Terroristen in Pakistan Bin Ladens neues Schlachtfeld

Militante Islamisten sind in Pakistan auf dem Vormarsch, den Mord an Benazir Bhutto feiern sie wie einen Etappensieg. Über einige Gebiete hat der Staat längst die Kontrolle verloren. Und der Terror rückt immer näher an das Machtzentrum Musharrafs heran.

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Benazir Bhutto stand weit oben auf der Todesliste von al-Qaida. Als sie im Sommer aus ihrem Exil in Dubai den von ihrem Rivalen Pervez Musharraf angeordneten Sturm auf die Rote Moschee in Islamabad gutgeheißen hatte, schwor Aiman al-Sawahiri Rache. Dass die Nummer zwei des Terrornetzwerks die Drohung nun wahrgemacht hat, da sind sich die pakistanischen Behörden sicher. Milizenchef Baitullah Mehsud, der als regionaler Qaida-Anführer gilt, hat das Attentat ihrer Meinung für das Netzwerk ausgeführt.

Islamisten in der Grenzregion zu Afghanistan zerstören ein Tonbandgerät: "In den gesetzlosen Gegenden gut eingenistet"
AP

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Noch allerdings ist auf den einschlägigen Websites kein offizielles Bekennerschreiben der al-Qaida aufgetaucht und Mehsud weist eine Verwicklung zurück. Bhutto selbst hatte Islamisten schon hinter dem Anschlag im Oktober vermutet, als Selbstmordattentäter während der Parade zu Ehren ihrer Rückkehr 140 Menschen in den Tod bombten. Im Verdacht: Qaida-Kämpfer genauso wie Taliban-Milizen oder einheimische Extremisten.

Kein Zweifel, als Hoffnungsträgerin der Demokratie war Bhutto ein Feindbild aller islamistischen Gruppen im Land. Und jede von ihnen wäre zu dem Attentat in der Lage gewesen. Die extremistischen Kräfte sind in Pakistan seit langem auf dem Vormarsch.

Das zweitgrößte muslimische Land der Welt mit seinen fast 170 Millionen Einwohnern ist Hort ausländischer und heimischer Qaida-Terroristen, afghanischer Taliban, von Islamisten und Militanten aller Couleur.

Lange galt lediglich die Region Waziristan im Nordwesten, jenes Grenzgebiet zu Afghanistan, in dem die Zentralregierung traditionell wenig zu sagen hat, als deren Hochburg und Unterschlupfgebiet. Hier bilden al-Qaida und Co. ihren Nachwuchs in Terror-Camps aus, sammeln sich Tausende afghanische und pakistanische Kämpfer, lokale und ausländische Terroristen, die sich dem Dschihad verschrieben haben. Die pakistanische Armee steht in den Stammesgebieten des Landes gegen die Dschihadisten auf verlorenem Posten.

Doch das Krebsgeschwür des Terrors hat inzwischen weit über die Region hinaus seine Metastasen gestreut - bedrohlich nah an das Machtzentrum des instabilen Staates heran.

Im Oktober kam es erstmals zu Kämpfen zwischen Armee und Militanten in der an Waziristan grenzenden Swat-Region. Das idyllische Tal war einst beliebtes Touristenziel - Slogan: "Ein Paradies auf Erden". Heute versuchen radikale Muslime unter Führung des Eiferers Mullah Fazlullah ihre Vorstellungen des Scharia-Emirats durchzusetzen, nur zwei Autostunden von der Hauptstadt Islamabad entfernt. Dorf für Dorf erobern die Radikalen die Provinz, bedrohen Friseure und CD-Händler mit dem Tod.

Auch in Peschawar, der Millionen-Hauptstadt der Nordwestprovinz vor den Toren der Stammesgebiete, sind seit dem Sieg der Islamisten bei den Provinzwahlen 2002 Filmplakate und öffentliche Musik verboten, die Frauen sind tiefschwarz verschleiert, fast jeder Mann trägt seine Kalaschnikow zur Schau.

In der Kapitale Islamabad sprengten sich schon Anfang des Jahres Selbstmordattentäter in die Luft, im Sommer verschanzten sich Hunderte Islamisten, angeblich unterstützt von Qaida-Kämpfern, in der Roten Moschee wenige Kilometer vom Amtssitz des Präsidenten, forderten dessen Rücktritt und die Islamisierung des Landes. Als Musharraf das Militär schickte, war das Blutbad unvermeidlich. Wenig später rief Osma Bin Ladens Stellverteter Sawahiri seine Anhänger auf, die Dutzenden Toten in der Roten Moschee zu rächen.

Die Gerüchte wollen nicht verstummen, dass Sawahiri im 15-Millionen-Moloch Karatschi Unterschlupf gefunden hat, um von dort seine regelmäßigen Video- und Audiobotschaften abzusetzen, während Terrorchef Osama Bin Laden sich weiter in den Bergen an der Grenze zu Afghanistan versteckt halten soll - wohlgemerkt auch er auf pakistanischem Boden. Von seinem "safe house" soll er Geheimdienstkreisen zufolge das Todesurteil für Benazir Bhutto verbreitet haben und zudem zwei Attentate auf Musharraf geplant haben, die scheiterten.

Dass die relativ wohlhabende Hauptstadt der Provinz Sindh, Bhuttos Stammland, keineswegs terrorfrei ist, zeigte sich schon Anfang 2002, als Qaida-Terroristen hier den US-Journalisten Daniel Pearl verschleppten, den sie nach Tagen der Gefangenschaft vor laufender Kamera enthaupteten. In Karatschi war es auch, wo die Selbstmordbomber Benazir Bhutto erstmals nach dem Leben trachteten.

Am Donnerstag nun riss sie ein Attentäter in den Tod. Ausgerechnet in der Garnisonsstadt Rawalpindi, dem Machtzentrum von Armee und Geheimdienst. Auf Fotos, die Bhutto kurz vor dem Anschlag zeigen, wie sie aus dem Schiebdach ihres Wagens den Massen winkt, ist von uniformierten Sicherheitskräften in ihrer Nähe allerdings nichts zu sehen. Ein Umstand, der auch die Regierung Musharraf einmal mehr ins Zwielicht rückt.

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