Terror-Propaganda im Internet Dschihadist und Dilettant

Mit einem islamistischen Drohvideo verbreitete er im März 2007 in Deutschland und Österreich Sorge vor Terroranschlägen. Doch Mohamed M., der mutmaßliche Chef der "Globalen Islamischen Medienfront", agierte dabei so unvorsichtig, dass Ermittler seine Spur aufnahmen.

Von Yassin Musharbash


Berlin – Es dauerte nur knapp sieben Wochen, bis die deutschen und österreichischen Ermittler einen ersten Durchbruch erzielten: Mit hoher Wahrscheinlichkeit vermutete das Wiener Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung bereits am 24. April 2007, es handle sich bei der gesuchten Person um den 22-jährigen in Wien ansässigen Mohamed M.

Standbild aus Drohvideo der GIMF: "Erstaunliches Maß an Unachtsamkeit"
DPA

Standbild aus Drohvideo der GIMF: "Erstaunliches Maß an Unachtsamkeit"

Sie hatten nach jener Person gefahndet, die am 9. März 2007 ein islamistisches Drohvideo im Internet veröffentlicht hatte. Auf dem Band - im Namen und auf der Website der "Globalen Islamischen Medienfront" (GIMF) publiziert - wurde mit Anschlägen in Deutschland und Österreich gedroht für den Fall, dass die beiden Länder ihre Soldaten nicht aus Afghanistan abzögen. Womit die Fahnder nicht rechnen konnten: dass ausgerechnet M. selbst sie auf die Spur setzen würde - durch seine erstaunliche Unachtsamkeit.

Schon der erste Ansatz der Ermittler führten sie zu M. Denn der Österreicher mit ägyptischen Wurzeln hatte das Video von seinem eigenen Rechner aus publiziert - und dessen IP-Adresse konnte M. zügig zugeordnet werden. Ein zweiter Ansatz stützte die Annahme, nämlich die Untersuchung der Bilderspur des Videos. Auf dem Band waren vier Fotos österreichischer Soldaten in Afghanistan zu sehen und eines der neuen österreichischen Regierung – mutmaßliche Quelle: offizielle Regierungs-Websites.

Mit Spionagesoftware überführt?

Die Ermittler schauten deshalb nach, wer im fraglichen Zeitraum genau diese Bilder heruntergeladen hatte – und stießen erneut auf einen Hinweis, der zu M. führte. Denn nur von einer IP-Adresse aus wurde in dem Zeitraum zwischen dem 1. Januar und 8. März auf alle fraglichen Fotos zugegriffen. Die IP-Adresse gehört einer Firma in Malaysia. Im Februar hatte ein GIMF-Mann, möglicherweise M. selbst, in einem Interview mit SPIEGEL TV geprahlt, man könne die GIMF-Seite nicht ausfindig machen, Abfragen würden ergeben, sie sei "irgendwo in Malaysien gemeldet".

Über Monate ermittelten das deutsche Bundeskriminalamt und der österreichische Verfassungsschutz, Operation "Target" tauften sie das Unterfangen. Unter anderem wurde M. visuell und akustisch überwacht, die Österreicher spielten ihm nach Angaben seines Anwalts auch Spionagesoftware auf den Rechner auf. In jedem Fall finden sich in den Ermittlungsakten Hunderte protokollierte Chats und Telefonate.

Unbekümmert pflegte M., dessen Prozess an diesem Montag in Wien beginnt, in dieser Zeit Online-Kontakte ins Umfeld al-Qaidas. Den Administrator eines der zentralen arabischsprachigen Dschihad-Foren bat er darum, Qaida-Vize Aiman al-Sawahiri von dem Drohvideo zu berichten. Wenig später erhielt er folgende Antwort: Osama Bin Laden persönlich verfolge die Nachrichten der GIMF.

Internationaler Online-Dschihad

Möglicherweise spielte M. bei seiner Festnahme im September 2007 eine wichtige Rolle im internationalen Online-Dschihad. Darauf deuten einige der mitgeschnittenen Passagen hin. So habe der Administrator des besagten Forums versucht, die GIMF zu vernichten und deren Personal zu verunglimpfen, um eine Konkurrenzorganisation aufzubauen, wie sich M. bei einem Mitstreiter per Chat beschwerte. Zentrale Führungsfiguren des internationalen Cyber-Dschihadismus hätten ihn, M., daraufhin um Aufklärung gebeten. Er habe sie überzeugen können, dass die GIMF ganz auf Kurs von Osama Bin Laden sei.

Die GIMF gibt es seit mindestens fünf Jahren, ursprünglich war sie eine rein arabischsprachige, eng an al-Qaida gebundene inoffizielle Pressestelle. Im Laufe der Jahre verselbständigte sich das Netzwerk. "Terror-Ehrenamtliche", die oftmals gar nicht zum Kern al-Qaidas zählten, gewannen wegen ihrer Internet-Fertigkeiten an Bedeutung. Immer mehr GIMF-Ableger in westlichen Sprachen etablierten sich im Netz.

Mohamed M. gilt der Staatsanwaltschaft Wien als einer der Chefs der deutschen Sektion, die seit Mai 2006 auf Sendung ist. Sein Account auf der GIMF-Forumsseite wurde als zweiter überhaupt eingerichtet. M. selbst streitet die Vorwürfe ab: Er sei nicht verantwortlich für die GIMF, fügte er handschriftlich an die Niederschrift seiner Vernehmung an, die unmittelbar nach seiner Festnahme stattfand. Auch das Drohvideo sei nicht sein Werk: Es habe ihn selbst schockiert, als er es gesehen habe.



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