Terrorismus Wie pakistanische Geheimdienstler den Taliban helfen

Sie verschaffen ihnen Munition, helfen bei Anschlagsplanungen und verraten Nato-Operationen - die "New York Times" berichtet, wie Agenten des pakistanischen Geheimdienstes die Taliban heimlich unterstützen. Die Aktionen laufen demnach in einer Abteilung zusammen: dem "S Wing".

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es war fünf Uhr am Nachmittag, da feuerte die Drohne ihre Raketen ab. Sieben Menschen kamen ums Leben, als die Sprengköpfe am Mittwoch bei der Ortschaft Makeen in der pakistanischen Region Südwaziristan ein Auto trafen. Alle sieben Getöteten waren laut der pakistanischen Tageszeitung "Dawn" Araber - ein Hinweis darauf, dass sie tatsächlich Dschihadisten gewesen sein könnten, die zum Kämpfen aus dem Ausland gekommen waren.

Taliban-Angriff auf Kabul im Februar: Hilfe von pakistanischen Agenten?
AP

Taliban-Angriff auf Kabul im Februar: Hilfe von pakistanischen Agenten?

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurden die Raketen von der CIA abgefeuert. Seit August 2008 setzt der Auslandsgeheimdienst der USA diese Taktik im Kampf gegen Terroristen in Pakistan ein. Die Ziele für dieses Programm gezielter Tötungen spricht die CIA, so die pakistanische Zeitung "The Nation", mit Pakistans Geheimdienst ab, dem ISI.

Das ist die eine Rolle des ISI: Verbündeter der USA.

Doch es gibt augenscheinlich auch eine zweite Rolle des ISI - als faktischer Feind Washingtons.

Der Vorwurf, dass Teile des ISI enge Verbindungen zu den Taliban in Afghanistan und Pakistan haben, ist nicht neu. Seit über einem Jahr wird er immer wieder erhoben, nicht zuletzt von den USA. Am eindrücklichsten im vergangenen Sommer, als von Belegen dafür die Rede war, dass ISI-Offiziere bei einem Angriff von Taliban-Kämpfern auf Indiens Botschaft in Kabul ihre Hand im Spiel hatten. Damals gab es 54 Tote.

Gibt es Absprachen zwischen Agenten und Taliban?

Doch nun legt ein Bericht der "New York Times" neue Details offen, die - wenn sie stimmen - eine Ahnung vom Ausmaß der heimlichen Unterstützung für Terroristen und Militante vermitteln. Und vom Grad, zu dem Teile des pakistanischen Geheimdienstes offenbar ohne Kontrolle agieren. Laut der Zeitung stellen ISI-Offizieren den Taliban in Afghanistan direkte, materielle und finanzielle Unterstützung zur Verfügung.

Die Taliban bekommen demnach Geld; aber auch Munition wird von den Agenten zur Verfügung gestellt, wenn Taliban-Kommandeure darum bitten. Und es gibt, so die "New York Times" weiter, regelmäßige Treffen, in denen etwa die Frage diskutiert wird, ob vor den anstehenden Wahlen in Afghanistan die Taliban-Offensive eher ausgeweitet oder beschränkt werden solle. Auch würden Nato-Operationen verraten.

Die "New York Times" stützt ihren Bericht auf Aussagen von einem halben Dutzend namentlich nicht genannter Beamter, teils solche in US-Diensten, teils Pakistaner, teils nicht genannte Dritte. Den Recherchen zufolge laufen die Fäden im "S Wing" des ISI zusammen, einer Abteilung, die wahrscheinlich für Aktivitäten außerhalb Pakistans zuständig ist. Belege für die brisanten Verbindungen stammten aus elektronischen Überwachungen ebenso wie von Aussagen "vertrauenswürdiger Informanten", schreibt die Zeitung unter Berufung auf ihre Kronzeugen. Die pakistanischen Quellen beriefen sich zudem auf "Wissen aus erster Hand".

Verlängerter Arm Islamabads in Afghanistan?

Die Regierung Pakistans, die erste zivile nach der Herrschaft des Generals Pervez Musharraf, hatte erst vor Monaten versprochen, dass solcherlei "doppeltes Spiel" aufgehört habe. Offensichtlich verfügt Präsident Asif Ali Zardari jedoch nicht über genügend Einfluss bei dem Dienst, diese politische Vorgabe auch durchzusetzen.

Die Verbindungen des ISI zu den Taliban haben eine lange Vorgeschichte, denn der Dienst förderte die Entstehung der Bewegung der Koranschüler in den neunziger Jahren, um Afghanistan zu stabilisieren. Laut "New York Times" sagen einige pakistanische Beamte denn auch, die Aufrechterhaltung einiger dieser Verbindungen sei durchaus in Pakistans Interesse. Man müsse für den Fall, dass USA und Nato eines Tages aus Afghanistan abziehen, gewappnet sein - damit nicht Erzfeind Indien das danach wahrscheinlich entstehende Vakuum fülle.

Doch solcherlei Überlegungen dürften kaum rechtfertigen, dass ISI-Beamte Taliban-Kämpfer mit Treibstoff und Munition ausstatten, damit diese weiter US-Truppen angreifen können, wie es die "New York Times" berichtet. Dem Bericht zufolge übernehmen ISI-Agenten mitunter sogar die Rolle von Taliban-Rekruteuren, indem sie in den Koranschulen Pakistans den Nachschub an Kämpfern für den Dschihad in Afghanistan organisieren. Allerdings gilt es als unwahrscheinlich, dass Top-Beamte des ISI involviert sind.

Laut dem Artikel konzentriert sich die Unterstützung aus dem "S Wing" auf drei Gruppen:

  • die sogenannte"Quetta-Shura", die von Taliban-Oberchef Mullah Omar geführt wird;
  • das Netzwerk von Warlord Gulbuddin Hekmatyar;
  • und die Militanten um Jalaluddin Haqqani.

Sowohl Mullah Omar wie auch Haqqani sind unter den wichtigsten Zielen auf der Liste der US-Armee und der CIA.

Taliban sind deutlich erstarkt

Es ist womöglich kein Zufall, dass die neuen Details über den "S Wing" gerade jetzt publik werden. Wahrscheinlich schon am Freitag wird US-Präsident Barack Obama seine neue Strategie für Afghanistan und Pakistan vorstellen. Erst kürzlich hatte er gesagt, dass die USA in Afghanistan derzeit nicht dabei seien, "zu gewinnen".

Die Taliban erleben ein Comeback, so viel ist unbestritten. Erst am Donnerstag erklärten sie, dass sie einen US-Transport-Helikopter abgeschossen hätten.

Das Wiedererstarken der Taliban hängt mit vielen Faktoren zusammen, aber auch damit, dass zum Beispiel ihre Finanzierungswege nicht abgeschnitten werden konnten. So berichtet die "Financial Times", die größte Geldquelle der Taliban sei nicht mehr das Opiumgeschäft, sondern Spenden von reichen Golf-Arabern. Dies habe der US-Sondergesandte für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke, jüngst Nato-Botschaftern berichtet.

Das Wiedererstarken hat auch Pakistan in Mitleidenschaft gezogen. So haben sich die dortigen Taliban im Februar zusammengeschlossen und dem Qaida-Chef Osama Bin Laden sowie Mullah Omar ihre Gefolgschaft zugesagt. Bombenanschläge, auch durch Selbstmordattentäter, sind in Pakistan keine Seltenheit mehr. Erst am Donnerstag kam es zu einem solchen Anschlag, bei dem neun Menschen getötet wurden.

Wie sieht Obamas Strategie aus?

Außerdem steht womöglich neues Ungemach bevor. Denn wie ebenfalls die "New York Times" kürzlich berichtete, denkt die Regierung Obama darüber nach, die Drohnen-Angriffe der CIA in Pakistan auf die Provinz Belutschistan auszuweiten. Bisher agiert die CIA auf diese Weise nur in der Grenzregion Waziristan. Das aber würde den "Dschihad rechtfertigen", sagte ein radikaler Kleriker aus Quetta der Nachrichtenagentur Reuters - und also das Land weiter destabilisieren.

Die Regierung von Präsident Asif Ali Zardari ist überdies aus zahllosen innenpolitischen Gründen deutlich angeschlagen. Die Atommacht Pakistan steht auf der Kippe. Dass unter diesen Umständen der Geheimdienst nicht vollständig unter Kontrolle zu bringen ist, ist so nachvollziehbar wie gefährlich.

Letztlich geht es um die Frage, wie das Land weiter ein Alliierter der USA sein kann. Schon in den vergangenen zwölf Monaten haben Beamte mehrfach angedeutet, die jährliche Unterstützung in Höhe von rund einer Milliarde Dollar könne mit scharfen Auflagen verbunden werden.

Nicht zuletzt aus diesen Gründen wird die Erläuterung der US-Strategie von Präsident Obama mit Spannung erwartet - nicht nur in den USA und den Nato-Mitgliedstaaten, sondern auch in Pakistan und Afghanistan.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.