Terrorismus Bin Laden kündigt "heftige Rede" an die Muslime an

Ist es Verzweiflung, die al-Qaidas Propaganda-Abteilung zu dieser Ankündigung treibt, oder hat Bin Laden diesmal wirklich etwas Neues zu sagen? Zum zweiten Mal in drei Tagen will der Qaida-Chef sich äußern - in einer "heftigen Rede" an die Gemeinschaft der Muslime.


Berlin - Es ist längst ein Ritual: Immer, wenn der Qaida-Chef Osama Bin Laden ein Video oder eine Audio-Botschaft im Internet veröffentlichen will, bereitet die Propaganda-Abteilung des Terrornetzwerks al-Sahab die Publikation mit einer Ankündigung vor. Auf den rund einem halben Dutzend einschlägiger dschihadistischer Websites, die al-Qaida für ihre PR nutzt, erscheinen dann blinkende Banner, in denen die Äußerung des Chefs vorab beworben wird. Seit über zwei Jahren geht das so, und bis jetzt hat al-Sahab jede Ankündigung eingehalten.

Bin-Laden-Botschaft: Neue Ankündigung des Terrorchefs

Bin-Laden-Botschaft: Neue Ankündigung des Terrorchefs

Zuletzt war das am vergangenen Donnerstag so, als eine Rede des Saudi-Arabers zum 60. Jahrestag der israelischen Staatsgründung in Aussicht gestellt wurde, die dann auch am Freitagvormittag verfügbar gemacht wurde. Und am heutigen Sonntag gibt es nun eine weitere solche Ankündigung zu lesen: "Schon bald, so Gott will" werde man hier die Links zu einer neuen Rede des "Löwen" Osama Bin Laden finden, blinkt es auf den üblichen Websites.

Neu allerdings ist, dass die Werbung dieses Mal eine vorauseilende Wertung enthält: "Eine wirklich starke Rede", heißt es auf dem Banner. "Sie richtet sich an die Gemeinschaft der Muslime insgesamt."

Die Ankündigungen von al-Sahab bedeuten meist, dass die Rede innerhalb der nächsten 6 bis 48 Stunden online eingestellt wird. Dieses Mal will al-Qaida offenbar sichergehen, dass der Ansprache die gebührende Aufmerksamkeit zuteil wird - bislang waren die Ankündigungen jedenfalls betont neutral und verrieten höchstens schon einmal den Titel der Verlautbarung.

Gut möglich, dass dahinter die Verzweiflung steckt, dass Bin Ladens Reden außerhalb der Sympathisantenkreise längst nicht mehr jenen Grad an Aufmerksamkeit erreichen wie kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 oder vor und nach den Großanschläge von London und Madrid. Die Rede von vorgestern beispielsweise war den meisten Zeitungen nur noch eine Randnotiz wert, obwohl sie sich direkt "an die Völker des Westens" gerichtet hatte. Zum Teil lag das daran, dass Bin Laden freilich nichts Neues zu sagen hatte.

Vielleicht ist die Ankündigung aber auch ein Hinweis darauf, dass Osama Bin Laden mit einer Art Grundsatzerklärung verlorene Sympathien für sein Terrornetzwerk zurückgewinnen will. Es ist nicht mehr von der Hand zu weisen, dass das brutale Agieren der irakischen Qaida-Filiale gegen andere Muslime al-Qaida Zustimmung gekostet hat.

Osama Bin Laden hat sich seit 9/11 über ein Dutzend Mal öffentlich zu Wort gemeldet. Auch in den Sympathisantenzirkeln vermag er damit nicht mehr dieselbe Euphorie auszulösen wie früher - das zeigt sich unter anderem an den anschließenden Debatten von Dschihad-Anhängern in Internet-Foren und Chatrooms.

Eine wichtige Funktion seiner Reden besteht darin, Lebenszeichen zu senden. Außerdem ist er stets bestrebt, die Kontrolle über die grundsätzliche ideologische Ausrichtung al-Qaidas zu behalten. Zuletzt forderte er zum Beispiel die Dschihadisten im Irak auf, sich unter dem Banner al-Qaidas zu vereinigen, forderte Unterstützung für den Terror im Irak aus dessen Nachbarländern ein, verlangte Vergeltung für die dänischen Mohammed-Karikaturen und forderte die Amerikaner dazu auf, sich zum Islam zu bekehren.

yas



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