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Terrorsekte Boko Haram: Mit Bomben gegen Kirchen

Foto: AMINU ABUBAKAR/ AFP

Terrorsekte Boko Haram Christenjäger stürzen Nigeria ins Chaos

Die Sekte rekrutiert ihre Kämpfer im bettelarmen Norden Nigerias - und schickt sie auf Todesmissionen gegen Christen. Mindestens 120 Menschen starben bei den jüngsten Anschlägen der radikalen Boko-Haram-Gruppe. Längst hat sie weltweit Kontakte zu anderen islamistischen Terroristen geknüpft.

Hamburg - Die Terroristen tragen ihre Botschaft im Namen. "Boko Haram" bedeutet übersetzt in etwa "Die westliche Lehre ist Sünde". Unter diesem Motto macht die radikalislamische Sekte seit Jahren Jagd auf Christen, vor allem im Norden Nigerias. Am Freitag ließen Mitglieder der Vereinigung in der Millionenmetropole Kano Sprengsätze explodieren - mindestens 120 Menschen, so berichten lokale Krankenhäuser, kamen bei der straff durchgeplanten Anschlagsserie ums Leben. Ein BBC-Reporter berichtet sogar von mehr als 150 Toten.

Die Anschläge hatten unmittelbar nach den Nachmittagsgebeten begonnen. Unter anderem fuhr ein Selbstmordattentäter mit seinem Auto auf das Gelände des regionalen Polizeihauptquartiers und zündete seinen Sprengsatz. Die Wucht der Detonation war kilometerweit zu spüren. Sie riss das Dach des Gebäudes weg und zerstörte alle Fensterscheiben des Hauses. Ein Sprecher von Boko Haram erklärte, die Festnahme von Sektenmitgliedern sei der Grund für die Attentate gewesen

Es ist die nächste Eskalationsstufe im Kampf zwischen Muslimen und Christen im bevölkerungsreichsten Land Afrikas. Boko Haram wird für mindestens 510 Morde im vergangenen Jahr verantwortlich gemacht. An Weihnachten 2011 waren vor mehreren Kirchen selbstgebaute Bomben hochgegangen. Damals starben mehr als 40 Menschen, auch hier bekannte sich Boko Haram zu den Bluttaten.

Nicht nur die Frequenz der Angriffe steigt, die Attentäter sind auch immer besser organisiert und bewaffnet. Vor wenigen Jahren waren die Kämpfer aus dem Nordosten noch mit vergifteten Pfeilen und Macheten gegen die Polizei vorgegangen. Inzwischen sind sie nicht nur mit Sprengstoff, sondern auch mit höher entwickelter Waffentechnik ausgestattet. Beobachter vermuten sogar Unterstützer der Gruppe in der Politik. Im November 2011 war ein Senator wegen möglicher Kontakte zu der radikalen Sekte verhaftet worden.

Dabei waren die Behörden in Nigeria noch Mitte 2009 davon ausgegangen, die Sekte zerschlagen zu haben. Zuvor waren bei groß angelegten Razzien und Unruhen im Nordosten rund 700 Menschen getötet worden, darunter auch der damalige Führer der Boko Haram, Mohammed Yusuf. Es gibt Videoaufnahmen aus jener Zeit, die zeigen, wie Uniformierte mutmaßliche Sektenmitglieder von einem Pick-up zerren und auf der Stelle erschießen.

Inzwischen aber hat sich die Gruppe reorganisiert und mehr Zulauf denn je. Zudem haben die Fundamentalisten Anschluss an das globale Terrornetzwerk gefunden. Ein Netz, das die Schabab-Milizen in Somalia, militante Gruppen in Pakistan sowie al-Qaida in der Sahara umfasst. Es wird vermutet, dass sich die rasche Professionalisierung der Gruppe auch mit diesen Kontakten zusammenhängt. Im Land werde sie bereits die "Taliban Nigerias" genannt. Laut "Wall Street Journal" wurden schon ab 2007 Mitglieder von Boko Haram in Terrorcamps in Afghanistan ausgebildet.

Armut und Korruption im Norden Nigerias

Gegründet wurde Boko Haram etwa Mitte der neunziger Jahre nahe der Millionenstadt Maiduguri im armen Nordosten des Landes. Vor rund zehn Jahren hatte Mohammed Yusuf, ein Anhänger der Scharia, die Führung übernommen. In dem Gebiet fand er die idealen wirtschaftlichen und demografischen Rahmenbedingungen für eine radikale Organisation.

Von den Öleinnahmen des christlichen Südens ist in Maiduguri, außer in den Taschen des Gouverneurs und seiner Helfershelfer, nie etwas angekommen. Hinzu kommen Arbeitslosigkeit, Korruption und ein brutaler Polizeiapparat. Entsprechend groß sind Frust und Gewaltbereitschaft, gerade in der jüngeren Bevölkerung.

Hussaini Abdou, Landesdirektor der Organisation "Action Aid Nigeria", beschrieb die Situation in der ARD so: "Boko Haram lehnt westliche Erziehung ab. Die Radikalisierung hängt stark mit der schlechten wirtschaftlichen Lage zusammen. Boko Haram ist zum Sammelbecken geworden für junge Leute ohne Bildung, ohne Job." Eines der erklärten Ziele der Gruppe ist die Einführung der islamischen Rechtssprechung. Die Scharia müsse im ganzen Land gelten, so die Forderung.

Spaltung des Landes wird befürchtet

Inzwischen halten viele Nigerianer sogar eine Spaltung des Landes für möglich. Der Generalsekretär der christlichen Kirchen im Norden des Landes rief bereits zur Selbstverteidigung auf. "Es reicht. Wir fürchten, dass die Lage in einen Religionskrieg ausartet."

Die Nigerianer selbst haben die von Boko Haram ausgehende Gefahr lange unterschätzt. Noch Anfang 2010 attestierte ein hoher Geheimdienstmann der Gruppe "mangelnde organisatorische Fähigkeiten". Sie sei nicht in der Lage, "ausländische Interessen zu gefährden". Mit dieser Einschätzung lag er gründlich falsch: Im August desselben Jahrs verübte Boko Haram einen Selbstmordanschlag auf den Uno-Sitz in Abuja und tötete 25 Menschen.

jok