Terrorismus Qaida-Propagandisten kündigen neues Video von Bin Laden an

Zum Jahrestag der Anschläge vom 11. September steht möglicherweise eine Sensation bevor: Auf Internetseiten kündigt die Qaida-Produktionsfirma al-Sahab ein neues Video von Osama Bin Laden an. Es könnte den Beweis liefern, dass der meistgesuchte Mann der Welt noch lebt.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es ist nur eine dürre Ankündigung - doch sie könnte kaum spektakulärer sein. "Schon bald, mit Gottes Erlaubnis: Eine Videoaufzeichnung vom Löwen, dem Scheich Osama Bin Laden", steht auf dem weinroten Banner zu lesen, das heute auf einschlägigen dschihadistischen Internetseiten platziert wurde. Im Klartext: Der meistgesuchte Mann der Welt wird sich nach über einem Jahr Funkstille wieder öffentlich äußern.

Videoankündigungs-Banner mit Osama Bin Laden: Kürzerer Bart, dunklerer Teint

Videoankündigungs-Banner mit Osama Bin Laden: Kürzerer Bart, dunklerer Teint

Außer den exklusiven Veröffentlichungsorten ist es vor allem der Absender, der die Ankündigung glaubwürdig macht: Das Banner trägt den Schriftzug der Multimedia-Produktionsfirma al-Sahab, die seit Jahren einen großen Teil der Öffentlichkeitsarbeit der im Untergrund lebenden Führungsspitze des Terrornetzwerks al-Qaida besorgt. Auch die vorherigen Videoansprachen Osama Bin Ladens wurden von al-Sahab produziert, verbreitet und mit Untertiteln in Englisch versehen.

Auf dem Banner ist auch ein Portrait Osama Bin Ladens zu sehen. Der Kontext legt nahe, dass es sich dabei um ein erstes Standbild aus dem schon fertig produzierten Video handelt. In der Vergangenheit ist al-Sahab mehrfach so verfahren.

Das Bild zeigt allerdings einen überraschend jung wirkenden Osama Bin Laden - sein Bart ist kürzer als gewohnt, seine Haut scheint dunkler. Ohne Zweifel werden Sicherheitsbehörden rund um den Globus das Konterfei in den nächsten Tagen genau untersuchen, um herauszufinden, ob es plausibel ist, dass es sich um eine aktuelle Aufnahme handelt.

Der letzte Film mit Bin Laden ist drei Jahre her

Sollte das Video in den kommenden Tagen tatsächlich erscheinen, könnte es den Beweis bringen, dass Bin Laden noch lebt. Terroristen von al-Qaida und Co. achten gelegentlich gezielt darauf, durch die Erwähnung aktueller Vorgänge zu belegen, dass die Aufzeichnung nicht posthum gemacht wurde - zum Beispiel indem sie Artikel aus der US-Presse zitieren. Bin Laden dürfte es ebenso halten. Seine letzte Tonbandaufnahme stammt von Juli 2006, der letzte Videofilm von November 2004.

Nicht nur seine Anhänger rätseln, ob der Qaida-Gründer und Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 noch lebt - sondern auch die internationale Öffentlichkeit. Auch wenn es in der Ankündigung nicht explizit erwähnt ist, liegt es nahe, dass das Video gezielt kurz vor dem Jahrestag angekündigt wird. In den vergangenen Jahren hat das Netzwerk das Datum mehrfach genutzt, um besonders schlagkräftige Propagandaprodukte zu veröffentlichen, zum Beispiel bisher unbekannte Aufnahmen der Attentäter.

Osama Bin Ladens Aufenthaltsort ist unbekannt, er wird jedoch im schwer zugänglichen Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan vermutet. Zuletzt berichteten mehrere westliche und andere Geheimdienste übereinstimmend, dass es al-Qaida und ihren Verbündeten während der vergangenen anderthalb Jahre gelungen ist, sich dort zu stabilisieren. Es ist also vorstellbar, dass Bin Laden glaubt, das Risiko einer solchen Aufzeichnung auf sich nehmen zu können, ohne gleich entdeckt zu werden.

Experten gehen davon aus, dass er lebt

In den vergangenen Jahren kursierten auch immer wieder Gerüchte, der Saudi-Araber sei tot - zuletzt im vergangenen Sommer unter Berufung auf angebliche saudische Geheimdiensterkenntnisse. Doch internationale Terrorexperten halten ihn für lebendig. Der jordanische Terror-Fachmann Fuad Hussein sagte kürzlich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass er aus Qaida-nahen Quellen entsprechende Informationen erhalten habe. Auch Taliban-Kommandeur Mullah Dadullah teilte noch vor wenigen Tagen mit, der Qaida-Chef erfreue sich bester Gesundheit.

Genauso spannend wie die Frage, ob Bin Laden noch lebt, ist, was er zu sagen hat. In den meisten seiner bisherigen Ansprachen attackierte er ausgiebig die USA und die Monarchie in Saudi-Arabien und befeuerte in eher allgemeinen Floskeln den internationalen Dschihadismus. Aber der Qaida-Chef war auch immer wieder für Überraschungen gut. Im April 2004, nach den verheerenden Anschlägen in Madrid, bot er den Europäern ein Waffenstillstandsabkommen an: Wenn sie alle ihre Soldaten aus islamischen Ländern abzögen, würde es keine Terroranschläge mehr in Europa geben.

Seitdem ist einige Zeit vergangen: Die Lage im Irak und in Afghanistan hat sich zugespitzt. In mehreren europäischen Länden gab es versuchte Terroranschläge. Im Libanon und in Palästina werden bewaffnete Konflikte zwischen Islamisten und Säkularisten ausgetragen. Allesamt Themen, zu denen sich Osama Bin Laden äußern könnte.

Bisher hielten sich Qaidas Propagandisten an Ankündigungen

Das in Washington ansässige Terrorforschungsinstitut Site, das heute Abend ebenfalls über das Ankündigungs-Banner berichtete, scheint über weitergehende Informationen zu verfügen. Dem Text auf der Instituts-Internetseite zufolge soll sich Bin Ladens Rede an das amerikanische Volk richten. Woher diese Information stammt, ist unklar.

Sicher ist, dass Bin Ladens Äußerungen Einfluss auf seine Anhänger und alle jene haben würden, die in seinem Namen Terroranschläge planen oder auf die Schlachtfelder der Welt pilgern. Al-Qaida ist heute nicht mehr die hierarchische Kader-Organisation wie vor dem 11. September 2001. Freiwillige wurden an das Netzwerk herangeführt und agieren mittlerweile eigenverantwortlich. Es gilt als unwahrscheinlich, dass Bin Laden zentrale Kontrolle über einzelne Anschlagsplanungen ausübt. Aber seine Rolle als Spiritus Rector ist davon nicht betroffen. Er hat noch immer die unbestrittene Autorität, strategische Vorgaben zu machen. Regionen, die er in den Vordergrund stellt, könnten schnell Ziel von Terrorkampagnen werden.

Noch ist all das Spekulation - das Video ist schließlich noch nicht veröffentlicht. Niemand weiß, ob es am Ende nicht nur langweilige Bewegtbilder enthält und nur wenig Worte. Und natürlich ist auch nicht ausgeschlossen, dass es überhaupt nicht erscheint.

Bisher allerdings hat al-Sahab alle vergleichbaren Ankündigungen peinlich genau eingehalten.



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