Terrorismus Die mageren Ergebnisse der Binladologen

Die US-Regierung hat ein ganzes Heer von Spitzen-Forschern engagiert, um Osama Bin Laden auf die Spur zu kommen. Sie analysieren mit riesigem Aufwand Flora, Fauna oder Geräusche auf den Ton- und Videobänder, um Hinweise auf den Aufenthaltsort des Terrorfürsten zu entdecken.

Von Georg Mascolo, Washington


Bin-Laden-Video vom Oktober 2004: Straßenlärm, Klingeln, Kindergeschrei im Hintergrund?
AFP

Bin-Laden-Video vom Oktober 2004: Straßenlärm, Klingeln, Kindergeschrei im Hintergrund?

Der Flüchtige, so heißt eine kriminalistische Faustregel, taucht ab, schweigt, verschwindet. Einer, den die ganze Welt sucht, hält sich nicht an diesen Lehrsatz. Osama Bin Laden, Megaterrorist und Massenmörder, meldet sich in Videos und Tonbandbotschaften zu Wort. In blumigem Arabisch formuliert er seine Ultimaten und apokalyptischen Drohungen.

Auf 18 Auftritte bringt es der Saudi allein seit den Anschlägen des 11. Septembers 2001 - und geht es nach den Geheimdiensten, dürften es gern noch mehr sein. Denn wenn Bin Laden oder sein Stellvertreter Aiman al-Sawahiri auf Sendung gehen, tritt eine akademische Hilfstruppe in Aktion, auf der inzwischen die Hoffnung ruht, die Terroristen doch noch zu erwischen.

Audiotechniker suchen im Hightech-Labor nach Hintergrundgeräuschen: dem Lärm einer Straße, dem Klingeln eines Telefons, dem Kindergeschrei im Hinterhof. Wie in einem wissenschaftlichen Kolloquium sitzen Geologen stundenlang vor den Bildern der Felsformationen, durch die Bin Laden schreitet, Kollegen der botanischen Zunft begutachten das karge Grün unter den Sandalen der Flüchtlingen. Zwitschert ein Vogel, müssen die Ornithologen ran.

"Binladologen" nennen Spötter jene Wissenschaftler, die den einen, entscheidenden Hinweis liefern sollen, wo sich die Flüchtigen verborgen halten. Jede Spur von ihnen fehle, räumte der pakistanische Präsident Pervez Musharraf unlängst ein, auch eine seit Wochen im abendlichen Fernsehprogramm offerierte Millionen-Belohnung der Bush-Regierung ("Sie liefern - wir zahlen") hat keine Hinweise gebracht. Die US-Armee, die noch vergangenes Jahr tönte, bald sei Bin Laden gefasst, schweigt inzwischen betreten. So müssen jetzt die Akademiker ran, damit die Suchtrupps wieder ausrücken können.

So bizarre Züge trägt der Rummel um jedes neue Band, dass der amerikanische Terrorismusexperte Roger Cressey sie mit der Arbeit der Kreml-Astrologen im Kalten Krieg vergleicht. "Statt herauszufinden, wer neben Leonid Breschnew steht und was das für dessen Machstellung bedeutet, brüten wir heute über den Bändern", sagt Cressey, der zwei US-Präsidenten beriet. Und Michael Scheuer, einst Chef der CIA-Truppe, die Bin Laden jagt, hat für die Aktion nur Hohn übrig: "Ich habe jeden, der mir mit Steinen und Vögeln kam, aus meinem Büro geworfen. Bin Laden ist nicht so blöd, uns zu verraten, wo er ist."

Bisher hat der Skeptiker Recht behalten; bedeutende neue Hinweise hat die wissenschaftliche Zuarbeit nicht gebracht. Einen Felshang, über den Bin Laden und Sawahiri, die Kalaschnikow über der Schulter, marschierten, erwies sich als typisch für die gesamte afghanisch-pakistanische Grenzregion. Flora und Fauna waren nicht ergiebiger. Kein Strauch, kein Baum ließ sich finden, der nicht überall am Hindukusch wächst.

Der Bundesnachrichtendienst ließ ein melodisches Trillern als Ruf des Sperlings identifizieren. Und ähnlich hilfreich war die Einbestellung einer Gruppe CIA-Pensionäre mit Ortskenntnis. Nach eingehender Betrachtung der für diesen Anlass auf Postergröße gebrachten Bilder der Einöde, erklärten sie, das könne eigentlich überall sein.

Wenig ergiebiger ist der Ton, den Techniker im Labor nach für das Ohr nicht zu hörenden "akustischen Ereignissen" absuchen. Auf einem Band Sawahiris isolierten Techniker im Mai 2003 die Geräusche spielender Kinder in einem Hinterhof oder Treppenhaus. Jeder Verkehrslärm aber fehlte. Fazit: eine Siedlung, irgendwo auf dem Land.

Noch dünner ist es bei Bin Laden. Er neigt dazu, mit Papier zu rascheln, einmal schien es, als sei ein Telefon oder eine Hausrufanlage in der Nähe. Ohne durchschlagenden Erfolg blieb auch ein Hinweis des deutschen Bundeskriminalamts, das im Oktober 2003 auf einem Band ein rätselhaftes "Quietschgeräusch" ausmachte. Wahrscheinlich ein "mangelhaft gewartetes Scharnier", befanden die Tontechniker.

Inzwischen bleiben selbst so dürre Erkenntnisse aus; Bin Laden hat offenbar technologisch aufgerüstet. Neueste Aufnahmen klingen, als bediene sich der Terrorist digitaler Aufnahmetechnik und eines schallgedämmten Raums.

Glücklich mit der Ausbeute sind bislang nur die Experten der medizinisch-psychologischen Analyseeinheit der CIA, eine Truppe, die sich an langen Fernsehabenden schon an Boris Jelzins Trinkgewohnheiten und Fidel Castros Gesundheitszustand versuchte.

Osama Bin Laden, so wollen sie herausgefunden haben, wurde bei den Kämpfen um Tora Bora im Herbst 2001 tatsächlich an der Schulter verwundet. Eine von ihnen begutachtete Videoaufnahme zeigt den Saudi, gestützt auf eine Krücke, der linke Arm hängt schlaff herab. Die Erkenntnis stammt aus dem September 2003. Inzwischen aber soll sich der Terrorist schon wieder gut erholt haben.



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