Terror Viele Tote bei Selbstmordanschlag in Afghanistan

Ein Selbstmordattentäter hat in einer Zuckerfabrik im Norden Afghanistans mindestens 40 Menschen mit in den Tod gerissen. Bei dem Anschlag sollen auch sechs Abgeordnete ums Leben gekommen sein. Die Anlage wird von Deutschland unterstützt.


Kabul – Der Selbstmordattentäter sprengte sich in einer Zuckerfabrik in der Stadt Baghlan im Norden Afghanistans in die Luft. Nach Angaben der Polizei ereignete sich der Anschlag, als eine Parlamentsdelegation die Fabrik besuchte.

Nach ersten Erkenntnissen hat der Attentäter rund 90 Menschen mit in den Tod gerissen. Anderen Quellen zufolge soll die Zahl der Opfer sogar deutlich höher liegen. Baghlans Geheimdienstchef Abdurrahman Sayedkhail erklärte, die Zahl der Opfer sei so hoch, dass gegenwärtig noch keine exakte Größe angegeben werden könne. Auch viele Schulkinder sollen unter den Toten und Verletzten sein. Am späten Nachmittag deutscher Zeit wurden dann die Zahl der Opfer niedriger angegeben. "Wir haben in vier Krankenhäusern 120 Verletzte und 40 Tote gezählt", sagte der Chef der Provinzkrankenhäuser von Baghlan, Jussuf Fais. Andere Quellen sprachen von rund 50 Toten, wiederum andere von mindestens 28.

Nach Berichten von Augenzeugen lösten die Folgen des Attentats Chaos aus. "Ich sah tote Körper in den Straßen der Stadt liegen. Einige Menschen stahlen die Waffen der toten Soldaten. Kinder riefen um Hilfe. Es ist wie ein Alptraum", erzählte einer der Bewohner der Stadt, Mohammad Rahim. Seinen Angaben zufolge kamen bei dem Anschlag zwei seiner Cousinen um, beide Schulmädchen.

Isaf beteiligt sich an Rettungsaktion

Überall am Tatort hätten verstümmelte Körper gelegen, der Boden sei mit Blut überströmt gewesen, erzählten andere Augenzeugen den afghanischen Medien. Viele der Verletzten schwebten demnach in Lebensgefahr. Aus Kabul wurde ein Hubschrauber zur weiteren Bergung von Opfern entsandt. Auch die Internationale Schutztruppe Isaf beteiligte sich an der Notfallversorgung der Verletzten.

Unter den Getöteten sollen sechs afghanische Parlamentsabgeordnete sowie deren Leibwächter und Delegationsmitglieder sein. Einer von ihnen sei Sajed Mustafa Kasimi, ein früherer Handelsminister und mächtiger Politiker der oppositionellen Nordallianz, teilte dessen Sekretär Ahmadi mit. Bei dem Anschlag gab es zudem viele Verletzte. Unter den Verletzten ist auch die Stellvertretende Agrarministerin Shukria Barakzai. Anderen Angaben zufolge sollen mindestens 13 der 18 Parlamentarier, die dem von Kazimi geleiteten Handelsausschuss angehörten und die Fabrik besuchten, getötet oder verletzt worden.

Die Abgeordneten wollten sich ein Bild vom wirtschaftlichen Fortschritt in der Provinz machen. Baghlan gehört zum Regionalkommando Nord der Internationalen Schutztruppe Isaf. Deutschland führt dort das Regionalkommando. In Baghlan selber betreibt Ungarn ein militärisch-ziviles Wiederaufbauteam.

Taliban wollen nicht den Anschlag verübt haben

Wer hinter dem Attentat steckt, ist noch unklar. Vermutungen gingen in Richtung Taliban. Doch der Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahed sagte am Dienstag gegenüber der Nachrichtenagentur AFP ausdrücklich: "Wir waren es nicht."

Der Norden Afghanistan war von Anschlägen der Taliban bislang weitgehend verschont geblieben. Kürzlich hatten die Radikalislamisten aber verstärkt Aktionen in der Region angekündigt. In diesem Jahr sind allein landesweit mehr als 200 Menschen bei mehr als 130 Selbstmordschlägen der Taliban getötet worden. Ziel der militärischen Offensive ist es, die Afghanen davon zu überzeugen, dass die Regierung in Kabul und die sie unterstützenden westlichen Streitkräfte außerstande sind, die Sicherheit im Lande zu gewährleisten.

Afghanistans Präsident Hamid Karsai, Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sowie Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (beide SPD) verurteilten den Anschlag scharf . "Es sollen jene abgeschreckt werden, die sich für den Wiederaufbau des Landes einsetzen und ihrem Land eine echte Zukunftsperspektive eröffnen wollen", so Steinmeier. Dem dürfe nicht nachgegeben werden, forderte der Minister. " Die Menschen in Afghanistan setzen darauf, dass wir sie nicht alleine lassen". Wieczorek-Zeul sprach von einem "widerwärtigen und abscheulichen Verbrechen", das sich "gegen die Selbstbestimmtheit der Menschen" richte. Die Zuckerfabrik sei ein von Deutschland gefördertes Entwicklungsprojekt: Mit dem Anbau und der Verarbeitung von Zuckerrüben wurden laut der Ministerin bisher mehr als 2.500 Bauern eine Einkommensquelle eröffnet, durch die sie beispielsweise vom Mohnanbau unabhängig werden.

Taliban erobern Bezirk

Im zentralen Hochland von Afghanistan haben unterdessen rund 60 Taliban-Kämpfer auf Motorrädern einen weiteren Bezirk überrannt. Sie beschossen die Bezirkshauptstadt Kadschran mit schwerer Artillerie, vertrieben die Polizisten und unterbrachen die wichtigste Straßenverbindung der Region, wie der Gouverneur der Provinz Day Kundi, Sultan Ali Urusgani, mitteilte. Zehn Soldaten und ein hoher Polizeioffizier seien in den Händen der Taliban, hieß es. Der Gouverneur sagte, er habe die Regierung in Kabul und die Nato vergeblich um Verstärkung gebeten. Der Bezirk grenzt an die Provinzen Helmand und Urusgan, in denen es in diesem Jahr ebenfalls zu heftigen Kämpfen gekommen ist.

Der Bezirk Kadschran ist schon der dritte, den die Taliban seit der vergangenen Woche in ihre Hand gebracht haben. Die islamisch-fundamentalistische Miliz kontrolliert auch zwei Bezirke in der westlichen Provinz Farah, Bakwal und Gulistan. In der Vergangenheit haben die Taliban oft abgelegene Bezirke eingenommen, diese dann aber unter dem militärischen Druck der Regierungstruppen und der Nato wieder räumen müssen. Die Kämpfe in Afghanistan sind in diesem Jahr eskaliert. Seit Jahresbeginn kamen nach einer Zählung der Nachrichtenagentur AP mehr als 5.600 Menschen ums Leben, die meisten von ihnen in den Reihen der Aufständischen.

als/sev/AFP/dpa/rtr/ap



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