Terrorangriff auf Mumbai Stich in Indiens Herz

Die Anschläge in Mumbai treffen Indien so heftig wie die Attentate vom 11. September Amerika schockierten. Ob die Täter tatsächlich aus Pakistan kamen, ist dabei nicht entscheidend - beide Nachbarn haben dasselbe Problem mit Terroristen.

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Hamburg - Die Taten waren grausam, die Schuldzuweisung war gewagt: In seiner kurzen Ansprache an die Nation hat der indische Ministerpräsident davon gesprochen, "ausländische Kräfte" hätten die Anschlagsserie in Mumbai (ehemals: Bombay)verursacht. Das ist ziemlich kühn in Anbetracht der Umstände: Nichts wissen sie, die Polizisten und schon gar nicht die Geheimdienstleute, auf die jetzt sicherlich die ganze hilflose Wut des Landes niederprasseln wird. Sie wissen noch nicht, wie viele der offenbar jungen Terroristen die drei Hotels, den Bahnhof, das Kino, das Krankenhaus und das Café mit Granaten und Sturmgewehren stürmten und wie viele von ihnen in diesem Moment noch irgendwo in einem der Luxushotels wie viele Geiseln halten. Dennoch war der Ministerpräsident imstande zu sagen, dass die "Deccan Mudschahidin", die sich zu den Bluttaten bekannten, fremdgesteuert, wenn nicht überhaupt Fremde seien – Pakistaner nämlich, die Indien in Unheil stürzen wollten.


Tief ist der Hass zwischen Indern und Pakistanern. Die pakistanischen Eliten sind völlig fixiert auf Indien, sie sehnen sich nach Ebenbürtigkeit, nach Augenhöhe, sie ignorieren das Gefälle: ökonomisch, militärisch, sozial, kulturell. Pakistan ist ein Kunststaat, hervorgegangen aus der kolonialen Erbmasse Großbritanniens auf dem indischen Subkontinent. Er wird bedroht von islamischen Terroristen, der Geheimdienst führt ein Eigenleben, das Militär ist der eigentliche Garant nationaler Souveränität und gelegentlich die einzige Institution, in der Rationalität vorherrscht. Und Pakistan, das ist sein ganzer Stolz, hat auch, was Indien hat: Atomwaffen.

Indien schaut mit dem ganzen Hochmut einer in jeder Hinsicht überlegenen Macht hinunter auf Pakistan, die islamische Abspaltung vom hinduistisch dominierten Land. Der Boden, auf dem der Konflikt ausgetragen wird, ist Kaschmir. Indien ist überzeugt davon, dass Pakistan Terror gezielt exportiert, nach Kaschmir und nach Indien. Sobald in der jüngeren Vergangenheit irgendwo eine Bombe hochging - in Jaipur, Bangalore oder Delhi - kam zuverlässig die starke Vermutung auf, Pakistan stecke dahinter, die Armee oder die Regierung oder der Geheimdienst oder alle drei.

Jetzt sagen sie in Mumbai, der 26. November sei das für Indien, was der 11. September 2001 für Amerika gewesen ist: Anschläge im Herzen des modernen, nach Weltgeltung strebenden Landes, im Zentrum des Tourismus, im Symbol des Fortschritts, der das Land aus der Armut führen soll. Natürlich lässt sich unschwer feststellen, dass dahinter ein Kulturkonflikt steht. Es lässt sich aber auch nicht übersehen, dass die Terroristen Amerikaner und Briten unter den Geiseln ausgrenzen wollten. Der Krieg der USA im Irak ist ihnen herausragend wichtig. Diese Blickrichtung verbindet sie mit al-Qaida.

Die Terroristen des 11. September 2001 wollten die USA angreifen - dass sie überwiegend aus Saudi-Arabien kamen, war ihnen (und uns) weniger wichtig als ihr Kampfziel: Amerika, der Westen, die Moderne.

So sollten wir es auch jetzt halten: Diesen Terroristen in Mumbai, von denen wir bald mehr erfahren werden, ist es wichtig, das moderne, globale, aufstrebende Indien zu treffen. Damit hat Indien dasselbe Problem wie Pakistan: den Kampf gegen ideologisch hochmotivierte Terroristen, die das Land destabilisieren wollen und davon träumen, Kernwaffen in die Hände zu bekommen. Dass sie für ihre Mission sterben, wenn es darauf ankommt, versteht sich von selbst.

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