Terrorismus Musharraf ist überzeugt, dass Bin Laden lebt

Osama Bin Laden ist nach Informationen des pakistanischen Präsidenten am Leben. Deutsche Sicherheitskreise teilen seine Auffassung. Pervez Musharraf erklärte, es lägen Hinweise vor, wonach sich der Terrorchef im Nachbarland Afghanistan verstecke.


Washington - Nach Einschätzung Musharrafs ist Bin Laden am Leben. Das erklärte er in einem Interview mit der "Times". Erst am Wochenende war ein französischer Geheimdienstbericht publik geworden, wonach der Qaida-Chef in Pakistan an Typhus gestorben sei. Auch deutsche Sicherheitskreise glauben nach Informationen von SPIEGEL ONLINE, dass der Terrorchef noch lebt.

Musharraf, Bush: "Gemeinsam über Strategien nachdenken"
AFP

Musharraf, Bush: "Gemeinsam über Strategien nachdenken"

Musharraf erklärte jetzt, der Terroristenchef halte sich vermutlich in der afghanischen Provinz Kunar an der Grenze zu Pakistan auf. Das sei "nicht nur eine Ahnung". Der pakistanische Geheimdienst habe "keinerlei" Erkenntnisse über Bin Ladens angeblichen Tod. Zugleich erklärte er, vermutlich gebe es in Kunar Verbindungen zwischen al-Qaida und dem afghanischen Kriegsherren Gulbuddin Hekmatjar.

Im unwegsamen Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan wird seit Jahren nach Bin Laden gefahndet. Musharraf und Afghanistans Präsident Karsai haben stets behauptet, Bin Laden halte sich im Land des jeweils anderen Politikers auf. Ähnliche Vorwürfe haben sie über Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar ausgetauscht.

Auf einer einschlägigen Pro-Qaida-Website wurde heute unterdessen eine neue Ansprache des Stellvertreters von Osama Bin Laden angekündigt: "In Bälde: Der Scheich Aiman al-Sawahiri über den Papst, Darfur, die Kreuzzüge und US-Präsident Bush." Die Ankündigung hat die al-Sahab-Foundation gepostet, eine Art inoffizieller Medienarm von al-Qaida, der fast alle der letzten Ansprachen der Führung des Terrornetzwerks produziert hat. Sie ist deshalb durchaus glaubwürdig, zumal sie auf einer Website erschien, die Qaida-Filialen regelmäßig und bevorzugt nutzen.

Aiman al-Sawahiri, ein Ägypter, gilt als Nummer Zwei hinter Osama Bin Laden. Im Falle des Todes des ersteren wäre er ein naheliegender Nachfolger. Arabische Geheimdienste glauben, dass die beiden die Führungsaufgaben ohnehin schon untereinander aufgeteilt haben. Der Saudi ist demzufolge nur noch für die Ideologie und theologische Rechtfertigung zuständig. Al-Sawahiri dagegen für das, was an zentral gesteuertem operativem Geschäft übrig geblieben ist. Um nicht gemeinsam gefangen oder getötet zu werden, hätten sie sich nach dem 11. September 2001 räumlich getrennt. Sollte Bin Laden wirklich tot sein, wäre es zu vermuten, dass al-Sawahiri diese Nachricht bestätigt - auch deshalb ist die angekündigte Rede interessant.

Gestern hatten sich die beiden Regierungschefs bei einem gemeinsamem Abendessen mit George W. Bush im Weißen Haus getroffen. Ziel des Treffens: Die beiden US-Verbündeten sollten ihre Spannungen untereinander abbauen - einen Schritt aufeinander zu machen. Musharraf und Karsai stünden vor gemeinsamen Herausforderungen, sagte Bush.

Angesichts des Wiedererstarkens der vor fünf Jahren gestürzten radikal-islamischen Taliban in Afghanistan beschuldigten sich die beiden Länder zuletzt wieder vermehrt gegenseitig, nicht entschlossen genug gegen Extremisten vorzugehen. Bush bezeichnete die Begegnung als Chance, "gemeinsam über Strategien nachzudenken, über die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zu sprechen und dafür zu sorgen, dass die Menschen eine hoffnungsvolle Zukunft haben". Alle drei Staaten würden sich weiter dafür einsetzen, dass Extremisten wie Osama Bin Laden vor Gericht gestellt werden.

Bush bezeichnete die Präsidenten als "persönliche Freunde". "Sie verstehen, dass die gemäßigten Kräfte von Extremisten und Radikalen herausgefordert werden", sagte der US-Präsident. Vor der Presse verzichteten Karsai und Musharraf auf ein Händeschütteln. Musharraf blickte während Bushs Ausführungen ernst, während Karsai ein leichtes Lächeln zeigte.

Die Atmosphäre bei dem zweieinhalbstündigen Abendessen mit scharf gewürztem Wolfsbarsch bezeichnete ein hochrangiger US-Vertreter anschließend aber als offen und herzlich. Nach Angaben von Bushs Sprecher Tony Snow sagten Musharraf und Karsai eine stärkere Zusammenarbeit ihrer Geheimdienste, koordiniertes Vorgehen gegen Terroristen und gemeinsame Bemühungen um mehr Wohlstand in beiden Ländern zu. Die Sicherheitslage vor allem im Süden Afghanistans ist seit einigen Monaten so angespannt wie seit dem Sturz der islamistischen Taliban-Regierung 2001 nicht mehr. Die Gewalt in Afghanistan spielt auch im Wahlkampf vor den US-Kongresswahlen am 7. November eine Rolle. Die oppositionellen Demokraten werfen Bush vor, Afghanistan wegen des Kriegs im Irak zu vernachlässigen.

ler/yas/Reuters/dpa



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