Terrorjagd in Pakistan Voreilige Euphorie um al-Sawahiri

Die schweren Kämpfe in der pakistanischen Provinz Waziristan dauern an. Das Militär feuerte in der Ortschaft Wana Raketen auf eine Moschee. 400 Islamisten, darunter al-Qaida-Kämpfer, leisten erbitterten Widerstand. Entgegen bisheriger Annahmen befindet sich Bin-Laden-Stellvertreter al-Sawahiri nicht unter den Eingekesselten.


Festnahme in Wana: 400 Extremisten eingekesselt
REUTERS

Festnahme in Wana: 400 Extremisten eingekesselt

Washington/Islamabad - Pakistans Präsident Pervez Musharraf höchstselbst hatte die Gerüchte mitgeschürt, seine Truppen stünden kurz vor der Ergreifung Aiman al-Sawahiris, des Stellvertreters Osama Bin Ladens. Nun hat US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Erwartungen einer baldigen Festnahme der Nummer Zwei des Terrornetzwerks al-Qaida gedämpft. Es sei unklar, ob al-Sawahiri unter den von pakistanischen Einheiten im Grenzgebiet zu Afghanistan eingekesselten Kämpfern sei, sagte Rumsfeld dem US-Sender CNN. "Mir ist nicht klar, wer sich dort aufhält, wenn dort überhaupt jemand ist", sagte der Pentagon-Chef.

Ein pakistanischer General sagte, abgefangene Funksprüche ließen darauf schließen, dass der heftige Widerstand der eingekreisten Kämpfer auf die Anwesenheit eines tschetschenischen oder usbekischen Extremistenführers zurückzuführen ist. Wahrscheinlich sei al-Sawahiri nicht in dem eingeschlossenen Gebiet. Auf die Frage, ob der usbekische oder tschetschenische Islamistenführer entkommen sei, sagte der Militär: "Vielleicht." Zuvor hatte es geheißen, niemand könne aus dem Kessel entkommen.

Süd-Waziristan: Pakistischer Einheiten beziehen Stellung gegen al-Qaida-Kämpfer
AP

Süd-Waziristan: Pakistischer Einheiten beziehen Stellung gegen al-Qaida-Kämpfer

Trotz der Enttäuschung ist die Offensive gegen radikalislamische Kämpfer im Grenzgebiet nicht ohne Erfolg geblieben. Bisher haben pakistanische Soldaten 100 Verdächtige festgenommen. 16 seien getötet worden, drei davon allein am Samstag, sagte Generalleutnant Safdar Hussein vor Journalisten in der Provinz Süd-Waziristan.

Im Grenzgebiet lieferten sich Tausende von Soldaten und Paramilitärs weiter schwere Kämpfe mit den bis zu 400 Eingekesselten, unter denen sich al-Qaida-Kämpfer befinden sollen. Die Belagerten leisteten weiter erbitterten Widerstand, hieß es.

Die pakistanischen Streitkräfte hatten unterstützt von Kobra-Kampfhubschraubern und Artillerie den Ring um die in einer Art Festungsanlage aus Lehm eingeschlossene Gruppe enger gezogen. Die am Dienstag begonnene Offensive ist die blutigste seit dem Sturz des afghanischen Taliban-Regimes im Dezember 2001. Bislang sind dabei etwa 50 Menschen getötet worden, darunter 19 Paramilitärs. 24 pakistanische Soldaten und Paramilitärs werden seit Dienstag vermisst und könnten von den al-Qaida-Kämpfern als Geiseln genommen worden sein.

Tote unter den Zivilisten

Die Provinzstadt Wana wirkte wie ausgestorben. Die meisten Bewohner trauten sich nicht aus den Häusern. Wie Bewohner am Telefon sagten, wurden zwei Menschen getötet, als Kampfhubschrauber Raketen auf eine Moschee in Wana feuerten. In einem nahe gelegenen Dorf seien bei einem Kampfhubschrauberangriff eine Frau und drei Jungen ums Leben gekommen.

Großbritannien hat unterdessen nach einem Pressebericht 100 Soldaten der Sonder-Einheit SAS zu Suche nach Osama Bin Laden nach Afghanistan geschickt. Die USA hätten die Regierung in London gebeten, noch mehrere hundert weitere der Elitesoldaten zu entsenden, berichtete die Zeitung "The Daily Telegraph" am Samstag unter Berufung auf Quellen im Verteidigungsministerium.



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