Terrorpropaganda Wie al-Qaida den Karikaturenstreit ausschlachtet

Der vereitelte Anschlag auf Kurt Westergaard rückt das Thema wieder in den Vordergrund: Bin Laden und andere hochrangige Terrorführer fordern seit Jahren blutige Vergeltung für die Mohammed-Karikaturen. Die Aufforderung, den Propheten zu rächen, fruchtet bei Kadern und Sympathisanten.

Pakistanische Studenten verbrennen 2008 eine dänische Flagge: Rache für den Propheten
dpa

Pakistanische Studenten verbrennen 2008 eine dänische Flagge: Rache für den Propheten

Von Yassin Musharbash


Berlin - Also sprach Osama Bin Laden: "Ich richte diese Rede an die islamische Gemeinschaft ... und dränge sie, unseren Propheten Mohammed zu unterstützen und die Verantwortlichen für dieses schreckliche Verbrechen zu bestrafen, das von einigen Kreuzfahrer-Journalisten begangen wurde." Von April 2006 stammt diese Aufforderung des Qaida-Chefs, Rache zu üben für die Karikaturen über den Propheten Mohammed, welche die dänische Tageszeitung "Jyllands-Posten" einige Monate zuvor gedruckt hatte. Man muss Bin Ladens Worte als nach wie vor gültige Order betrachten.

Das beweist nicht zuletzt der neuerliche Anschlagsversuch auf den Karikaturisten Kurt Westergaard, der für eine der Zeichnungen verantwortlich war. Der Angriff eines 28-jährigen Somaliers konnte abgewehrt werden.

In den Jahren seit der Veröffentlichung der Spottbilder hat fast jeder halbwegs hochrangige Terrorführer zur Vergeltung aufgefordert. Qaida-Vize Aiman al-Sawahiri sprach davon, dass sich angesichts dieser "Abscheulichkeiten" jeder Muslim fragen müsse, ob er bereit sei, "das, was wir besitzen, auf dem Wege Gottes zu opfern" - und also Rache zu nehmen.

Die Taliban erklärten ebenfalls, dass Dänemark als Land und die Karikaturisten als Personen bestraft werden müssen. Die irakische Terrorgruppe Ansar al-Islam druckte Namen fast aller europäischen Tageszeitungen, welche die Karikaturen nachgedruckt hatten, darunter auch deutsche Blätter wie "die tageszeitung" oder "Die Welt". In mehreren Propagandavideos von al-Qaidas Medienabteilung al-Sahab wurden die Rachegelüste weiter befeuert, immer wieder, jedes Jahr aufs Neue.

Mit der Karikaturen-Propaganda neue Unterstützer gewinnen

Die Karikaturen eignen sich hervorragend zur Agitation. Denn das Lächerlichmachen des Propheten Mohammed ist nicht nur für Dschihadisten oder radikale Islamisten eine vergeltungswürdige Tat. Viele Muslime fühlten sich durch die Bilder - oder die Gerüchte darüber, was diese angeblich zeigten - verletzt. Al-Qaida und verwandte Gruppen versuchten das für ihre Zwecke auszunutzen, indem sie sich lautstark an die Spitze der Bewegung setzten. Das hatte für sie doppelten Nutzen: Erstens hofften die Terroristen, dadurch neue Unterstützer im gemäßigten Lager zu finden. Zweitens wollten sie zugleich allen übrigen islamischen Gruppierungen und Interessenvertretungen den Stempel der Feigheit und des Duckmäusertums aufdrücken.

Tatsächlich kam es mehrfach zu Versuchen, blutige Rache zu nehmen. Die dänische Botschaft in Afghanistan wurde attackiert, al-Qaida veröffentlichte später ein eigenes Video zur Verherrlichung des Attentäters. In Deutschland versuchte ein pakistanischer Student mit einem Messer bewaffnet, den Chefredakteur der "Welt" anzugreifen, weil dessen Zeitung die Karikaturen nachgedruckt hatte; noch gefährlicher war der Anschlagsversuch der beiden "Kofferbomber", die Sprengsätze in zwei Regionalzügen deponiert hatten - angeblich ebenfalls, weil sie damit gegen die dänischen Karikaturen protestieren wollten.

In Dänemark selbst war der Anschlag auch nicht der erste - weder gegen "Jyllands-Posten", noch gegen Westergaard. Erst vor wenigen Wochen wurde der US-Bürger Steven Headley festgenommen, der sogar persönlich ein Büro von "Jyllands-Posten" ausgekundschaftet hatte - getarnt als Geschäftsmann, der Anzeigen schalten wollte, und mutmaßlich, um dort einen Anschlag zu verüben.

Der Täter kam mit einer Axt

Viele Details über den Attentäter des gestrigen Anschlags auf Westergaard sind noch nicht bekannt. Aber laut dem dänischen Inlandsgeheimdienst PET hatte er Kontakte zu den Schabaab-Milizen in Somalia, die klar auf Qaida-Kurs sind. Die Arbeitshypothese der Sicherheitsbehörden im Moment ist, dass der Mann persönlichen Kontakt in Somalia selbst hatte, also nicht etwa nur per Internet kommunizierte, heißt es in Kopenhagen. All das wird nun geprüft.

Im Moment hält man es für wahrscheinlich, dass der 28-Jährige sich selbst als Attentäter anbot, heißt es aus dem Umfeld der dänischen Behörden. Besondere logistische Unterstützung scheint er indes nicht bekommen zu haben. Dagegen spricht zum Beispiel, dass er lediglich mit einer Axt ausgerüstet war.

Die Somalia-Connection beunruhigt die dänischen Behörden massiv. Erst vor kurzem hatte sich ein dänischer Bürger in Mogadischu als Selbstmordattentäter zur Verfügung gestellt - die entsprechenden Netzwerke sind vermutlich noch nicht vollständig aufgeklärt.

Weitere Attentate sind wahrscheinlich

Die nunmehr ins fünfte Jahr gehende Kampagne von al-Qaida und Co. wegen der Karikaturen ist ein Beispiel dafür, dass die mentalen Uhren der Dschihadisten anders ticken, zumal als die der westlichen Mediengesellschaft. "Geduld" und das "Warten auf den richtigen Zeitpunkt" sind zwei Tugenden, die sie immer wieder predigen.

Es ist deshalb so gut wie sicher, dass es wegen der Karikaturen noch weitere Attentate geben wird. "Es gibt praktisch keinen Anschlag, der leichter an die Sympathisanten zu verkaufen ist", sagt ein in Kopenhagen lebender Terrorexperte.



insgesamt 471 Beiträge
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Seite 1
p.rabig 03.12.2009
1. rndspread?
ich vermute das variiert. es wird wohl von den zielen einzelner abhängig sein, je nach zelle und deren dachorganisation in den jeweiligen afrikanischen, asiatischen und europäischen ländern
altsprech 03.12.2009
2.
Zitat von sysopAl-Qaida sieht sich als Speerspitze im Kampf gegen die Ungläubigen. In den Opferzahlen spiegelt sich das nicht wider. Eine Studie zeigt: Zwischen 2004 und 2008 tötete die Organisation zwar 371 Nicht-Muslime, gleichzeitig fielen ihr aber mindestens 2639 Muslime zum Opfer. Wen hat die Terrorgruppe wirklich im Visier?
Al-Qaida ist nicht viel mehr als eine erstaunlich schlecht getarnte Brigade des saudischen Geheimdiensts. Wenn die USA den "Krieg gegen den Terror" gewinnen wollen, müssen sie nur ihre Special Forces nach Saudi-Arabien schicken, statt nach Afghanistan und die Wahhabiten – die Wurzel des Ganzen – von der Macht entheben.
THM, 03.12.2009
3.
Zitat von sysopAl-Qaida sieht sich als Speerspitze im Kampf gegen die Ungläubigen. In den Opferzahlen spiegelt sich das nicht wider. Eine Studie zeigt: Zwischen 2004 und 2008 tötete die Organisation zwar 371 Nicht-Muslime, gleichzeitig fielen ihr aber mindestens 2639 Muslime zum Opfer. Wen hat die Terrorgruppe wirklich im Visier?
Wer oder was ist Al-Quida in Wirklichkeit? Unter dem Label werden m.E. verschiedene autonom operierende Gruppen subsummiert. Abgesehen davon ist doch bekannt, dass das Hilfspersonal der "Nicht-Muslime" überwiegend aus Einheimischen besteht. Nicht nur im Krieg, auch vor Botschaften, Hotels etc. In Europa und USA zu agieren ist wesentlich komplizierter. Mit gemeinsamem Glauben hat es sowieso nichts zu tun, sonst hätte es unter den Glaubensbrüdern nicht schon so viele blutige Konflikte gegeben.
sysop 03.12.2009
4. Der Artikel...
...zum Thema... http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,660420,00.html
gukki 03.12.2009
5. Kampf gegen die Ungläubigen
Zitat von sysopAl-Qaida sieht sich als Speerspitze im Kampf gegen die Ungläubigen. In den Opferzahlen spiegelt sich das nicht wider. Eine Studie zeigt: Zwischen 2004 und 2008 tötete die Organisation zwar 371 Nicht-Muslime, gleichzeitig fielen ihr aber mindestens 2639 Muslime zum Opfer. Wen hat die Terrorgruppe wirklich im Visier?
Al-Qaida ist das Synomym für Widerstandskämpfer (oder Terrorist, je nach Standpunkt) gegen die USA und deren Verbündete. Nach ihrem "Riesenerfolg" mit 9/11 dürfte es heute kaum noch echte Al-Qaida Mitglieder geben. Außer in der Propaganda. Nur zur Erinnerung: Bush sprach von einem Kreuzzug, bis seine Berater das korrigierten in "Kampf gegen den Terror". Glauben Sie, das ist ein Unterschied für Amerika?
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