Terrorismus Al-Qaida entdeckt den Libanon für sich

Der Krieg der Hisbollah gegen Israel ist für al-Qaida ein Dilemma, denn schiitische und sunnitische Dschihadisten mögen sich nicht. Jetzt hat Terrorführer al-Sawahiri wegen der Libanonkrise zu Anschlägen aufgerufen. Die Anhänger sind dankbar für die Klarstellung.

Von Yassin Musharbash


Berlin - "Die ganze Welt ist ein Schlachtfeld, das uns offen steht", erklärte al-Qaidas Nummer Zwei, Aiman al-Sawahiri, in einer heute auf al-Dschasira ausgestrahlten Videobotschaft. "O Muslime, wo immer ihr seid, ich rufe euch dazu auf, zu kämpfen und Märtyrer im Krieg gegen Zionisten und Kreuzfahrer zu werden." Es sei unmöglich, "an der Seite zu stehen", wenn Bomben auf "unsere Leute regnen". Das Videoband - das zweite des Ägypters in diesem Monat - ist das erste, in dem sich al-Qaida zum seit nunmehr mehr als zwei Wochen andauernden Krieg zwischen Israel und der Hisbollah äußert.

Screenshot von al-Sawahiris heutigem Video: "Der Mann ist wirklich schlau"
AP

Screenshot von al-Sawahiris heutigem Video: "Der Mann ist wirklich schlau"

Dass es so lange gedauert hat, bis die führende Kraft des internationalen Dschihad zu dem neuen Nahostkrieg äußert, wo ihr doch sonst jeder Anlass für Rekrutierungsaufrufe recht ist, hat einen für al-Qaida diffizilen Hintergrund: Das von Osama Bin Laden gegründete Netzwerk ist eine rein sunnitische Organisation, die Hisbollah dagegen besteht so gut wie ausschließlich aus Schiiten. Das wirft Schwierigkeiten auf.

Denn nach sunnitisch-dschihadistischer Mainstream-Lehre sind die Schiiten Ungläubige. Auf Qaida-nahen Websites wird Hisbollah deswegen gerne "Hisballat" geschrieben: Statt "Partei Gottes" heißt sie dann nämlich "Partei al-Lats" - al-Lat war eine der vorislamischen Gottheiten, die auf der Arabischen Halbinsel verehrt wurden. Im Irak ermorden zur Qaida gehörende Terroristen und schiitische Milizionäre einander sogar täglich. Und andersherum ist es nicht besser: Im iranischen Staatsfernsehen wird al-Qaida regelmäßig als "Kreatur der USA" gebrandmarkt.

Darf man für Hisbollah beten?

Seit jedoch im Libanon, einem Land, in dem es schiitische wie sunnitische Muslime (und Christen und Drusen) gibt, jeden Tag Zivilisten sterben, fragen sich immer mehr Qaida-nahe Dschihadisten, ob sie den Kampf der Schiiten gegen den gemeinsamen Feind nicht vielleicht doch unterstützen dürfen. Seit Beginn des Krieges am 12. Juli tobt darüber eine heftige Debatte. Erst heute wiesen die sunnitischen ägyptischen Muslimbrüder eine Erklärung sunnitisch-wahhabitischer saudischer Rechtsgelehrter zurück, die unter anderem dekretiert hatten: "Es ist nicht erlaubt, diese schiitische Partei (die Hisbollah) zu unterstützen, unter ihrer Kontrolle zu operieren oder für ihren Sieg zu beten".

Die Muslimbrüder begründeten ihre Replik damit, dass man sich die angebliche Kluft zwischen Schiiten und Sunniten nicht von den Feinden des Islams einreden lassen sollte. Tatsächlich liegen die beiden Konfessionen nicht weit auseinander, was Fragen des Dogmas angeht. Wohl aber liegen sie genau da über Kreuz, wo es für Extremisten drauf ankommt: bei der Frage der rechtmäßigen Führung und Herrschaft beispielsweise. Während die Sunniten ein Kalifat anstreben, am besten unter Führung eines Gläubigen aus dem Stamme der Quraisch, wollen die Schiiten von einem Imam aus der direkten Nachkommenschaft Mohammeds regiert werden, oder zumindest von einem Religionsgelehrten, der in ihrem Namen handelt, so wie die religiösen Oberhäupter des Iran.

Tatsächlich bestehen wegen dieser Scheidelinien auch zwei dschihadistische Internationale, die nur wenig miteinander anfangen können. Die eine wird von al-Qaida dominiert und umfasst Gruppen wie den ägyptischen Dschihad, Ansar al-Sunna oder Jamaat Islamiya. Die andere wird geprägt vom iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad und zählt zu ihren Mitgliedern die Radikalen des irakischen Predigers Muktada al-Sadr und die Hisbollah.

"Der Mann ist schlau"

Kein Wunder, dass angesichts dieser komplexen Situation die Anhänger al-Qaidas nach Klarstellung suchen. Auf einer einschlägigen sunnitisch-dschihadistischen Internetseite flehte gestern erst ein Qaida-Sympathisant: "Wo bist du, al-Sawahiri? Wir brauchen und fordern von dir eine Rede an die Gemeinschaft der Muslime über die Lage im Libanon. Du musst die Leute rechtleiten, auf den richtigen Weg führen!"

Die gewünschte Antwort lieferte al-Sawahiri mit dem heutigen Video: Ja, Israels Vorgehen rechtfertigt Gegenangriffe, und zwar auf der gesamten Welt, erklärte er. Allerdings ging al-Sawahiri nicht so weit, der Hisbollah offen seine Unterstützung angedeihen zu lassen. Im Gegenteil: Um genau diesen Eindruck zu verwässern, erwähnte Bin Ladens Stellvertreter den Libanon nur in Einheit mit den parallelen israelischen Angriffen auf den (sunnitischen) Gazastreifen.

Ob nach dem heutigen Aufruf zu internationalen Anschlägen gegen Israel und seine Anhänger mit solchen Schlägen zu rechnen ist, ist unmöglich einzuschätzen. Grundsätzlich ist es mittlerweile so, dass die Qaida-Führung nur noch abstrakte Zielvorgaben macht, so wie al-Sawahiri heute. Freiwillige Mudschahidin vor Ort lassen sich dann mitunter davon zu Anschlägen inspirieren. "Ernst nehmen muss man so etwas schon deshalb immer", sagt etwa der Berliner Terrorexperte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Er verweist auch auf zunehmende Hinweise für Qaida-inspirierte Zellen in den Palästinensischen Gebieten.

Nach der heutigen Rede hat die Debatte bereits neue Fahrt aufgenommen: Sunnitische Exegeten streiten bereits im Internet darüber, ob al-Sawahiri die Möglichkeit eine Dschihad-Allianz mit den Schiiten andeutete, als er von den "Unterdrückten" insgesamt sprach. "Der Mann ist wirklich schlau", kommentierte ein Forumsbesucher. "Er wusste, dass al-Qaida (an Zustimmung) verliert, wenn er sich gar nicht äußert."



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