Terrorismus Al-Qaida ruft zum Dschihad gegen Islamabad auf

Die Veröffentlichung ist genau terminiert: Während US-Präsident Obama seine neue Strategie für Afghanistan und Pakistan vorstellt, ruft Qaida-Ideologe Abu al-Yazid zum Sturz der Regierung in Islamabad auf. In Pakistan tötet ein Attentäter in einer Moschee Dutzende Menschen.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es sind grauenhafte Bilder, die pakistanische Medien von dem Anschlag zeigen: Mit großen Stofftüchern decken Freiwillige Leichen ab - das Werk eines Selbstmordattentäters, der sich am Freitagvormittag in Jamrud nahe der afghanischen Grenze während des Gebets mitten in einer Moschee in die Luft sprengte.

Dschihad als Pflicht: Werbebanner der Qaida-Rede

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37 Menschen wurden bislang tot geborgen, die Zahl der Verletzten geht in die Hunderte.

Der Anschlag ist ein neuerliches Anzeichen dafür, dass Pakistan ins Chaos abzugleiten droht; kaum noch ein Tag vergeht ohne einen Terroranschlag, auch am Donnerstag und am Mittwoch hatten schon Extremisten zugeschlagen.

Noch hat sich zu dem Massaker in der Moschee niemand bekannt. Die Taliban brüsten sich zwar auf ihrer Website bereits, allein am Freitag insgesamt 18 Soldaten und 13 Polizisten getötet sowie einen Nato-Panzer zerstört zu haben. (Diese Angaben sind oft übertrieben.) Aber mit dem verheerenden Selbstmordanschlag von Jamrud, einem der schwersten in der Geschichte Pakistans, wollen sie - jedenfalls bislang - nicht in Verbindung gebracht werden.

"Unterstützt die Mudschahidin!"

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Der Anschlag trägt allerdings auch nicht unbedingt die Handschrift der Taliban oder al-Qaidas: Offenkundig unschuldige Muslime während des Gebets zu ermorden, können selbst diese Gruppen ihren Anhängern nicht verkaufen. Es sei denn, die Opfer seien Schiiten. Darauf aber deutet bislang nichts hin.

Das Terrornetzwerk al-Qaida meldete sich unterdessen ausführlich zu Wort: Mit einer "Rede an die Pakistaner", in der einer ihrer wichtigsten Ideologen, Mustafa Abu al-Yazid, die Bevölkerung des Landes aufruft, sich gegen die "Verräterregierung" Pakistans aufzulehnen.

"Unterstützt die Mudschahidin", fordert Abu al-Yazid in dem etwa halbstündigen, arabischen Video, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Fundort, Veröffentlichungsmodus und Inhalt zufolge dürfte es authentisch sein.

Der Publikationstermin ist mit Sicherheit bewusst gewählt: Am heutigen Freitag stellt US-Präsident Barack Obama seine neue Strategie für Afghanistan und Pakistan vor, die im Grunde vor allem ein Ziel hat: Al-Qaida, die Taliban und ihre Alliierten unschädlich zu machen. Als "Krebsgeschwür", das Pakistan von innen auffresse, beschrieb Obama die Terroristen. Um seine Strategie umzusetzen, soll unter anderem noch mehr Geld fließen als bisher und die Zahl der US-Soldaten am Hindukusch erhöht werden.

"Pakistans Verfassung widerspricht der Scharia"

Mit der Rede von Abu al-Yazid, einem der wichtigsten Strategen al-Qaidas, will das Terrornetzwerk von Osama Bin Laden offenbar demonstrieren, wie unbeeindruckt es von diesen Ankündigungen ist. Zugleich soll der Kampf innerhalb Pakistans ausgeweitet werden.

Abu al-Yazid spannt in seiner Rede einen weiten Bogen: Pakistan, so seine Argumentation, sei gegründet worden als ein Staat für Muslime, in dem das islamische Recht gelten sollte. "Ist Pakistan ein Land, in dem die Scharia gilt?", fragt er mit Blick auf die Gegenwart rhetorisch. Die Antwort gibt er sicherheitshalber selbst: "Verfassung und Gesetze widersprechen ihr."

Zudem kooperiere die Regierung in Islamabad mit dem "ärgsten Feind der Muslime", den USA. "Welches Land sonst schickt seine höchstrangigen Sicherheitsbeamten zum Erzfeind, damit sie ihm Informationen übermitteln?"

Die pakistanische Armee töte Muslime, anstatt sie zu schützen, erklärt Abu al-Yazid. Die einzige Lösung, so der Qaida-Mann, sei der Dschihad. Der bewaffnete Kampf sei sogar eine unbedingte Verpflichtung für jeden Muslim.

Al-Qaida will Pakistan destabilisieren

Al-Qaida verfolgt schon länger das Ziel, Pakistan zu destabilisieren. Zudem haben sich die Beziehungen der pakistanischen Taliban zu jenen in Afghanistan in den vergangenen Monaten erheblich verbessert. Nicht zuletzt dies ist ein Grund für die USA gewesen, ihre Strategie anzupassen.

Dennoch ist die Lage nicht ganz so simpel wie al-Qaida sie darstellt. Denn während es stimmt, dass Islamabad und Washington sich im Kampf gegen Terroristen Informationen austauschen, arbeitet ein Teil des pakistanischen Sicherheitsdienstes den Taliban und indirekt damit auch al-Qaida zu.

Die Führungsspitze al-Qaidas wird mittlerweile eher in Pakistan als in Afghanistan vermutet. Auch dies dürfte ein Grund dafür sein, dass al-Qaida derzeit aggressiv versucht, möglichst viel Chaos in dem Land zu stiften. Vor Abu al-Yazid hatte auch schon Qaida-Vize Aiman al-Sawahiri zum Kampf gegen Islamabad aufgerufen.

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