SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. September 2007, 22:38 Uhr

Terrorismus

Islamische Dschihad-Union droht mit Anschlägen außerhalb Deutschlands

Von Yassin Musharbash und

Brisante Erklärung im Internet: Die Dschihad-Union hat mitgeteilt, dass die drei gefassten Terrorverdächtigen tatsächlich in ihrem Namen agierten. Ende 2007 sollten sie zuschlagen, usbekische und US-Ziele treffen. Jetzt droht die Gruppe mit Attentaten in anderen Ländern.

Berlin - Es war gegen 17 Uhr im gemeinsamen Internetzentrum der deutschen Sicherheitsbehörden in Berlin, als ein Experte fündig wurde. Über eine Internetseite, die schon vorher von Sympathisanten der Islamischen Dschihad Union aus Usbekistan(Islamic Jihad Union, IJU) benutzt wurde, flimmerte plötzlich ein langes Communiqué der noch weitgehend mysteriösen Gruppe.

In langen Sätzen, unterbrochen von Koran-Suren, bekannte sich die Gruppe zu den vereitelten Terrorplanungen in Deutschland. Umgehend begannen die Experten, das türkische Schreiben zu übersetzen.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE heißt es darin mit Bezug auf "die Festnahme der drei Brüder", also der drei gefassten Terrorverdächtigen: Ende 2007 hätten sie in Deutschland Anschläge begehen wollen. Als Ziele werden die US-Luftwaffenbasis Ramstein sowie die Generalskonsulate der USA und Usbekistans in Deutschland genannt. Begründung: Diese beiden Länder hätten Anteil an den "Ungerechtigkeiten und der brutalen Politik gegenüber den Muslimen und dem Islam". Unter anderem habe die IJU erreichen wollen, dass die Bundeswehr nicht länger den Flughafen im usbekischen Termes als Drehkreuz für ihre Afghanistan-Mission benutzt. Unterzeichnet ist das Bekenntnis, das mit "Presserklärung" überschrieben ist, von der "Politischen Führung der Islamischen Dschihad Union".

Die Verfasser drohen mit Anschlägen außerhalb Deutschlands: "Was die drei Brüder vorgehabt haben, wird an anderen Orten in der Welt auch geplant", steht nach Informationen von SPIEGEL ONLINE in dem Dokument. Experten sind sich nicht sicher, wie hoch die Schlagkraft der IJU wirklich ist, selbst die Zahl ihrer kämpfenden Kader ist unbekannt. Als sicher gilt aber, dass sie sich als Terrorgruppe von Format etablieren will - ein Aufsehen erregender Anschlag irgendwo auf der Welt würde diesen Zweck erfüllen.

Gerichtsverwertbarer Beweis

Im Internetzentrum der Sicherheitsbehörden war schnell klar: Dieses Dokument liefert einen konkreten Hinweis darauf, dass die Zelle um die vor einer Woche festgenommenen mutmaßlichen Bombenbauer Daniel S., Fritz G. und Adem Y. tatsächlich von der Islamischen Dschihad Union motiviert war oder sogar gesteuert wurde.

Auch wenn die drei Festgenommenen noch immer hartnäckig schweigen, haben die Ermittler nun zumindest ein Indiz, dass ihre Planungen von langer Hand gesteuert wurden. Vermutlich von IJU-Kadern aus Pakistan, wo die eigentlich usbekische Truppe in den vergangenen Jahren eine Präsenz etabliert haben soll. Dies dürfte in dem Prozess gegen die Verdächtigen eine große Rolle spielen - es ist ein deutlicher Hinweis auf eine organisierte Terrorgruppe, der auch vor Gericht verwertbar sein dürfte.

Die IJU hatte sich 2002 gegründet und 2004 eine Reihe von Anschlägen in Usbekistan begangen, unter anderem gegen die israelische und die US-Botschaft und das Büro des usbekischen Generalstaatsanwalts. Das heute veröffentlichte Schreiben ist in sachlich-nüchternem Ton und fehlerfreiem, eher gehobenem Türkisch verfasst.

Bei der Internetseite, auf der es publiziert wurde, handelt es sich allerdings nicht um eine offizielle Homepage der IJU. Das türkischsprachige Portal "Zeit des Märtyrertums" behandelt eine Vielzahl von Themen, die Islamisten und Dschihadisten umtreiben. Auch die Mudschahidin-Aktivitäten im Irak, in Tschetschenien und Nordafrika spielen auf der Seite eine Rolle - und selbst der mittlerweile getötete Chef der irakischen Qaida-Filiale, Abu Mussab al-Sarkawi, wird dort verherrlicht.

Allerdings taucht auf der Internetseite immer wieder Material aus dem IJU-Umfeld auf - im Mai zum Beispiel ein Interview mit deren angeblichem Anführer Ebu Jahja Mohammed Fatih, der gegen den usbekischen Machthaber Islam Karimov wetterte und seine Truppe als Zusammenschluss von Dschihadisten beschrieb, sowie Bilder von IJU-Kämpfern.

US-Dienste lieferten die ersten Hinweise

Die Ermittlungen gegen den deutschen Ableger der IJU hatten damit begonnen, dass US-Geheimdienste den Deutschen im Herbst 2006 Hinweise übersandten, denen zufolge zwei Männer aus Deutschland im Sommer 2006 in Ausbildungslagern der Gruppe in Pakistan waren. Möglicherweise würden sie Anschläge auf US-Einrichtungen planen. Die Erkenntnisse der US-Geheimdienste stützten sich auf abgehörte Telefonate und E-Mails.

Frage nach den Hinterleuten bleibt offen

Die beiden Verdächtigen, damals nur unter den Aliasnamen "Muaz" und "Zafer" bekannt, entpuppten sich schließlich als Zafer S., ein 23-jähriger Deutsch-Türke aus Neunkirchen im Saarland, und Attila S., ein 22-Jähriger mit deutschem Pass aus Ulm in Baden-Württemberg. Beide Männer sind mittlerweile in die Türkei ausgereist. Umfangreiche Recherchen führten die Fahnder aber im Winter 2006 auch zu der in der vergangenen Woche ausgehobenen Zelle. Vor allem eine vermutliche Ausspähfahrt rund um eine US-Kaserne in Hanau hatte die deutschen Geheimdienste elektrisiert.

Fortan recherchierten sie mit massivem Personalaufwand hinter der Gruppe her und überwachten jeden Schritt der Verdächtigen. Dabei verfolgten sie mehr oder weniger live mit, wie die Verdächtigen zwölf Fässer Wasserstoffperoxid kauften und diese in einer Garage versteckten. Als durch eine Panne eine Polizeikontrolle die Männer nervös machte und sie sich ein neues Versteck suchen wollten, griffen die Fahnder am vergangenen Dienstagnachmittag zu. Seitdem fragen sich die Ermittler, ob sie tatsächlich die ganze Zelle oder nur einen Teil eines größeren Netzwerks aufgedeckt haben. Abseits der öffentlichen Entwarnung jedenfalls ermitteln die Behörden intensiv weiter an dem Fall.

Wer sind die Hinterleute?

Es sind vor allem die Hintermänner, die die Fahnder brennend interessieren. Auch wenn sie viele E-Mails lesen konnten, die die nun festgenommenen Verdächtigen nach Pakistan schickten, kennen sie von den Empfängern wiederum nur die Alias-Namen: "Sule" oder "Suley" und "Jaf". Beide gelten in den Akten über das Verfahren 2 BJs 20/07-4 der Bundesanwaltschaft als Beschuldigte - allerdings mit dem Zusatz "weitere Personalien unbekannt". Prinzipiell ist noch nicht mal klar, ob es eine oder zwei Personen sind.

Klar ist jedoch, dass die beiden Empfänger und Verfasser der E-Mails aus Deutschland codiert über den Anschlagsplan mit der Zelle kommunizierten. Mal fragten die Verfasser aus Pakistan in Deutschland an, ob "das Geschenk" schon angekommen sei, dann wurde ein "Praktikant" avisiert. Was genau gemeint war, ist bis heute nicht genau klar. Als sich aber im Sommer 2007 bei dem Hauptverdächtigen Fritz G. ein Anrufer (vermutlich ebenfalls von der Islamischen Dschihad Union) meldete und Druck machte, wurden die Fahnder nervös. Anschläge standen kurz bevor, nichts anderes konnte man annehmen.

Von wem das heute aufgetauchte IJU-Schreiben verfasst wurde, ist unterdessen unklar. Es gilt als durchaus möglich, dass sich Propagandisten der Gruppe für die Planungen rühmen wollten. Vielleicht stecken aber auch die mutmaßlichen Hintermänner dahinter.

Keine Worte über drohende Attentate in Deutschland

Das Schreiben auf der Internetseite enthält keine Angaben über Anschlagsplanungen in Deutschland, die nicht schon aus den Medien bekannt wären. Solches mögliche Täterwissen hätte die Authentizität des Schreibens belegen können. Gleichwohl gehen die Experten davon aus, dass das Schreiben echt ist - das teilte das Innenministerium mit. Für das Ministerium ist der Fund eine Bestätigung, dass die Rechercheinstrumente der Behörden funktionieren.

Mit keinem Wort wird in dem Schreiben auf eine weitere Zelle oder drohende Anschläge in Deutschland verwiesen. Auch wenn die Behörden weiter nicht sicher sind, ob es andere, bisher unentdeckte Gruppen von Attentätern in Deutschland gibt, beruhigte diese Nachricht zumindest ein bisschen. Allerdings machte das Innenministerium klar, dass es immer noch eine erhöhte abstrakte Gefahr für Deutschland sieht, und rief zur Wachsamkeit auf.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung