Terrorjagd Pakistanische Armee verfehlt den großen Fang

Unter den Terroristenjägern im Grenzgebiet zu Afghanistan macht sich Ernüchterung breit: Bin-Laden-Vize al-Sawahiri befindet sich nicht unter den von der pakistanischen Armee Eingekesselten. Vielmehr sei man einem Usbeken- oder Tschetschenen-Führer auf der Spur - und der ist möglicherweise entkommen.


Süd-Waziristan: Pakistischer Einheiten beziehen Stellung gegen al-Qaida-Kämpfer
AP

Süd-Waziristan: Pakistischer Einheiten beziehen Stellung gegen al-Qaida-Kämpfer

Islamabad - Ein Befehlshaber der pakistanischen Armee teilte mit, statt der Nummer zwei der al-Qaida, Aiman al-Sawahiri, halte sich möglicherweise ein hoher tschetschenischer oder usbekischer Extremistenführer in dem Gebiet auf, das von den Soldaten umzingelt ist. Der pakistanische General sagte, diese Vermutung liege nahe, da abgehörte Funksprüche der Gejagten in tschetschenischer oder usbekischer Sprache gewesen seien.

Seit Dienstag hat die Armee mehrere Dörfer in der Provinz Süd-Wazairistan im Visier. Dabei stießen sie auf heftigen Widerstand. Das lasse darauf schließen, dass die Kämpfer einen hohen Führer verteidigten, teilten die Behörden in Islamabad mit. Pakistans Präsident Pervez Musharraf hatte Gerüchte angeheizt, dass sich Osama Bin Ladens Stellvertreter al-Sawahiri in den Dörfern aufhalte.

Später teilte die pakistanische Armeeführung mit, es sei ausgeschlossen, dass irgendjemand den Belagerungsring der Soldaten durchbrechen könne. Nun hieß es, der Befehlshaber der Widerstandskämpfer sei möglicherweise entkommen.

Den pakistanischen Streitkräften gelang es, rund 100 Kämpfer festzunehmen. Insgesamt werden dort weitere 300 vermutet.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte am Freitagabend in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN: "Mir ist nicht klar, wer dort ist, wenn überhaupt jemand dort ist. Aber ganz sicher leisten dort eine Menge tapferer pakistanischer Soldaten schwere Arbeit."

Zu deren Unterstützung will Großbritannien dem "Daily Telegraph" zufolge 100 Soldaten der Sonder-Einheit SAS entsenden. Sie sollen auch Terrorchef Bin Laden stellen. Die Blair-Regierung entspreche damit einer Bitte der USA. Die Zeitung beruft sich auf Quellen im Verteidigungsministerium.

Hintergrund der Offensive im Grenzgebiet zu Pakistan ist das Bestreben von US-Präsident George W. Bush, Bin Laden bis Mai festzunehmen. Andernfalls befürchte Bush, dass ihm im US-Wahlkampf vorgeworfen werden könnte, die Verantwortlichen für die Anschläge vom 11. September nicht zur Rechenschaft gezogen zu haben, so die Zeitung.

Der britische Außenminister Jack Straw sagte in einem Interview mit dem "Daily Telegraph", die internationale Gemeinschaft hätte die Anschläge vom 11. September verhindern können, wenn sie früher gegen al-Qaida vorgegangen wäre. "Wenn wir das getan hätten, hätten wir den 11. September und alles, was sich daraus entwickelt hat, möglicherweise vermieden", sagte Straw. Die Absichten und Möglichkeiten der al-Qaida-Terroristen seien schon nach ihrem ersten Anschlag auf das World Trade Centre in New York 1993 "sehr, sehr klar" gewesen.



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