestens drei weiteren Männern. Einer soll Mitglied der militanten islamistischen Organisation Lashkar e-Toiba (LeT) sein, ein weiterer gar ein Kommandeur der ebenfalls pakistanischen militanten Organisation Harakat-ull Jihad Islami (HUJI), Ilyas Kashmiri. Neben Headley nahm das FBI am 18. Oktober zusätzlich einen in Chicago lebenden Kanadier namens Tahawwur Hussain Rana fest, auch er ein mutmaßlicher Mitverschwörer.

Laut den FBI-Akten soll Headley nach seiner Festnahme bereits zugegeben haben, von der LeT ausgebildet worden zu sein. Auch die Anschlagsplanung bestritt er demnach nicht, wobei nicht ganz klar wird, ob er selbst das Attentat begehen wollte oder andere Mitverschwörer.

Konspirative Reisen nach Waziristan

Dem FBI liegen als Indizien und Belege für ein mögliches Verfahren gegen Headley außerdem E-Mails vor. Die Planungen nahmen demnach im Mai 2008 ihren Anfang. Im Oktober 2008 tat Headley in einer Yahoo-Mailing-Group kund, dass er angesichts von Beleidigungen des Propheten Mohammed "der Gewalt zuneige".

Rana wird vor allem vorgeworfen, Headleys Reisen ermöglicht zu haben. Headley soll sich "Jyllands-Posten" gegenüber als Mitarbeiter einer Firma von Rani ausgegeben haben. Auch nach Pakistan reiste Headley im Zuge der Planungen, und dort wohl auch nach Waziristan, wo er Kashmiri persönlich aufgesucht haben soll.

Zuletzt scheinen die Planungen für den Anschlag allerdings etwas konfus verlaufen zu sein. Zwischenzeitlich glaubten die Beteiligten, Kashmiri sei durch eine US-Drohne getötet worden. Noch später gab es Unklarheit, ob das "Mickey-Mouse-Projekt" gar auf Eis gelegt worden sei, weil ein anderer geplanter Anschlag in Indien Priorität haben sollte.

Dänische Behörden nach wie vor in Sorge

Die Festnahme von Headley und Rani erbrachten derweil offenbar keine Hinweise dafür, dass der Anschlag unmittelbar bevorstand. Sprengstoff oder Waffen tauchen in dem FBI-Dokument nicht auf. Die dänischen Sicherheitsbehörden nehmen den verhinderten Plan trotzdem sehr ernst; sie sind überzeugt, dass die dschihadistische Internationale nach wie vor Vergeltung üben will. Zuletzt, so verlautet es aus Stockholm, sei die antidänische Agitation sogar wieder angestiegen.

"Jyllands-Posten" kommentierte die Festnahmen am Mittwoch im eigenen Blatt so: "Diejenigen, die hinter Drohungen und geplanten Aktionen gegen 'Jyllands-Posten' gestanden haben, waren unzufrieden mit der Veröffentlichung der Mohammed-Zeichnungen. ... Wir wissen aus der Geschichte, dass Terror und Drohungen nicht weniger werden, wenn man sich ihnen beugt. Im Gegenteil, man bekommt mehr davon."



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